Was am deutschen Kino ja gern bemängelt wird, ist der Mangel an Radikalität. Und Originalität. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass zu viele Leute mitreden, wenn es um die Finanzierung eines Filmes geht. Neben dem Produzenten nicht nur der Verleiher, sondern oft auch noch die Entscheider der zahllosen Fördertöpfe. Nicht zu vergessen der Fernsehredakteur. Und was zu viele Köche mit dem Brei machen, ist ja längst sprichwörtlich. Aber dann gibt es alle Jahre wieder mal so ein Unikat, das uns zeigt. Es geht auch anders.

Eisiges Trio Infernale

„Zeit der Kannibalen“ ist so ein Film. Er handelt von der Global Economy. Vom entfesselten Kapitalismus mit all seinen Konsequenzen. Ein denkbar komplexes Thema. Aber es wird uns auf auf radikal einfachste, reduzierte Weise grandios erzählt. Wir schauen einfach drei Unternehmensberatern bei der Arbeit zu. Sie jetten durch die Welt. Und tun immerzu dasselbe. Firmen abwickeln, im Namen ihrer Kunden, um das freigwordene Kapital mit maximalem Gewinn abzuschöpfen. Kalter Kapitalismus, von seiner eisigsten Seite.

Die Ironie daran: Wir sehen sie in dem immer gleichen, gleich sterilen Hotelambiente. Wo immer sie sind, ob in Indien oder Nigeria, nie gehen sie vor die Tür. Zu heiß. Zu schlechte Luft. Was interessiert sie auch die Welt da draußen? Die ist ja nur da, um sie nach Belieben zu zerschlagen. Lieber bleibt man in seinen klimatisierten Luxus-Suiten. Mit dem immer gleichen Komfort. Und dem immer gleichen Club Sandwich.

Die Stadt draußen deutet sich durch den Smog vor dem Fenster immer nur durch ein paar unkenntliche Bauklötze an. Das Hotel ist der eigentliche Zustand, das Fremd-Sein. Zur realen Welt da draußen besteht gar kein Kontakt mehr. Wenn mal dumpf von draußen Unruhen zu hören sind, wird das mit zynischen Sprüchen kommentiert: Vielleicht hat ja eine Kopftuchträgerin nicht bestanden und wird jetzt gesteinigt oder massenvergewaltigt.

Der Unternehmensberater, Buhmann aller Nationen

Dies ist das Reich von Öllers und Niederländer. Frank Öllers, genial wie stets gespielt von Devid Striesow, ist ein nervöser Familienvater, der sich am Handy mit seiner Frau streitet und gleichzeitig das Hotelpersonal für sexuelle Dienste bezahlt. Kai Niederländer, nicht weniger genial von Sebastian Blomberg gespielt, stählt seinen Körper mit Sport und pflegt sonst seine Neurosen, indem er Hotelangestellte demütigt. Sie entscheiden täglich über das Schicksal Tausender von Angestellten. Die sie gern über die Klippe springen lassen, nur um mal die Börse zu überraschen. Und doch sind sie auch nur kleine Räder im Getriebe. Hörig ihrem Konzern, mit dem letzten Karriereziel, Partner der „Company“ zu werden.

Der Unternehmensberater läuft dem Banker derzeit den Rang ab als die Berufsgruppe, die derzeit am scheelsten angesehen wird. Auch Öllers und Niederländer sind, dafür gibt es keine Beschönigung, Arschlöcher. Aber mit ihnen mag man sich gleichwohl nie gemein tun. Das zeigt sich schon, als der Dritte von ihnen nicht mehr da ist, weil er zum Partner aufgestiegen ist. Und sie stattdessen eine junge Frau antreffen, Bianca März (Katharina Schüttler) mit strenger Brille und ebenso strengem Scheitel. Die kriegt alle hämischen Kommentare über Anfänger und Frauen ab. Dabei gehört es doch auch zu ihrer Aufgabe, die beiden Herren für die Firma zu begutachten. Was einen Keil zwischen sie treibt.

Jede Dialogzeile eine Pointe

Der Finanzkapitalismus als Kammerspiel, das fast als Bühnenstück funktioniert. Das in wenigen Suiten, Bars und Konferenzräumen spielt. Der Berliner Regisseur Johannes Naber hat vor vier Jahren für seinen Erstling „Der Albaner“ den Max-Ophüls-Nachwuchspreis bekommen. „Zeit der Kannibalen“ lief auf der diesjährigen Berlinale in der Perspektive Deutsches Kino, der Nachwuchssektion des Festivals. Mit dem Nachwuchs-Stempel muss endlich Schluss sein. Naber, Jahrgang 1971, weiß die Klaviatur des Kinos souverän wie ein Altmeister zu bedienen. Er spitzt den Minimalismus in „Kannibalen“ fast klaustrophobisch zu. Und weiß seine grandiosen Schauspieler meisterhaft anzuführen oder besser: aufeinander loszulassen.

Sein größtes Pfund aber ist Stefan Weigl, sein Drehbuchautor. Der Mann ist 52, hat aber bisher erst an einem Filmscript („Waschen, schneiden, legen“) und einer Serienfolge (“Soko Wismar“) mitgeschrieben. Wo kommt der Mann her, wo hat er sich so lang verborgen? Bei seinem Trio Infernale sitzt jeder Satz, ist jeder Einzeiler eine finstere Pointe.

Absurder Film für einen absurden Zustand

Auch das wird dem deutschen Kino ja gern abgesprochen: Humor. Hier aber wird er als Gag-Dauerwerk gezündet. Ein Humor, der so gallig, so hinterfotzig, so rabenschwarz ist, dass einem das befreiende Lachen gleich wieder im Halse stecken bleibt. Der Zustand des entfesselten Kapitalismus sei so absurd, sagt Naber, dass man ihm nur mit einem absurden Film begegnen könne.

Die Satire gönnt dem Zuschauer freilich etwas, was ihm in der Realität selten beschieden wird: Katharsis. Einen reinigenden Moment. Mögen sich die drei Unternehmensberater auch zu Tode consulten, am Ende sind die Bluthunde der Global Economy auch nur kleine Würstchen. Weil auch ihre Company über Nacht verkauft und von einer windigen Heuschrecke abgeschöpft wird. Und dann dringt schließlich die echte Welt da draußen, die die drei immer ignoriert haben, mit Macht und Kanonenwummern in das Fünf-Sterne-Hotel ein. Ein radikaler Film treibt da konsequent wie eine antike Tragödie auf ihr fatales, abgründiges Ende zu.