Film

Bill Murray ist der Albtraum von einem Babysitter

In „St. Vincent“ muss Bill Murray einen Zwölfjährigen hüten, ist dabei aber alles andere als eine Super-Nanny. Der Mann mit dem stoischen Gesicht überrascht dabei einmal mit echter Spielfreude.

Foto: polyband,Sony Pictures / dpa

In den Pioniertagen des Kinos hat Lew Kuleschow einst ein berühmtes Experiment an der Moskauer Filmschule unternommen: Er nahm das ausdrucksarme Gesicht eines Schauspielers auf und montierte es mit einem Teller Suppe, einer schönen Frau und einem Sarg. Die Zuschauer sahen in diesem Gesicht mal Hunger, mal Begierde, mal Trauer, auch wenn es mit keinem davon zu tun hatte. Das nennt man seither den Kuleschow-Effekt.

Würde Kuleschow sein Experiment heute noch mal starten, er müsste Bill Murray dafür anheuern. Denn der Hollywoodstar ist so etwas wie der Fleisch gewordene Kuleschow-Effekt. Weniger ist mehr: Dieses Credo der Filmschauspielerei hat keiner so verinnerlicht wie er. Murrays mimischer Minimalismus tendiert nahezu gegen Null. Das gibt er auch offen zu: „Ich hasse es, meine Geheimnisse preizugeben“, sagte er einmal, „aber ich tue meist nichts.“

Murray mimischer Minimalismus

Am besten hat er nichts getan in „Lost in Translation“, wo er einfach einen Jetlag aus seiner Visage hängen ließ. Dafür bekam er einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung. Und das hat er seither in zahllosen Filmen, meist von Jim Jarmusch und Wes Anderson, variiert. Eigentlich ist Bill Murray kein Schauspieler, sondern Gesichtsvermieter. Und die Fans empfinden gerade das als Komik: dass er jede Szene mit stoischer Mimik aussitzt.

In seinem neuen Film „St. Vincent“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, muss der 64-Jährige zur Abwechslung wieder mal etwas mehr spielen. Zunächst haben wir zwar wieder Murrays Minimalismus in Reinform. Sein Vincent, den er da spielt, ist eine verkrachte Existenz. Ein notorisch klammer Kettenraucher und Trinker, der seine Zeit in Kaschemmen und Wettbüros verbringt, seine Umwelt mit seinen üblen Launen drangsaliert und die einzigen sozialen Kontakte zu einer Katze und zu einer russischen Prostituierten (letztere nur gegen Bezahlung) pflegt. Das alles spielt er wieder mit typisch leerem Gesicht.

Prinzip Kleiner Lord

Aber dann zieht eine neue Nachbarin ins Nebenhaus. Weil ihr Umzugswagen zu nah auffährt, muss sie erst mal für seinen demolierten Wagen und den kaputten Gartenzaun aufkommen – obwohl er beides schon am Vorabend im trunkenen Zustand selbst verursacht hat. Weil aber die Frau alleinerziehende Mutter ist, die sich ihr Auskommen im Krankenhaus hart verdienen muss, soll ausgerechnet der böse Nachbar mal eben auf ihren Spross aufpassen. Und so wird eine Geschäftsidee geboren: Er bekommt seine Liebe auch nur gegen Geld, also lässt er sich die Kinderbetreuung bezahlen. Und zwar fürstlich. Nur ist dieser Vincent dabei alles andere als eine Super-Nanny. Denn er bringt dem zwölfjährigen Oliver erst mal bei, wie man anderen die Nase blutig schlägt. Und schleppt ihn dann in Bars, Stripplokale und auf Pferderennbahnen mit. Ein Alptraum für jede Mutter.

Kleines Kind knackt alten Griesgram: Das ist nicht eben ein besonders fantasievoller Plot. Nennen wir es das Kleiner-Lord-Prinzip. Nicht, dass der Film mit Alec Guinness gerade der beste seiner Art wäre, er ist nur dank seiner allweihnachtlichen Fernsehwiederholung der bekannteste. Allein in jüngster Zeit wurden schon den griesgrämigen Senioren Elmar Wepper in „Dreiviertelmond“ und Michael Douglas in „Das grenzt an Liebe“ das harte Herz durch einen Dreikäsehoch erweicht.

Heiligsprechung von Bill Murray

„St. Vincent“, das späte Regiedebüt von Theodore Melfi, der bisher eher als Werberegisseur von sich reden machte, unterscheidet sich von diesen Vorgängern wohltuend, weil er alles etwas abgründiger erzählt und selbst das unvermeidliche Happy End einen bitteren Beigeschmack hat. Sein Vincent wird nicht nur geläutert, er erleidet einen Schlaganfall, womit das Ganze ins Tragikomische kippt. Und dann soll der Junge für die Schule einen Aufsatz schreiben über einen Heiligen im Alltag. Nimmt sich ausgerechnet Vincent vor. Und entdeckt in seiner Recherche ganz andere Seiten von ihm.

Das wird am Ende dann doch gefährlich gefühlsduselig, wenn herauskommt, dass Vincent jahrelang seine demente Frau im Pflegeheim besucht hat, obwohl die ihn nicht mehr erkannte, oder in Vietnam Hunderten Kameraden das Leben gerettet hat. Und am Ende finden sich alle zu einer fröhlichen Patchworkfamilie zusammen: die alleinerziehende Mama, der chaotische Ersatz-Vater mit Gefährtin nebst frisch entbundenem Baby, das Musterkind und sein durch einen Schlag auf die Nase gefundenen Migrantenfreund. Aber das alles ist so erfrischend unsentimental inszeniert, dass man sich nicht ärgert wie bei so vielen Vergleichswohlfühlfilmen.

Eine Globe-würdige Leistung

Getragen wird der Film vor allem von seinen Schauspielern, die hier alle gegen ihr Image anspielen. Melissa McCarthy muss mal nicht die mollige Wuchtbrumme spielen, sondern überrascht als überforderte, aber liebevolle Mutter, Hollywoodbeauty Naomi Watts gibt genüsslich das leichte Mädchen mit starkem Akzent, rutscht dabei aber nie in Klischees ab. Der gerade mal elfjährige Jaeden Lieberher, unter 1.500 Kandidaten ausgewählt, gelingt, was so vielen Filmkindern partout nicht gelingen will: Er kommt ganz natürlich rüber. Und kann es doch mit dem Star des Films an Abgebrühtheit aufnehmen. Und dann ist da eben Murray selbst, der hier den Anti-Kaleschow-Effekt vorführt – und mal wieder von Herzen agiert. Gut möglich, dass er dafür in der Nacht zu Montag einen zweiten Golden Globe erntet. Aber was braucht es solch profane Preise, wenn man schon heiliggesprochen wurde?