Neu im Kino

Den Faden verloren: „Jim Knopf und die Wilde 13“

Fluch der Realität: Dennis Gansel inszeniert bildgewaltig „Jim Knopf und die Wilde 13“, die Fortsetzung von Michael Endes Kinderbuch.

Wieder auf abenteuerlichen Reisen: Jim Knopf (Solomon Gordon, l.) und Lukas der Lokomotivführer (Henning Baum).

Wieder auf abenteuerlichen Reisen: Jim Knopf (Solomon Gordon, l.) und Lukas der Lokomotivführer (Henning Baum).

Foto: Joe Alblas / dpa

„Eine Insel mit zwei Bergen…“ Kindheitsfantasien steigen da aus der Augsburger Puppenkiste – mit Figuren am Faden, Meereswellen aus Plastik und dem Scheinriesen Herrn TurTur, der in der Marionettentheater-Fassung für das Fernsehen tatsächlich vom fürchterlichen Riesen aus der Ferne zu einer gewöhnlich großen Figur schrumpfte. Für Kinderaugen durch die doppelte Verfremdung – Menschen werden zu Puppen und Riesen zu Zwergen – gleich zweifach faszinierend.

Es ist daher ein Trugschluss zu glauben, dass man Fantasy-Figuren und ihren märchenhaften Orten näherkommt, je realistischer man sie zeichnet, je spektakulärer die Effekte sind und je pompöser die Musik diese begleitet. Ja, Michael Ende entführt uns auch in seinen „Jim Knopf“-Büchern aus den frühen 1960er-Jahren in magische Welten, in denen Figuren mit geheimnisvollen Namen regieren wie die Nixe Sursulapitschi, die Chinesin Li Si oder König Alfons-der-Viertel-vor-Zwölfte.

Wie bei Tim Burton und Steven Spielberg

Wenn Regisseur Dennis Gansel nach „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (2018) nun mit „Jim Knopf und die Wilde 13“ die Abenteuer der Bewohner von Lummerland erneut für das große Kino fortschreibt, dann entzaubert er ein weiteres Mal Michael Endes sprachgewaltige Mär über den Reiz des Fremden und den Wert wahrer Freundschaft, das Hohelied auf Toleranz und Geduld zu Gunsten großen Popcorn-Kinos.

Die düster orchestrierte Ankunft der „Wilden 13“ auf Kummerland gleich zu Beginn sieht aus wie in einem Tim-Burton-Film. Wenn Jim Knopf (Solomon Gordon) und Lukas (Henning Baum) mit Lokomotive Emma über die Wolken und durch einen Regenbogen fliegen, wähnt man sich bei Steven Spielberg. Und nicht zuletzt erinnert man sich bei der von Rick Kavanian gleich dutzendfach gespielten Piratenfigur an „Fluch der Karibik“.

Ja, die Stationen des Buchs (Lummerland sucht einen Leuchtturmwärter, Jim Knopf seine Herkunft und die Nixe das Meeresleuchten im Barbarischen Meer) sind dicht und schnell erzählt. Es geht dank CGI-Technik bildgewaltig zu, die Musik dräut, und die Darsteller bemühen sich nach Kräften. Allein: Mit dem Tempo verfliegt der ganze kindliche Zauber. ­Figuren, wo sind nur eure Fäden?

Abenteuerfilm D 2020, 109 min., von Dennis Gansel, mit Henning Baum, Solomon Gordon, Annette Frier