Berlinale

„Petite Maman“: Die Kindheit ist ein wilder Wald

| Lesedauer: 5 Minuten
Eberhard von Elterlein
Arm in Arm: Nelly (Josephine Sanz, l.) und Marion (Gabrielle Sanz) vor ihrer Baumhütte.

Arm in Arm: Nelly (Josephine Sanz, l.) und Marion (Gabrielle Sanz) vor ihrer Baumhütte.

Foto: Lilies Films/Berlinale / dpa

Die achtjährige Nelly trifft im Film von Céline Sciamma ein gleichaltriges Mädchen: Es ist ihre Mama Marion. Nicht das einzige Rätsel.

Herbstzeit. Abschiedszeit. Die Blätter sind gelb und braun in dem französischen Wettbewerbsbeitrag „Petite Maman“. Bäume liegen entwurzelt auf dem Weg, es weht der Wind, ein Specht trommelt. Es ist eine seltsame Atmosphäre rund um das einsame Haus von Nellys Großmutter, die sich gerade aus dem Leben verabschiedet hat.

Und Abschiede gibt es viele im fünften Film der französischen Regisseurin Céline Sciamma, die vor zwei Jahren mit „Porträt einer jungen Dame in Flammen“ für Furore sorgte. So verabschiedet sich Nelly (Joséphine Sanz) gleich zu Beginn brav von allen alten Bewohnerinnen in jenem Pflegeheim, in dem ihre Oma gestorben ist. Gleich nach der Ankunft in deren einsamem Haus verabschiedet sich ihre Mutter Marion (Nina Meurisse), die sich sichtbar nicht wohlfühlt am Ort ihrer Kindheit.

Ein schwarzer Panther lauert am Fußende

Da, wo einst nachts ein schwarzer Panther am Fußende ihres Bettes erschien und noch ihre Bücher mit Zeichnungen aus der Kindheit wie dem rauchenden Fuchs lagern, muss nun klar Schiff gemacht werden für die Zukunft. Die Vergangenheit mit all ihren Erinnerungen muss herausgetragen, weggeräumt und saniert werden. Bis der Morgen kommt, an dem der blonde, sonst sehr schweigsame Papa (Stéphane Varupenne) zu Nelly sagt: „Mama hat es vorgezogen zu gehen.“

Womit Nelly aber erst noch der schwerste Abschied bevorsteht. Der nämlich von einem gleichaltrigen Mädchen (Gabrielle Ganz), das sie gleich nach dem Verschwinden ihrer Mutter im Wald trifft. Die heißt nicht nur wie ihre Mama (Marion), ist nicht nur genauso alt wie sie (acht) und baut gerade zwischen vier Bäumen genauso jene Baumhütte, von dem ihre Mutter ihr ständig erzählt und das der Vater mit genauso großer Stoik vergessen hat.

Sie, und das wird in dem gerade einmal 72 Minuten langen Film schnell klar und kommt kurz vor Schluss auch konkret zur Sprache, ist tatsächlich Nellys Mutter in Jung. Als Nelly das sagt, gibt Marion eine sehr interessante Antwort. „Bist du aus der Zukunft?“

Die Hauptdarstellerinnen sind Zwillingsschwestern

„Petite Maman“ ist ein wunderbar feiner, kleiner Film über die Magie der Kindheit, den Schmerz des Abschieds und den Zauber der Zukunft. Dazu bedient sich Regisseurin Sciamma gleich mehrerer Tricks. Zunächst ist es eine hübsche Idee, die beiden so ähnlichen Mädchen mit Zwillingen zu besetzen.

Joséphine und Gabrielle Sanz durchleben dabei ihre doch eher erstaunliche Geschichte mit bemerkenswerter Gelassenheit – behalten aber in ihren kindlichen Vergnügungen vom Brett- über Rollenspiel bis zum Pfannkuchenbacken und In-die-Suppe-spucken eine fröhliche Unbeschwertheit mit großem Giggeln und Spaß am Verkleiden.

Dass Nelly dabei stets blaue und Marion immer rote Kleidung trägt, hilft nicht nur bei der Unterscheidung. Es ist schließlich Marion, die mit ihrer Signalfarbe Rot aus der Vergangenheit herüberwinkt.

Baumhütte als Treffpunkt und Übergang in die andere Welt

Der größte Clou ist es aber, die Geschichte der beiden Mädchen ganz schlicht über den gemeinsamen Weg durch den Wald zu erzählen. Auf dessen Mitte steht die Baumhütte: Als zentrales Kindheitsmotiv ist es ihr regelmäßiger Treffpunkt. Ein vorübergehender Hort der Geborgenheit, fragil wie die Beziehung dieser Freundinnen, die ja auch auf merkwürdige Art Mutter und Tochter sind.

Nimmt Marion ihre neue Freundin auf der einen Seite mit nach Hause, landet Nelly im Haus ihrer Oma – ohne Papa, ohne den Schrank im Flur, den sie gerade ausgeräumt hat –, aber damals schon mit den hässlichen grünen Tapeten und dem hübschen Gehstock, den Marions Mutter vulgo Nellys Großmutter (Margot Abascal) nun leibhaftig trägt.

Verlassen die Mädchen die Hütte in die andere Richtung, landen sie auch in Omas Haus. Diesmal aber in Nellys Welt mit Papa und Schrank – aber auch der Gewissheit, dass der nächste Abschied bevorsteht. Denn Marion hat justament an ihrem Geburtstag am folgenden Tag eine Operation vor sich – was Nelly natürlich weiß und sie dementsprechend beruhigen kann. Es wird schon alles gut in der Zukunft.

Ein Universum für ein Kind

„La Musique du Futur“, ein Elektropop-Song, mit dem der Film sich verabschiedet, macht genügend Mut. Da geht es für die beiden Mädchen fröhlich heraus aus dem Wald der Erinnerungen mit dem Boot über einen See. Wo schon ein neues Wunderwerk wartet.

„Petite Maman“ ist ein kleines großes Kunstwerk. Sparsam und effektiv in ihren Mitteln bewahrt Céline Sciamma den ganzen Zauber ihrer rätselhaften Geschichte. Nicht alles, wie die plötzliche Abwesenheit der Mutter, wird geklärt, muss es auch nicht.

Kamerafrau Claire Mathon fängt den Wald im herbstlichen Licht nicht als dunklen Ort ein, an dem der böse Wolf auf kleine Mädchen wartet, sondern als Stätte des Übergangs, in dem die Mädchen in ihrem einsamen oder gemeinsamen Spiel ganz bei sich selbst sind. Ein ganzes Universum für ein Kind, das die Zukunft noch vor sich hat. Für ein Stück Frühling im Herbst, Aufbruch im Abschied.