Berlinale

Wenn eine Geisterstadt plötzlich voller Geister ist

Denis Côté zeigt im Wettbewerb, wie die Landflucht ganze Gemeinden aushöhlt, bis kaum noch Leben da ist.

Denis Côté.

Denis Côté.

Foto: dpa

Berlin. Ruinen gähnen aus zersplitterten Fenstern, schmutzweißer Schnee säumt die Straßenränder und irgendwo blinkt einsam eine bunte Lichterkette gegen die Tristesse an – ein Leuchtturm auf verlorener See. Wäre Sommer und nicht Dezember, man sähe sicher den ein oder anderen Heuballen durch das Dorf rollen. Denn nur noch 215 Menschen leben hier, in Irénée-les-Neiges in der Nähe von Québec. Gleich zu Beginn von Denis Côtés Wettbewerbsfilm „Répertoire des villes disparues“ allerdings subtrahiert sich die Zahl der Einwohner um einen: Simon fährt mit Vollgas gegen eine Betonwand. Dass es in diesem Ort kein Glück mehr gibt, das hätte man nicht ostentativer zeigen können.

Doch, muss man später korrigieren: kann man. Denn das kleine Dorf blutet immer mehr aus. Die, die noch da sind, sehnen sich nach der Großstadt. Und der Tod Simons, den niemand so recht kommen sah, vor allem sein Bruder Jimmy (Robert Naylor) und Mutter Gisèle (Josée Deschênes) nicht, lässt die Gemeinde verzweifeln. Bloß die resolute Bürgermeisterin (Diane Lavallée) versucht, so weiterzumachen wie bisher. Ohne Erfolg.

Bald schon tauchen merkwürdige Wesen auf: Sie stehen fast unbewegt an Straßen und vor Hauseingängen und starren aus leblosen Augen auf die restlichen Dorfbewohner. Als sein Bruder und seine Mutter den kürzlich verstorbenen Simon unter den Menschen entdecken, wird klar, wer das Dorf heimsucht. Verstorbene. Damit macht Côté ziemlich deutlich, was sonst nur fühl- aber nie sichtbar sein kann: Dass sich in einem Nest wie diesem mehr Tote als Lebende befinden. Irgendwann kann man sie nicht mehr voneinander unterscheiden. Wie Landflucht ganze Gegenden aushöhlt, das liest man nicht selten. Man hat sich allerdings noch nie so davor gegruselt wie nun im Kinosaal.

Es gibt eben keine Arbeit, keine Perspektiven, kein Leben. Dass das der Dorfbewohner nicht in der digitalen Gegenwart stattfindet, sondern längst stillsteht, das zeigen auch die grobkörnigen Aufnahmen. François Messier-Rheault hat auf 16mm gedreht – so verwichen wie dieses Dorf.

Termine: Heute, 9.30 Friedrichstadt-Palast, 18 Uhr Friedrichstadt-Palast; 14.2., 18 Uhr Odeon; 17.2., 16 Uhr; Haus der Berliner Festspiele.