Filmkritik

Plattes auf Plattdeutsch mit Dieter Hallervorden

Dieter Hallervorden zeigt rechlich Tränen in einer Integrationskomödie, die zu schnell abgedreht wurde: „Ostfriesisch für Anfänger“.

Das Fest der Toleranz wird zum Fanal. Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden, M.) ist daran mitschuld

Das Fest der Toleranz wird zum Fanal. Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden, M.) ist daran mitschuld

Foto: Universum Film

Im ostfriesischen Nieder-hörn ist die Welt noch so, wie der verwitwete Altbauer Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden) sie mag: klein, übersichtlich, man spricht Platt. Doch dann wird sein Hof zwangsversteigert und soll Sprachkursen für ausländische Fachkräfte Heimat bieten. Prompt kommt es zum Clash. Zwischen Hinrichs und den „Utländern“. Aber auch zwischen den hochneurotischen Integrations-Beamten aus Berlin und Bürgermeister Holthagen (Holger Stockhaus), der Fördergelder für seine leeren Gemeindekasse erhofft.

Das hätte eine hochaktuelle Komödie über die Gegensätze und Schnittmengen von Provinzialismus und Globalisierung werden können. Leider versteht „Ostfriesisch für Anfänger“ unter Humor in erster Linie, seine Protagonisten zunächst als rammdösig zu denunzieren, um sie im Lauf der Geschichte reifen zu lassen, bis sie am Ende auf der vermeintlichen Augenhöhe des Zielpublikums landen.

Man verzweifelt hier schier über die bemüht wirkenden Witze und Slapsticknummern und fragt sich, warum für den „letzten echten Ostfriesen“ ausgerechnet Dieter Hallervorden besetzt wurde, der eine ihm fremde Mundart eben auch nur imitieren kann.

Sechs Wochen vor Drehbeginn ein neuer Regisseur

Eine Antwort gibt die Produktionsgeschichte. Als „Ostfriesisch intensiv“ war die Integrationskomödie im Rahmen des NDR-Nachwuchsprogramms „Nordlichter“ als TV-Film entwickelt worden. Als Regieteam wurden Lena Liberta und Drehbuchautor Sönke Andresen besetzt. Andresen verdankt man vor allem das Buch zu „Ich fühl mich Disco“ vom wunderbar unkonventionellen, aber auch sehr auf Improvisation setzenden Regisseur Axel Ranisch. Liberta hat sich mit vielfach ausgezeichneten, aber eher konventionellen Kurzfilmen zu Culture-Clash-Themen einen Namen gemacht.

Sechs Wochen vor Drehbeginn musste dann aber ein neuer Regisseur her: der 24-jährige Gregory Kirchhoff, der in seinem Debüt „Dusky Paradise“ auf den Spuren von Sofia Coppola die Einsamkeit des modernen Individuums in traumhafte Stillleben gesetzt hat. Ausgerechnet ihn mit einer Ensemble-Komödie zu betrauen, wäre auch unter seriösen Arbeitsbedingungen mutig gewesen.

Aber Kirchhoff bekam weder Zeit, sich das Drehbuch zu eigen zu machen, noch auch nur eine Szene im Vorfeld zu proben. Stattdessen musste er schnellstmöglich seine Locations und vor allem einen Hauptdarsteller finden.

Tränen in Großaufnahme

Und so hat auch Dieter Hallervorden das Pech, sein in nur zwei Wochen einstudiertes Plattdeutsch als authentisch präsentieren zu müssen und zum dritten Mal nach „Das letze Rennen“ und „Honig im Kopf“ mit einem Regisseur zu arbeiten, für den emotionale Rührung nicht in erster Linie im Publikum entsteht.

Sicherheitshalber wird Hallervorden wieder möglichst oft mit Tränen im Auge in Großaufnahme gezeigt, nach dem Motto: Nicht nur Gähnen ist ansteckend, wenn man jemandem nur lang genug dabei zuguckt. Aber letztlich scheitert „Ostfriesisch für Anfänger“ vor allem an einem Fördersystem, in dem das Einhalten von Produktions-Deadlines mehr zählt als das Ergebnis.