Wettbewerb

„Never Rarely Sometimes Always“: Schwere Reise nach New York

Regisseurin Eliza Hittman erzählt in ihrem Beitrag zum Wettbewerb die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs. Ein klarer, zärtlicher Film

Eine Entdeckung: Sidney Flanigan als Autumn in "Never, Rarely, Sometimes, Always".

Eine Entdeckung: Sidney Flanigan als Autumn in "Never, Rarely, Sometimes, Always".

Foto: dpa

Es beginnt mit einer Art Talentwettbewerb auf der Bühne einer Highschool irgendwo in Pennsylvania. Nach zwei albernen Einlagen einer Rockabilly-Combo und eines Elvis-Imitators betritt die 17-jährige Autumn (Sidney Flanigan) auf die Bühne, eine Gitarre in der Hand und die Augen mit Silberglitzer überschminkt. Sie singt den 60er-Jahre-Hit „He’s Got The Power“ der „Exciters“, der eigentlich vom Rausch des Verliebtseins und süßer Hilflosigkeit handelt, in ihrer Coverversion aber zu einem traurigen Befund eigener Ohnmacht wird: „He makes me do things I don’t wanna do“, singt Autumn – er zwingt mich zu Dingen, die ich nicht tun möchte. Jemand aus dem Publikum wirft einen Pappbecher nach ihr und schreit „Slut“. Schlampe.

Regisseurin Eliza Hittman hat sich schon in ihren ersten beiden Filmen „It Felt Like Love“ (2013) und „Beach Rats“ (2017) mit der Frage beschäftigt, was es in unserer Zeit eigentlich heißt, erwachsen zu werden – und bei der Auswahl der Schauspieler, allesamt bis dahin unbekannt, viel Geschick bewiesen. Das gilt auch für „Never Rarely Sometimes Always“, der bereits im Januar beim Sundance Film Festival gezeigt wurde. An Autumns Seite sehen wir ihre Cousine Skylar (Talia Ryder), und das fürsorgliche Miteinander dieser beiden Figuren bildet das emotionale Kraftzentrum dieses Films, der sonst von einer Welt erzählt, die für junge Frauen in erster Linie eine schwere Zumutung ist.

Die Eltern haben keine Hilfe anzubieten

Hittmans Kunstgriff liegt nun darin, große Teile der Vorgeschichte im Dunkeln zu lassen. Wir erfahren, dass Autumn schwanger ist, aber wer der Vater ist, bleibt unerzählt. Zwei kurze Szenen reichen aus, um klar zu machen, dass Autumn von ihren Eltern keine Hilfe erwarten kann, weil mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie möchte das Kind nicht behalten, und weil Minderjährige in Pennsylvania nur mit Einwilligung ihrer Erziehungsberechtigten abtreiben dürfen, reist sie mit Skylar nach New York, wo es diese Voraussetzung nicht gibt. Die beiden müssen in der ihnen unbekannten Stadt unerwartet zwei Nächte verbringen, weil sich der Eingriff mitsamt seinen bürokratischen Hürden hinzieht.

In den Aufklärungsgesprächen der New Yorker Abtreibungsklinik gewinnt dieser Film fast dokumentarische Qualität. Hittman zeigt beides: die professionelle Zugewandtheit der Mitarbeiter, die den Eingriff betreuen, und die psychologische Bürde eines Schwangerschaftsabbruchs. Autumn muss viele Fragen beantworten, obwohl sie doch selbst so wenige Antworten hat. Fragen danach zum Beispiel, wie oft sie sexuell bedrängt und genötigt, wie oft sie zu Dingen gezwungen wurde, die sie nicht tun wollte. Ihre Antwortoptionen sind der Titel des Films: nie, selten, manchmal, immer – und die Szene, in der ihr diese Fragen gestellt werden, gehört zu den bewegendsten dieser Berlinale.

Der Film erschöpft sich aber nicht darin. Nebenbei führt er, ganz ohne anklagenden Gestus, die toxische Männlichkeit vor, über die immer noch zu wenig gesprochen wird – ob es nun ein entblößter Penis in der U-Bahn ist oder der baggernde junge Mann, der seine Hilfe irgendwann an körperliche Bedingungen knüpft. Alltag für viele und nicht nur für junge Frauen, überall auf der Welt.