Dieser Film nimmt einen sofort mit. Ohne Umschweife. Ein Mann jagt mit seiner Tochter einen sehr bunten Drachen. Er spricht eindringlich aus dem Off, die Bilder sind in Zeitlupe – und beides macht klar, dass hier Trauerarbeit geleistet wird.
Das Mädchen, Monique Watson, wird seit Tagen vermisst („wie andere 500.000 Kinder in den USA“), Vater Michael ist verzweifelt und – schwarz, womit wir uns mitten in Brooklyn und dem Riss in der US-Gesellschaft befinden.
Die (weiße) Polizei hat den Fall allzu schnell abgehakt und ist von Rassisten durchsetzt, die vom „Zoo“ sprechen, wenn sie Brooklyn meinen, und lieber Fälle schnell als richtig lösen. Michael nimmt also den Fall selbst in die Hand, verteilt Handzettel von Tür zu Tür, irrlichtert zwischen Selbsthilfegruppe und Kirche umher und versucht, seine kleine Familie mit trauernder Ehefrau und an Wahnvorstellungen leidendem Sohn zusammenzuhalten. Denn: Monique ist für sie „noch da“.

„Still here“ hätte also ein richtig guter Film werden können aus dem George-Floyd-Amerika mit auch zweifelnden Cops, eindringlichen Familienszenen aus dem schwarzen Milieu und einem großartigen Maurice McRae als wütend-trauernder Vater, der intensiv und nicht outriert agiert.
Schöner Journalist im blauen Anzug
Doch leider hat Regisseur Vlad Feier in seinem Regiedebüt eine zweite Erzählebene eingebaut, die weitestgehend misslungen ist. Mit dem Journalisten Christian Baker (Johnny Whitworth) lässt er einen Schönling im blauen Anzug auf die Familie Watson los, der die Hintergründe des Vermisstenfalls für seine Zeitung aufschreiben soll.
Womit dann alle Fehler durchdekliniert werden, die gerne in Zeitungsfilmen aus Hollywood so geschehen. Autoritärer Chef, schlampige Recherche, Wiedergutmachung als Ersatzdetektiv bis zum Hohelied des Weltverbessers, der nun allen vermissten Kindern eine Stimme geben will. Viel Glück!
Zu lieblose Auflösung des Kriminalfalls
Dazu frühstückt Feier die Auflösung des sich kurzfristig zum Kriminalfilm entwickelnden Vermisstenfalls allzu lieblos ab, so dass nach starkem Beginn am Ende ein mehr als zwiespältiger Eindruck bleibt.
Rassismus-Drama, Journalisten-Recherchefilm und Ghetto-Krimi zugleich – das ist zuviel. Allein das schwarze Familiendrama, unter dem ewigen Sound der Polizeisirenen und sparsamem Einsatz der Musik – der starke Eindruck dieses Erstlings wäre „Still Here“.
Drama USA 2020 90 min., von Vlad Feier, mit Johnny Whitworth, Maurice McRae, Afton Williamson



