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Krebs, Drogen und Verlust der Unschuld: „Milla meets Moses“

Krebskranker Teenager erlebt in der spießigen Vorstadt die erste Liebe: „Milla Meets Moses“ hat viele Vorbilder, ist aber sehr eigen.

Blick gen Himmel: Milla (Eliza Scanlan) warten am häuslichen Pool auf den Tod.

Blick gen Himmel: Milla (Eliza Scanlan) warten am häuslichen Pool auf den Tod.

Foto: X Verleih

„Wie nennt sich das?“ fragt Mama Anna (Essie Davis) ihre Tochter Milla (Eliza Scanlan) und zeigt beim ersten elterlichen Abendessen mit deren heruntergekommenem Junkie-Freund Moses (Toby Wallace) auf Millas völlig zerschnittene Frisur. Tja, wie nennt sich das?

Wahrscheinlich individueller Ausdruck, ganz bestimmt aber Auflehnung gegen das Establishment, das das brave Vorstadt-Mädel da durch den räudigen Straßenjungen Moses lernt, der mit seinen Tattoos und Ohrringen so gar nicht in das gediegene Ambiente der 15-Jährigen mit Geigenstunden und Vorbereitung auf den Schulball gehört.

Ja, wie nennt sich das? Coming-of-Age-Drama ist normalerweise die Bezeichnung für so einen Film, der von der Erwachsenwerdung eines Teenagers erzählt, der sich reibt an den Eltern und den Erfordernissen des Körpers, was hier eine besondere Herausforderung ist, denn Milla hat Krebs und nicht mehr viel Zeit.

Ein Hauch von „American Beauty“

Und da der Film in den australischen Suburbs spielt, mit komischen Figuren wie einer rauchenden schwangeren Nachbarin samt Eis und Hund sowie einem skurrilen Musiklehrer mit heftigem Dialekt, denkt man an „American Beauty“ (ohne wehende Plastiktüte!) oder wegen des Krebses an „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (ohne Tränendrüse).

Und doch passt „Milla meets Moses“ in so gar keine Schublade, weil Regisseurin Shannon Murphy in ihrem Erstlingsfilm gekonnt die Klippen zwischen Teenie-Befindlichkeitsdrama, tränenreicher Krankentragödie und simplem Eltern-Bashing umschifft.

Wenn sogar die Mama high ist

Vielmehr löst sie die klassischen Stationen eines Coming-of-Age-Dramas durchweg originell auf. Das gefürchtete Eltern-Abendessen mit dem ungeliebten Freund? Endet lustig, denn es ist eigentlich vor allem die tablettensüchtige Mama, die so richtig high ist!

Der drogensüchtige Moses wird in der Nacht beim Einbruch in Millas Haus erwischt? Er darf zum Frühstück bleiben! Moses hat die zunehmend schwächer werdende Milla in einer Nacht draußen im Stich gelassen? Millas Papa Henry (Ben Mendelsohn), Psychiater und selber morphiumsüchtig, lädt den wohnungslosen Moses in sein schickes Haus ein, inklusive regelmäßiger Belieferung mit Psychopharmaka.

Das gepflegte Ambiente von Millas Familie samt Pool, gediegenen braunen Möbeln, bodentiefen Fenstern, viel Grünzeug und stets roten Dahlien steht dabei im hübschen Gegensatz zu den unaufgeräumten Seelenlandschaften, durch die sich diese launige Tragikomödie bewegt.

Das Bild vom verlorenen Milchzahn

Melancholische Zwischentitel strukturieren dabei das Geschehen, schildern entweder Ort („Gideons Musikschule“) oder Gefühl („Schlaflos“) und kommen dabei so unberechenbar und keinem logischen Prinzip folgend daher wie die Frisur von Milla, die mal Glatze, mal blonde Perücke, mal grüne kurze Haare und mal blonden Zopf trägt.

Ja, wie nennt sich das denn? Ein Film, der gleichzeitig mit der gelungenen Figur des Moses das Dysfunktionale feiert, seine junge Heldin mit dem starken Bild des verlorenen Milchzahns die Unschuld verlieren und sie auf dem Weg zum langsamen Tod von liebevoll schwachen Eltern begleiten lässt, die alles tun, um ihre todgeweihte Tochter zu retten? Einfach ein feiner, disparater Film. „Australian Beauty“.

Tragikomödie Australien 2019 118 min., von Shannon Murphy, mit Eliza Scanlan, Toby Wallace, Essie Davis