Er verstand es, aus seiner zerrütteten Seele die sensibelsten, zerbrechlichsten, wehmütigsten Töne hervor zu holen. Der amerikanische Jazztrompeter Chet Baker war der „King of Cool“, wurde als „James Dean des Jazz“ apostrophiert, woran die ikonischen Schwarzweiß-Aufnahmen des Fotografen William Claxton keinen geringen Anteil hatten. Er war ein Star in den 50er-Jahren, er stürzte tief durch seine Drogensucht. Er feierte mit eisernem Willen in den 60er-Jahren ein gefeiertes Comeback, bis ihn das Heroin endgültig zerstörte. Der Pop- und Modefotograf Bruce Weber hat ihm kurz vor seinem Tod 1988 mit dem Dokumentarfilm „Lets Get Lost“ ein würdiges Denkmal gesetzt.

Nun nähert sich der kanadische Regisseur Robert Budreau dieser so genialen wie tragischen Figur des Jazz mit einem außergewöhnlichen Spielfilm, der erst gar nicht versucht, biografisches Biopic zu sein, sondern durch eine improvisative Herangehensweise der zerrissenen Persönlichkeit Chet Bakers und der Zeit, in der seine tief emotionale Musik entstand, eine gewisse Wahrhaftigkeit zu geben. Und mit Ethan Hawke hat er einen Hauptdarsteller gefunden, der diesem zwischen Genie und Drogen hin- und hergerissenen Musiker phänomenales Format verleiht.

Der „King of Cool“: Chet Baker (Ethan Hawke) bei seinem Auftritt im New Yorker Jazzclub Birdland
Der „King of Cool“: Chet Baker (Ethan Hawke) bei seinem Auftritt im New Yorker Jazzclub Birdland © Alamode Filmverleih | Alamode Filmverleih

Zu Beginn von „Born To Be Blue“ sehen wir den Musiker am Boden zerstört. Er liegt 1966 auf dem Boden eines italienischen Gefängnisses, in das ihn seine Drogensucht, wie so oft, gebracht hat. Er starrt im Delirium auf seine Trompete, aus der eine Vogelspinne kriecht. Zwölf Jahre zuvor war er erstmals im legendären New Yorker Jazzclub Birdland aufgetreten. Wurde von den Fans als Erfinder des West Coast Sound gefeiert, musste aber herbe Kritik von Kollegen wie Miles Davis einstecken, der dem jungen weißen Trompeter aus Kalifornien das Recht absprach, sich dem schwarzen Jazz zuzuwenden. Chet Baker war ein Star, doch das Heroin trieb ihn in den Abgrund.

Ein italienische Filmregisseur holt ihn aus dem Gefängnis, will einen Film über ihn drehen, in dem er selbst die Hauptrolle spielen soll. Bei den Dreharbeiten lernt Baker die Schauspielerin Jane (Carmen Ejogo) kennen und lieben. Sie wird künftig die Frau an seiner Seite sein, die versucht, in durch Methadon von seiner Sucht zu befreien. Den Film freilich hat es nie gegeben (nur eine nie verwirklichtes Angebot von Produzent Dino de Laurentiis) und auch die Schauspielerin an seiner Seite ist pure Fiktion, gibt dem Film aber ein stabiles Gerüst für die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines gepeinigten Mannes.

Ethan Hawke spielt Baker mit überwältigender Coolness, weiß aber auch in der Erbärmlichkeit des Junkies zu bestehen. Er macht diesen unbändigen Willen spürbar, mit dem der einst gut aussehende Kerl nicht von seiner Musik lassen kann. Denn bei einer Schlägerei mit Drogendealern Mitte der Sechziger verliert er fast alle Zähne seines Oberkiefers und muss fortan eine Zahnprothese tragen. Eigentlich das Ende für jeden Trompeter.

Backstage: Chet Baker (Ethan Hawke, stehend) hat eine Audienz bei Miles Davis (Kedar Brown, r.)
Backstage: Chet Baker (Ethan Hawke, stehend) hat eine Audienz bei Miles Davis (Kedar Brown, r.) © Alamode Filmverleih | Alamode Filmverleih

Doch Baker will nicht aufgeben und findet Halt bei seiner Freundin Jane. Er versucht wieder, mit Methadon clean zu werden. Er sucht sich – eine Auflage seines Bewährungshelfers – einen Job als Tankwart in Oklahoma. Er übt und übt in jeder freien Minute. Einmal sieht man ihn in voller Montur in der Badewanne liegen und das Mundstück unter Schmerzen immer wieder ansetzen, Blut trieft ihm dabei aus dem Mund. Er mischt sich unter die Musiker von Jamsessions in kleinen Bars. Er nimmt jeden noch so kleinen Job an, und sei es als Aushilfstrompeter in einer Mariachi Band. Und er kommt wieder auf die Beine.

Er kann seinen früheren Prozenten Dick Bock (Callum Keith Rennie) dazu überreden, ihm noch einmal eine Chance zu geben. Es klappt. Am Ende steht er wieder im Birdland, wo Dizzie Gillespie und Miles Davis im Publikum sitzen. Und diesmal applaudiert Davis. Es könnte nicht besser für ihn laufen, doch das Heroin holt ihn sich zurück. Er brauche das Heroin, beichtet er seinem Manager. „Es weitet die Zeit so, dass ich in jede einzelne Note hineinkriechen kann.“ Die Dämonen der Vergangenheit haben ihn eingeholt. Und werden ihn nicht mehr loslassen.

Auch sie kann ihn nicht vor dem Niedergang retten: Schauspielerin und Lebensgefährtin Jane (Carmen Ejogo)
Auch sie kann ihn nicht vor dem Niedergang retten: Schauspielerin und Lebensgefährtin Jane (Carmen Ejogo) © Alamode Filmverleih | Alamode Filmverleih

Budreau erzählt das alles vielschichtig und bricht die Geschichte zumindest in der ersten Hälfte immer wieder durch eine gewiefte Mixtur aus Fiktion und Wahrheit. Das Geschehen der 50er-Jahre ist schwarzweiß mit der Handkamera gedreht, die 60er-Jahre mit ausgefeilter Technik in Farbe. Dass man diesem von seiner Sucht gequälten Mann so nahe kommt, ist aber vor allem das Verdienst von Ethan Hawke, der auch Baker-Klassiker wie „My Funny Valentine“ oder „I’ve Never Been In Love Before“ selbst singt. Denn für den Soundtrack wurden keine Originalaufnahmen verwendet. Die komplette Musik wurde neu eingespielt von Trompeter Kevin Turcotte, der sich dem Baker-Sound auf versierte Weise nähert.

Eingefleischte Chet-Baker-Fans mögen über die biografischen Freiheiten und Ungenauigkeiten die Nase rümpfen, doch „Born To Be Blue“ ist nun mal kein typisches Biopic nach dem Lehrbuch, sondern das dramatische Porträt eines Mannes, der sich verzweifelt zurück in sein Leben auf der Jazzbühne kämpft. Mit stimmigen Bildern, mit einem durchweg großartigen Ensemble und offenem Ende. Der tragische Fenstersturz in Amsterdam, der Chet Baker das Leben kostete, wird nur im Nachspann erwähnt.

Musikdrama CAN/GB 2015 98 min., von Robert Budreau, mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie