Als er an Bord geht, überzeugt sich der Kapitän höchstpersönlich von den Sicherheitsvorkehrungen seines Schiffs. Und verschärft sie noch einmal. Er studiert genau die Mails der Reederei, die vor Piraten am Horn vor Afrika warnen. Und nervt seine Besatzung mit Notfallübungen. Aber noch während einer Übung nähern sich zwei Punkte auf dem Radar in rasender Geschwindigkeit. Und aus der Übung wird gnadenlose Realität.

Die Bilder gingen damals um die Welt, als das unter amerikanischer Flagge fahrende Containerschiff MV Maersk Alabama am 8. April 2009 von somalischen Piraten überfallen wurde. Besonders bitter: Das Frachtschiff, das von Oman nach Mombasa unterwegs war, war mit Lebensmitteln für Bedürftige in Afrika beladen. Der Kapitän konnte seine 20 Besatzungsmitglieder noch in Sicherheit bringen, wurde dafür aber selbst als Geisel genommen. Nach seiner Befreiung durch die Navy Seals wurde Phillips wie ein Held gefeiert. Selbst Barack Obama schüttelte ihm die Hand. Schon bald fuhr der Kapitän wieder zur See. Und schrieb ein Buch über seine Erlebnisse, die auf Deutsch sehr reißerisch „Höllentage auf See“ heißen, im Original aber weit bedächtiger „A Captain's Duty“.

Paul Greengrass hat den Fall nun verfilmt. Der Brite, der vor allem mit dem zweiten und dritten Teil der „Bourne“-Serie bekannt wurde, sonst aber fast immer reale Begebenheiten nachinszeniert. Wie den nordirischen Blutsonntag von 1972 in „Bloody Sunday“ (Goldener-Bär-Gewinner auf der Berlinale 2002), die Entführung eines der Flugzeuge am 11. September 2001 in „Flug 93“ oder die Entlarvung der Mär von Massenvernichtungswaffen im Irak in „Green Zone“. Re-Enactment heißt diese Art der Nachstellung im Branchenjargon.

Es kann auch dich treffen

Für die Regie von „Captain Phillips“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, wäre kein Besserer denkbar gewesen: Greengrass hat mit „Bourne“ eine neue Form von Action kreiert, die nicht mehr, wie so oft im Blockbuster-Kino, auf unglaubwürdige digitale Effekte setzt, sondern wieder mehr die physische Anstrengung ins Bild setzt. Greengrass' Action tut weh, und das schon beim Zuschauen. Aber ursprünglich kommt der Mann aus dem Dokumentarfilmbereich. Und mit der gleichen Unmittelbarkeit und Intensität wie bei „Bourne“ wirft er seine Zuschauer auch in seinen auf realen Begebenheiten basierenden Filmen mitten in die Ereignisse hinein.

Dabei erzeugt Greengrass eine ganz andere, weit packendere Spannung als all die Routiniers vom Actionfach: eine, die einen Sog entwickelt, der man sich nicht entziehen kann, und eine Paranoia, die kaum zu ertragen ist. Das ist Nervenkitzel pur. Aber es ist eben nicht der übliche eskapistische Adrenalinkick im Popcornkino. Es trifft in diesen Filmen immer ganz normale Durchschnittsmenschen. Und das Unbehagen hört mit dem Abspann nicht auf. Es könnte, scheint uns Greengrass immer wieder mit auf den Weg zu geben, auch dich treffen.

David gegen Goliath

Greengrass bemüht sich in „Captain Philipps“ darum, ein differenziertes Bild dieses Überfalls zu zeichnen. Die Piraten nicht nur als diffuse, schießwütige Menge zu zeigen. Sondern als ausgemergelte Fischer, die von Warlords mit gezückten Maschinengewehren gezwungen werden, Frachtschiffe zu entern und Lösegeld zu erpressen. Und die, Opfer der globalisierten Welt, auch nur ein Stück vom Kuchen haben wollen. Es ist, wie sie da mit ihrem kleinen Motorboot auf den Riesendampfer zusteuern, von Anfang an ein ungleicher Kampf. David gegen Goliath. Erst recht, als nach der Kaperung die Navy Seals ihre hochgerüstete Kampfmaschinerie gegen die barfüßigen Piraten in Gang setzen.

Grenngrass’ größtes Pfund ist Tom Hanks in der Titelrolle. Der Mann hat James Stewart als All-American-Guy, als Durchschnittsamerikaner beerbt und in zahllosen Filmen variiert. Er legt diesen Mann nicht als Helden an, sondern als einen, der im entscheidenden Moment über sich selbst hinauswächst und dem man doch immerzu die Angst ansieht, mit dem man quasi mitschwitzt. Ein Anti-Bourne, ein einfacher, zitternder Familienvater, dem es immerhin gelingt, die Piraten vom Schiff zu kriegen, dann aber mit ihnen auf das bereitgestellte Rettungsboot gezwungen wird.

Weit entfernt von Happy End

Das echte Rettungsboot der Maersk Alabama steht heute im National Navy Seal Museum in St. Pierce in Florida, als Denk- und Mahnmal, vor allem aber als Siegestrophäe. Und auch der Film trägt nun seinen Teil bei, diese Heldengeschichte in die Welt zu tragen. Wären da nicht diverse Unkenrufe, die nicht zu überhören sind und von der Crew dieses Captains kommen: Ihnen zufolge sei Phillips’ Geschichte eine einzige Lüge, weil er eben nicht so sicherheitserpicht gewesen sei, dass er die Warnmails ignoriert habe und vielleicht einfach nur dumm war, mit auf das Rettungsboot zu gehen. Fakt bleibt, dass er nicht die vorgeschlagene Entfernung von 600 Seemeilen vor der Küste eingehalten hat, sondern sich, nach eigenen Angaben, bis auf 300 Seemeilen, nach anderen Erhebungen gar bis auf 240 Seemeilen genähert hat. Da erhält die Geschichte doch empfindliche Risse. Einige Mitglieder der Crew haben die Verfilmung des Buches deshalb schon vorab kritisiert.

Diesen Widerspruch kann Greengrass nicht auflösen, der Makel bleibt an seinem Film haften. Aber den will er auch in einem größeren Zusammenhang verstanden wissen. Auch wenn der Titel das erwarten ließe, ist „Captain Phillips“ ist keineswegs das Loblied auf einen Einzelnen. Greengrass erzählt den spektakulären Entführungsfall als Metapher auf die globalisierte Gesellschaft, auf das Macht- und Spannungsverhältnis zwischen den westlichen Wohlstandsländern und der ausgebeuteten Dritten Welt. Wenn man sieht, wie die Navy Seals sich kaltblütig auf ihren finalen Schlag vorbereiten, ist einem genauso unwohl wie bei den Warlords, die ihre Landsmänner erpressen.

Und wenn Tom Hanks am Ende, wenn alles überstanden ist, einen Nervenzusammenbruch erleidet, der so grandios gespielt ist, dass es einen nicht mehr loslässt, dann ist das weit von einem Happy End entfernt. Das Unbehagen bleibt.