Berlinale

„Berlin Alexanderplatz": Der Trugtraum vom guten Menschen

Ein Monolith im Wettbewerb: Burhan Qurbani hat „Berlin Alexanderplatz“ kühn in die heutige Zeit verlegt. Und ins Flüchtlingsmilieu.

Wie eine moderne Pietà: Mieze (Jella Haase) hält den gestrauchelten Francis (Welket Bungué) in ihren Armen.

Wie eine moderne Pietà: Mieze (Jella Haase) hält den gestrauchelten Francis (Welket Bungué) in ihren Armen.

Foto: Stephanie Kulbach / dpa

Die Welt steht buchstäblich Kopf zu Beginn dieses Films. Zwei Menschen treiben entkräftet auf offenem Meer. Die Kamera filmt das aber verkehrt herum. Wer untergeht, steigt damit quasi direkt in den Himmel auf. Einer von beiden aber taucht wieder auf, erreicht mit letzter Kraft einen Strand und bricht dort völlig erschöpft zusammen.

Sein altes Leben hat er hinter sich gelassen. Jetzt will er ein neues beginnen. Und fortan gut sein, so sein Schwur, ein neuer, ein besser Mensch. Jella Haases Erzählerstimme aus dem Off erklärt aber sogleich, dass ihm das nicht gelingen wird. Dass der Neubeginn nur eine Gnadenfrist ist. Dass er in Berlin, wo er landet, drei Schicksalsschläge erleiden, dass er sich dort drei Mal wieder aufrappeln wird. Bis er endgültig untergeht.

Der epochale Roman radikal neu und ganz aktuell

Mit „Berlin Alexanderplatz“ hat Burhan Qurbani Alfred Döblins Buchklassiker – knapp 90 Jahre nach der Erstverfilmung mit Heinrich George und 40 Jahre nach der legendären Serie von Rainer Werner Fassbinder mit Günter Lamprecht – radikal neu verfilmt. Einfach, indem er die Handlung in die heutige Zeit verlegt. Und die Hauptfigur Franz Biberkopf zu einem Flüchtling aus Westafrika namens Francis B. verwandelt.

Diese zwei eigentlich simplen Kunstgriffe reichen schon aus, um das epochale Werk ganz modern und ganz gegenwärtig zu machen. Weil einem Staatenlosen ohne Arbeitserlaubnis im heutigen Berlin das Leben so schwer, so unmöglich gemacht wird wie dem Ex-Häftling Biberkopf anno 1929.

Wie damals übrigens wird auch derzeit wieder ein U-Bahnschacht am Alexanderplatz gebaut, schon das eine Parallele. Prompt lässt Qurbani seinen Francis (Welket Bungué) hier anfangs unter Tage, buchstäblich im Berliner Untergrund arbeiten. Schwarz natürlich.

„Ich bin Deutschland“

Als ein Leidensgenosse dabei schwer verletzt wird und er ihm einen Notarzt ruft, wenden sich alle anderen Schwarzarbeiter gegen Francis, damit sie nicht alle gefeuert werden. Sondern nur er. Das ist schon der erste Schlag. Reinhold (Albrecht Schuch), Biberkopfs ewige Nemesis, muss dann nur noch ins Flüchtlingsheim kommen und mit ein paar Scheinen wedeln, um neue Dealer für seine Drogengeschäfte in der Hasenheide anzuwerben. Da landet Francis auch im übertragenen Sinn im Untergrund der Stadt. Und steigt stetig bergab.

„Berlin Alexanderplatz“ ist weniger ein Beitrag zur Flüchtlingsdebatte als ein klares Statement gegen die Unmöglichkeit jeglicher Integration, von der in der Politik zwar allenthalben die Rede ist, die aber gerade durch die Mühlen der Behörden unmöglich gemacht wird. Wo nur der Ausweg bleibt, sich zu verkaufen, um den Traum vom Leben im reichen Westen zu verwirklichen. Weibliche Flüchtlinge, das zeigt Qurbani ebenfalls gleich zu Anfang, verkaufen ihren Körper. Die Männer verkaufen ihre Seelen.

1980, im Jahr, als Fassbinder seine Döblin-Serie in Berlin gedreht hat, ist Burhan Qurbani als Sohn afghanischer Flüchtlinge in Deutschland geboren. In all seinen Filmen arbeitet sich der Regisseur seither an seinem Migrationshintergrund und den Ressentiments gegenüber allem Fremden in diesem Land ab.

Statement gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung

Angefangen mit „Shahada“ über drei junge Muslime in Berlin, sein Abschlussfilm an der Filmhochschule, mit dem er vor zehn Jahren gleich in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde. Über „Wir sind jung. Wir sind stark“, seiner verstörenden Rekonstruktion der fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock 1992, die bundesweit für Entsetzen sorgten.

Bis hin nun zu „Berlin Alexanderplatz“, wo er erstmals auf eine Literaturvorlage zurückgreift und dabei zugleich tiefer vordringt: weil er aufzeigt, dass die Ressentiments gegen Unterprivilegierte schon ganz alt sind. Älter als Multikulti und Flüchtlingskrise. Dass sie schon immer da waren.

Qurbani erzählt das in großen, starken Bildern. Er braucht drei Stunden für seine Geschichte. Und doch ist keine Minute langweilig. Seine radikale Neuversion kann sich durchaus messen lassen mit Fassbinders Serie (die zuletzt 2007 auf der Berlinale in einer Nacht am Stück gezeigt wurde). Auch seine Schauspieler müssen den Vergleich nicht scheuen. Jella Haase ist anrührend als Francis’ hoffnungslose Liebe Mieze.

Ein Film, der umhaut

Albrecht Schuch ist eine Wucht, wie er seinen Reinhold so körperlich wie seelisch verkrüppelt gibt, dass man sich vor ihm fürchten muss. Eine Entdeckung ist Welket Bungué aus Guinea-Bissau, wie anfangs Hoffnung aus seinen Augen strahlt und dieses Licht immer mehr erlischt. Und zynisch der Moment, wo er andere Flüchtlinge als Dealer anwirbt mit der bitteren Verheißung: „Ich bin Deutschland“. Weil er es geschafft hat. Mit krummen Geschäften.

„Berlin Alexanderplatz“ wird bei Qurbani zu einer Passionsgeschichte. Und zu einem klaren Statement gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung, was durch die jüngste Terrortat in Hanau wieder brandaktuell ist. Im Berlinale-Wettbewerb, in dem ganz oft nur ganz kleine Geschichten erzählt wurden, ragt dieses Werk wie ein einsamer Monolith heraus. Bei der Bären-Vergabe wird die Berlinale-Jury um diesen Beitrag nicht herumkommen. Ein Film, der umhaut.

Termine: 27.2., 9.15 Uhr Friedrichstadtpalast und 15 Uhr, Haus der Berliner Festspiele;
1.3., 22 Uhr, International