Berlinale Encounters

Unermüdlich: Alexander Kluge stellt seinen Film „Orphea“ vor

Der 88-jährige stellt Rekorde auf – noch nie wurden auf der Berlinale so viele Filme eines aktiven Regisseurs gezeigt

Alexander Kluge auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Januar.

Alexander Kluge auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Januar.

Foto: Picture Alliance for DLD/Hubert Burda Media

Noch nie wurden von einem aktiven Regisseur während einer Berlinale so viele Filme gezeigt. Es dürfte auch einmalig sein, dass ein Festival das neue Werk eines Regisseurs in einem Wettbewerb präsentiert, während ein 50 Jahre alter Film von ihm in einer Jubiläumsreihe läuft. Die Rede ist in beiden Fällen von Alexander Kluge, dem 88-jährigen Urgestein des deutschen Films. Wie kein zweiter hat der gelernte Jurist und einstige Assistent von Fritz Lang im Kino, im TV und in der Literatur gewirkt. Inwiefern sein immenser Einfluss auch nachhaltig prägend ist, lässt sich derweil nicht leicht bemessen. Obwohl so unterschiedliche Regisseure wie Tom Tykwer oder Christian Petzold sich gern auf ihn beziehen, in Kluges Fußstapfen tritt eigentlich niemand. Zu eigensinnig ist die Sprache seiner Filme und Bücher. Welche Art von Fernsehen er betreibt, lässt sich bis zum Sonntag noch in der Volksbühne erkunden. Seine Ausstellung „Das Theater des Kinos“ zeigt in über 50 Kurzfilmen auf Röhrenmonitoren vor allem Interviews mit Kollegen, wie mit dem Vorbild Jean-Luc Godard und Chantal Akermann. Daneben lässt sich Lilith Stangenberg im Publikum eines historischen „Hygienefilms“ betrachten.

Zum Leben erweckte Opernarien

Castorf-Star Stangenberg übernahm auch die Titelrolle in „Orphea“, der bei den Encounters seine Weltpremiere feiert. Kluges erneute Kooperation mit dem philippinischen Künstler Khvan sucht einen Ausweg für das tragische Ende, mit dem seit jeher die Geschichte von Orpheus überliefert wird. Nun ist es an einer weiblichen Heldin, den geliebten Euridiko aus dem Totenreich zu befreien, in der Hoffnung, dass die Sache diesmal nicht an menschlichem Versagen scheitert. Auf der Leinwand erscheinen Straßenfeste im Rotlichtviertel, mit fragiler Stimme zum Leben erweckte Opernarien und eine Urlaubserinnerung Stangenbergs. Vor deren Augen erschlug einst ein sardinischer Schäfer eine Schlange, weil er glaubte, die deutsche Touristin würde sich vor ihr ängstigen. All das bringt auf wilde, nachdenkliche und mitunter herrlich verrückte Weise die Grenzen zwischen den Genres, Generationen, Gegenwart und griechischer Antike zum Schmelzen. Ähnlich funktioniert „Der große Verhau“, eine Wiederaufführung aus dem Forum-Programm von 1971. Hier kommen Stumm-, Essay-, Trashfilm und Science-Fiction zusammen, für eine Erzählung über intergalaktische Verteilungskämpfe im dritten Jahrtausend. Auch dieser Film fordert Konzentration, wie es sich kein Medienprodukt der Gegenwart mehr traut. Und er belohnt das Publikum mit einem spielerischen Reichtum egalitärer Ideen, über den die meisten Gremien heutiger Filmförderungen wohl die Nasen rümpfen würden.

Bislang war die Berlinale gar nicht „sein Festival“. Erfolge feierte Alexander Kluge in Venedig. Gleich sein Debüt „Abschied von Gestern“ wurde 1966 dort ausgezeichnet. Auf der Berlinale war und ist er in allererster Linie als Machender zu Gast. Vermutlich sitzt er auch jetzt gerade irgendwo in der Ecke eines Foyers, mit kleiner Videoausrüstung und verwickelt, in leicht nach vorn gebeugter Haltung, einen Interviewpartner in eine kaum vorhersehbare Unterhaltung.