Kultur

Christian Bale ist die graue Eminenz

Das Highlight des Festivals, leider nur außer Konkurrenz: Die Politsatire „Vice“ mit Christian Bale als Dick Cheney.

Bush (Sam Rockwell, r.) ist der Präsident. Und hat die Schuhe auf dem Tisch. Aber der eigentliche Drahtzieher ist sein Vize Dick Cheney (Christian Bale).

Bush (Sam Rockwell, r.) ist der Präsident. Und hat die Schuhe auf dem Tisch. Aber der eigentliche Drahtzieher ist sein Vize Dick Cheney (Christian Bale).

Foto: Matt Kennedy / Annapurna Pictures, LLC. All Rights Reserved.

Berlin. Er war immer nur der Zweite. Der Mann, der stets übergangen wurde. Der es nie ganz nach oben schaffte. Dachte man. In Wirklichkeit hat sich Dick Cheney immer mehr Macht einverleibt. War er als Vizepräsident der USA unter George W. Bush acht Jahre lang der eigentliche Strippenzieher. Sicherte er sich mehr Einfluss als jeder andere Vize der Geschichte, mehr, als die Verfassung diesem Posten zugesteht. Politik für die Bürger? Unsinn, sie wird skrupellos für eigene Interessen benutzt. Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein werden behauptet und ein Irakkrieg initiiert, um am Ölgeschäft zu verdienen. Dick Cheney ist ein Lehrstück der Geschichte. Er hat Amerika erst zu dem pervertiert, was es heute ist.

In „Vice – Der zweite Mann“, der heute im Wettbewerb läuft – leider nur außer Konkurrenz – und am 21. Februar ins Kino kommt, macht Adam McKay diesen Mann zu einer Shakespeare- und zugleich zu einer Witzfigur. Es ist, wenn man so will, ein filmischer Exorzismus, eine grelle, gellende Satire über diesen Richard Bruce Cheney, genannt Dick, der eigentlich ein Loser ist und gleich anfangs wegen Alkohols am Steuer verhaftet und verurteilt wird. Bis ihm seine Frau klarmacht: Entweder er wird was, oder er ist sie los.

Also wird er was. Tritt er der Republikanischen Partei bei, nicht aus Überzeugung, sondern aus Kalkül. Erfüllt loyal alle Handlangerdienste, ohne sich zu scheren, ob sie rechtens sind. Lange wird er nur benutzt. Aber als Nixon stürzt, schlägt endlich die Stunde des Siegers: weil er zu den wenigen in der Partei gehört, die nicht in der Watergate-Affäre involviert waren.

Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben

Er wird unter Gerald Ford zum jüngsten Stabschef des Weißen Hauses, unter George Bush Sr. zum Verteidigungsminister. Aber als er dann endlich an der Reihe wäre, Präsidentschaftskandidat zu werden, wird ihm ausgerechnet der ungehobelte Bush Junior vorgesetzt. Der bietet ihm gönnerhaft an, sein Vize zu werden. Was Cheney nur unter einer Bedingung annimmt, dass er den Posten nach seinem Gusto ausweiten darf.

Kaum zu glauben, dass Regisseur Adam McKay jahrelang nur harmlose Komödien für Will Ferrell inszeniert hat. Bis er 2015 den komplexen Sachverhalt der globalen Finanzkrise in der so pointierten wie bösartigen Politsatire „The Big Short“ aufarbeitete. In ­„Vice“ legt McKay nun mit einem politischen Lehrstück nach, das fünf Jahrzehnte US-Politik überstreicht – und ihre Schatten bis in die Gegenwart zieht, wo der Film eigentlich längst zu Ende ist.

McKay, der wie Farrell aus der ­„Saturday Night Live“-Comedyszene kommt, geizt dabei nicht mit überhöhten satirischen Mitteln. Mit einem nächtlichen Ehegespräch der Cheneys in Knittelversen. Mit einem falschen Erzähler, der das Geschehen kommentiert, bis er überfahren wird. Oder einem vermeintlichen Happy End, bei dem Cheney der Politik entsagt und unter Musikfanfaren der Abspann läuft – bevor das jäh gestoppt wird und das eigentliche Drama erst richtig beginnt. Das sind überraschende dramaturgische Kniffe voll finsterer Komik. Und doch nur Äquivalente, die nie mehr lügen oder Wahrheiten verdrehen, als es die Cheneys und Bushs selber tun. Hier wird einmal wirklich, wie im Sprichwort, der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Schon McKays Drehbuch war so brillant, dass sich die Stars danach förmlich die Finger lecken mussten. Aber die geben dem Ganzen noch mal eine zusätzliche Note. Allen voran Christian Bale, der für seine Satansfigur zig Kilogramm zugelegt hat und hinter seiner Maske gar nicht mehr zu erkennen ist. Was aber ganz zu der Maskenhaftigkeit Cheneys passt. Oder Amy Adams als seine Frau Lynn, eine wahre Lady Macbeth, die noch viel machtbesessener ist als der Gatte und dafür auch das Wohl der eigenen Tochter opfert.

Kabinettstückchen liefert auch Sam Rockwell, der seinen George W. Bush als tumben Bauernburschen gibt, der im Oval Office die Beine herrisch auf den Schreibtisch wirft, die Politik aber seinem Vize überlässt. Oder Steve Carell als dauergrinsender Rumsfeld, der Cheney nur benutzt, bis er am Ende von diesem benutzt wird. Lauter boshaft ausgespielte, aber nur leicht übertriebene Geisterbahnfiguren, von denen man nicht glauben mag, dass sie wirklich existieren – und dass man sie wirklich regieren ließ.

„Vice“ – der bereits für acht Oscars nominiert wurde und nun zur Festivalhalbzeit das Berlinale-Highlight stellt – deckt mit Methoden, wie man sie sonst nur aus dem Dokumentarischen von Michael Moore kennt, diese modernen Machiavelli-Methoden auf. Und macht klar, dass man diese Praktiken durchschaut hat. Damit weist der Film weit über sein eigentliches Terrain hinaus direkt auf den heutigen US-Präsidenten. Der ist in der Lesart dieses Films auch nur eine logische Folge von Cheneys pervertiertem Politikmissbrauch.

Termine: 12.2., 9.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, 12 Uhr Friedrichstadt-Palast, 22.30 Uhr International; 15.2., 22.45 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.