Berlinale

Der Punk und das Alter

Die Berlinale dröhnt mit einer Liebeserklärung aus: Die Doku „Weil du nur einmal lebst“ über die Toten Hosen.

 Die Toten Hosen als Filmstars: Breiti, Andi,  Campino, Vom und Kuddel (v.l.) auf der Berlinale.

Die Toten Hosen als Filmstars: Breiti, Andi, Campino, Vom und Kuddel (v.l.) auf der Berlinale.

Foto: Andreas Rentz / Andreas Rentz/Getty images

Einer der größten Hits der Toten Hosen, ohne den noch heute keines ihrer Konzerte auskommt, heißt „Wünsch dir was“ und stammt aus dem Jahr 1993. Damals war Helmut Kohl Bundeskanzler und bekam scharfen Gegenwind aus den Medien und dem Kulturbetrieb. Insbesondere sein Versprechen der „blühenden Landschaften“ im Osten, mit dem er 1990 die ersten gesamtdeutschen Wahlen gewonnen hatte, wurde ihm als taktisches Spiel mit den Hoffnungen der Menschen ausgelegt. So war der Refrain „Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft“ gemeint und zu verstehen: als sarkastische Umschreibung falscher Versprechungen. Schon an der Anspielung auf die titelgebende Samstagabendshow mit Dietmar Schönherr war das leicht zu erkennen.

Zwischen Hörsturz und Wurzelsud

Heute wird der Song weitgehend als ironiefreie Utopie mitgegrölt, deren Pathos man gern mitnimmt. „Das Lied hat mich überholt“, sagt Campino in der Dokumentation „Weil du nur einmal lebst“ von Claudia Kablitz-Post, deren Premiere Festivalchef Dieter Kosslick instinktsicher an das Ende der Berlinale gelegt hat. Schon im vergangenen Jahr lotste er mit dem Film „Songwriter“ den britischen Superstar Ed Sheeran auf den roten Teppich und konnte am Ende etliche kreischende Teenager mobilisieren. Die Fans der Hosen liegen im Altersdurchschnitt sicher darüber, aber auch von ihnen gibt es sehr viele.

Die 1982 gegründete Formation mit Wurzeln im deutschen Punkrock zählt zu den erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten – was auch ein Dilemma ist, denn Punks ist das bürgerliche Streben nach Anerkennung und Wohlstand zuwider. Aber ­Kablitz-Post machte es sich nicht so leicht, sich auf diesen etwas ausgetretenen Pfad der Widerspruchsbetrachtung zu begeben, auch wenn er am Rande vorkommt. Stattdessen schaut sie auf den Alterungsprozess, auf fünf Musiker, die in die Jahre gekommen sind.

Sie hat die Toten Hosen auf ihrer Tour im vergangenen Jahr begleitet, war mit ihnen in Essen, Dresden, Berlin und anderen Städten. Sie durfte überall dabei sein: Beim Tischtennisspielen backstage, bei den Massagen des Physiotherapeuten, bei den Proben und Krisengesprächen von Campino, den Gitarristen Kuddel und Breiti, dem Bassisten Andi und dem Schlagzeuger Vom, der seit 1998 dabei ist.

Film mit melancholischer Note

„Ich finds idiotisch, zu ignorieren, dass man älter wird, in allen möglichen Bereichen“, sagt Campino am Anfang. Er wird in diesem Jahr 56 Jahre alt, da ist es nicht mehr so arg klug, die Nächte mit allen möglichen Drogen durchzufeiern. Man kann vielleicht seine Jugend verschwenden, mit seinem Alter sollte man sparsam sein – sonst ist das Leben schnell vorbei. Im Juni 2018 müssen die Toten Hosen ihr zweites Konzert in der Berliner Waldbühne absagen, weil Campino einen Hörsturz erlitten hat. „Bei mir ist alles im Arsch“, sagt er, als sie alle beisammensitzen, und dann erzählen auch die anderen, was alles pfeift und rauscht in ihren Ohren.

Es ist ja schon auffällig, wie sich in die Songtexte der Hosen in den letzten Jahren düstere Töne und Vergänglichkeitsformeln eingeschlichen haben. „Wo sind diese Tage / An denen wir glaubten / Wir hätten nichts zu verlieren?“ hieß es 2012 in „Altes Fieber“ , und in „Unter den Wolken“ (2017): „Der Wind hat sich gedreht / ein grauer Schatten liegt auf unserm Weg“. Beides ist natürlich beziehungsreich und kein reines Memento mori, aber eben auch.

Der Film zeigt, wie sich Campino mit Kickboxen fit hält. Vom Physiotherapeuten erfahren wir, dass er längst nicht mehr der Einzige aus der Band ist, der sich vor Auftritten einen stimmbandschonenden Wurzelsud zubereiten lässt. Wie viel Stagediving lässt die Bandscheibe zu? Es sind solche und ähnliche Fragen, die diesem Film seine melancholische Note geben und ihn auch für die interessant machen, die mit dieser Musik und ihrem rebellenhaften Habitus nichts anfangen können.

Termin: Heute, 15 Uhr Haus der Berliner Festspiele, 22.30 Uhr, International