Film

Einer der schönsten Filme dieses Frühlings

Jeder hat seine eigene Art, zu trauern. Aber was passiert, wenn die aufeinanderprallen? Davon handelt der Film „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ mit Wotan Wilke Möhring

Foto: Bernd Spauke / Riva Filmproduktion GmbH

Vor nicht allzu langer Zeit konnte man im Kino einen Witwer, der aussah wie George Clooney, auf dem Sofa sitzen sehen. Er hatte schreckliche neunzig Minuten hinter sich. Die Frau war ihm nach einem eher blöden Unfall gestorben, die Töchter waren ihm über die Jahre irgendwie abhanden gekommen. Dass die Gattin vor der Verunfallung untreu gewesen war, hatte er lernen müssen, es hatte geregnet über Hawaii.

Egal. Am Ende ist alles wieder gut. Die Familie kuschelt auf dem Sofa. Friede, Freude, Erdbeereis. „The Descendants“ hieß der Film. Er war von Alexander Payne, Oscar-Kandidat, und er war schon eine ziemlich verlogene Veranstaltung.

Ein Film, so wahr wie sein Titel

Der Witwer, den man jetzt im Kino auf einem Friedhofsweg neben seiner Tochter hergehen sieht, hat auch schreckliche neunzig Minuten hinter sich. Die Frau war ihm und seiner schwerpubertierenden Tochter bei einem eher dämlichen Unfall gestorben, die Mutter hatte er gerade an den Krebs verloren, die Tochter war ihm über die Jahre und über das, was man Trauerarbeit nennt, abhandengekommen, es hatte geregnet über Hamburg. Aber nichts ist gut am Ende. Es ist okay. Alles auf dem Weg. Der Film heißt „Das Leben ist nichts für Feiglinge“. Er ist von André Erkau und so wahr wie sein Titel.

Auf dem Friedhof geht’s los. Kim, die Tochter, hat sich zur Gothic-Drama-Queen hochgeschminkt und mittels Postpostpunk-Gedröhne auf den Ohren vor der Welt weggesperrt. Markus, der Vater, hat sich vor der Trauer hinter eine absurdmafiöse Sonnenbrille und ganz in sein Inneres geflüchtet. „Du siehst aus wie ein Auftragskiller“, hat seine Mutter auf dem Weg zur Beerdigung noch gescherzt. Da wusste sie noch nicht, dass sich der Krebs in ihr an ihrem Darm derart gütlich getan hat, dass nicht ihr nicht mehr viel Leben bleibt.

Disfunktionale Familie

Sie funktionieren nebeneinander her, Vater und Tochter Färber, in ihrer Trauer und in einer schönen Wohnung, die ausgeleuchtet ist wie ein schlecht gepflegtes Süßwasseraquarium. Kommunikation kann man das nicht nennen, was sie darin bei Frühstück und Abendbrot pflegen. Jeder Witz geht schief. Jede Annäherung. Nichts natürliches mehr, seit Babette tot ist.

Markus versteinert, schließt sich ab. Schafft es nicht mehr, der Held, der Weltretter, die Stärke zu sein, die Kim dringend bräuchte. Kim trägt die Trauer nach außen, schreibt sie an die Wände, schreibt sie in ihr Handy (sie schickt SMS an die tote Mutter), wirft mit Wissen über seltsame Auswüchse der Sepulkralkultur um sich, verfreakt zusehends. Und verliebt sich. Zum erten Mal. In Alex, Schulabbrecher, Rebell, starker Mann.

Ein Reigen von aberwitzigen Begegnungen

Das Leben geht weiter, sagen immer alle gern, wenn einer tot ist. Aber das stimmt nicht. Es dreht sich, das verhandelt André Erkaus sehr berührender, sehr liebevoller, sehr menschlicher Reigen von Momentaufnahmen, aberwitzigen Begegnungen, archetypischen Szenen, das Leben dreht sich erstmal nur in einer Spirale mit Trauerrand um eine Leerstelle, die bei Erkau ab und zu mal hörbar wird: wenn der Anrufbeantworter losgeht und die Stimme der toten Mutter bedauert, dass bei den Färbers leider keiner zu Hause ist.

Im offenen Grab, das sie Zuhause nennen, hätten sie sich bis zur Komplettentfremdung angetrauert, wäre nicht Alex gewesen und nicht der Krebs in Oma nicht so gefräßig, und hätte der Krebs nicht die leichtangespinnerte Altenpflegerin Paula im Schlepptau gehabt. Kim flieht mit Alex aus dem Tränenmeer an die Nordsee. Markus und Oma und Paula folgen. Der Wind da in den dänischen Dünen pustet alle durch und ihre Köpfe frei.

Der Witwer der Nation

Das hat ein großes Herz und einen guten Dialogwitz, einen fabelhaft treibenden Soundtrack und ganz feine Bilder. Das ist alles lustig und traurig und wahr und lebendig. Und wäre das alles nicht ohne Wotan Wilke Möhring, nach „Der letzte schöne Tag“ so eine Art Witwer der Nation. Der angehende „Tatort“-Kommissar verleiht der Vereisung in Markus Färbers Seele und seinem Gesicht immer neue Züge, lässt ihn gefrorener Miene auf einer ganz schmalen Kante seinen Trauertanz aufführen.

Und nicht ohne die Kim der Helen Woigk. Die macht aus ihrem Debüt gleich ein Meisterstück – ein Mädchen, eine Frau, ein Kind, das aus einer seltsamen inneren Ruhe heraus stoisch nach einer Form für seine Trauer und seine Rebellion sucht. Und das Leben wieder findet.

Nichts für Feiglinge dieser Film. Aber einer der schönsten des Frühjahrs. Elmar Krekeler

Tragikomödie D 2012, 97 min., von André Erkau, mit Wotan Wilke Möhring, Helen Woigk, Christine Schorn, Frederick Lau