Mit diesem Film umarmt Mika Kaurismäki die ganze Welt. Der ältere Bruder des bekannteren und etwas kauzigeren Aki Kaurismäki hat sich schließlich seit jeher dafür interessiert, in seinen Spielfilmen Menschen aus Russland und den USA, Brasilien oder eben natürlich seinem Heimatland Finnland zusammenzubringen und zu schauen, wie die Chemie zwischen den Menschen im globalen Dorf so funktioniert.
Sein Blick ist dabei der des liebevollen Anthropologen, der das Verbindende zwischen den Kulturen sucht, während sein Bruder Aki komischer und lakonischer seine häufig einsamen Figuren in ihrer speziellen Umgebung in präzisen Bildern studiert und bannt.
Man muss daran denken, wenn wir in Mika Kaurismäkis wunderschönem Film „Master Cheng in Pohjanjoki“ in ein Restaurant in der finnischen Provinz entführt werden, wo schweigsame alte Männer Wurstsuppe und Kartoffelbrei in sich hinein löffeln und ordentlich vor sich hin schweigen.

Doch dieses Stillleben ist hier nur Folie für eine Begegnung der wundersamen Art. In diese ländliche Idylle verschlägt es nämlich den Chinesen Cheng (Pak Hon Chu) samt gameboyspielendem Sohn Niu Niu (Lucas Hsuan). Sie suchen einen Mann namens „Fongtron“. Es versteht sich bald von selbst, dass diese Person ein Phantom ist wie die Rentiere, die durch den nahen, geheimnisvoll rauschenden Wald geistern, in den sich Niu Niu in einer der schönsten Szenen des Films irgendwann verirrt.
Rentiere als Geister im Wald
Das Geisterhafte, Verträumte kann eben fremde Kulturen genauso verbinden wie so etwas Irdisches wie eine gute Mahlzeit, weswegen Cheng bald Freundschaft mit der resoluten Wirtin Sirkka (Anna-Maija Tuokko) schließt. Die benötigt für die zunehmend hineinschneienden chinesischen Reisegruppen in dieser finnischen Einsamkeit bald tatkräftige Hilfe in der Küche, weswegen der gelernte Koch Cheng ihr zeigt, wie man eine Aubergine schneidet oder Dim Sum zu Kräuterrentier herrichtet, während die Einheimische den Asiaten in die Kunst des Angelns einweiht.

So ergänzen sich die beiden überzeugend gespielten Figuren nach und nach in ihren kulturellen Differenzen und – viel wichtiger – ihren menschlichen Gemeinsamkeiten. Und das ist die große Kunst des Anthropologen Kaurismäki, dass er die durchaus vorhersehbare stärker werdende Verbindung zweier ursprünglich Fremder wie selbstverständlich erzählt.
Von Heilung und Hoffnung
Wie sich Sirkka etwa zu Hause in einer Art Puppenstube eingerichtet hat, die bittere Vergangenheit hinter sich zu lassen, die auch Master und Mensch Cheng mitgebracht hat in dieses Pohjanjoki, um zu vergessen und neu zu leben.
So erzählt diese warmherzige Komödie von Heilung und Hoffnung, von der Kraft der Natur mit ihren Ausblicken auf freies bewaldetes Gelände und den klaren Seen mit den großen Barschen, an deren Ufer man bei Bier und Feuer das kleine große Glück finden kann.
Dass die alten finnischen Männer aus dem Restaurant dabei zunehmend das chinesische Essen lieben und genießen lernen, ist nicht mehr als eine amüsante Randnote. Mürrische Finnen essen mit Stäbchen: Das ist hier kein banaler Gag, es zaubert ihnen vielmehr ein Lächeln ins Gesicht - wunderbar.
Komödie Finnland 2019 114 min., von Mika Kaurismäki, mit Anna-Maija Tuokko, Pak Hon Chu, Lucas Hsuan


