Schauspielerin

Emma Drogunova ist der Shootingstar der Berlinale

Noch ist sie unbekannt, das ändert sich jetzt: Emma Drogunova ist der deutsche Shootingstar der Berlinale.

Was kommt auf der Berlinale wohl auf sie zu? Emma Drogunova hat sich von ihrer Freundin Jella Haase beraten lassen.

Was kommt auf der Berlinale wohl auf sie zu? Emma Drogunova hat sich von ihrer Freundin Jella Haase beraten lassen.

Foto: Reto Klar

Der Freudenschrei, den Emma Drogunova losließ, als sie in einem Kölner ­Taxi von ihrer Auszeichnung als European Shootingstar erfuhr, hallt vermutlich heute noch durch die Rheinmetropole. „Ich konnte das erstmal gar nicht glauben“, gibt sie lachend zu und muss über sich selbst schmunzeln. „Der arme Fahrer hat sich total erschrocken, weil ich so ausgeflippt bin. Es sind eben große Fußstapfen, in die ich da trete. Fußstapfen von Leuten, die ich bewundere“. Daniel Craig, Alicica Vikander, Daniel Brühl, Heike Makatsch, Louis Hofmann, Jella Haase und im vergangenen Jahr Franz Rogowski – das alles sind Schauspieler, die in den letzten Jahren als „European Shooting Star“ auf der Berlinale ausgezeichnet wurden. Jetzt also Emma Drogunova, 23 Jahre alt, Wahlberlinerin und definitiv noch ein unbekanntes Gesicht in der deutschen Filmlandschaft. Noch.

Der erste Höhepunkt in der Karriere der erst 23-Jährigen

Emma Drogunova, ganz in Schwarz gekleidet, die Schuhe liegen irgendwo unter ihrem Stuhl, hat es sich bequem gemacht und sprudelt los. „Einmal sacken lassen, dann freuen und überlegen“. Rat hat sie sich bei ihrer guten Freundin und Schauspielkollegin Jella Haase geholt. Wen man da so trifft, was so auf einen zukommt. Wie man den Berlinale-Wahnsinn am besten übersteht. Per Telefon stand Haase Drogunova zur Seite und gab ihr den Tipp ihres eigenen Vaters weiter: „Einfach cool bleiben.“ Ein Tipp, den sich Drogunova zu Herzen nehmen will, denn die Auszeichnung auf der Berlinale ist der erste Höhepunkt in der Karriere der 23-jährigen.

Das erste Mal bewusst auf der Berlinale war sie mit 14. Der Film „Joven y Alocada“ von Marialy Rivas hat sie damals nachhaltig beeindruckt. Es ging um ein junges Mädchen, das seine Sexualität entdeckt und zur Frau wird. „Dieses Filmerlebnis hat mich geprägt. Da habe ich das erste Mal bewusst gemerkt, was Filme bewirken können.“ Dass sie in diesem Jahr viele Filme schaffen wird, glaubt sie nicht. Dafür kann sie üben, sich auf dem roten Teppich zu präsentieren, das ist alles noch neu und aufregend. „Ich bin da sehr schüchtern, weiß noch nicht genau, wie ich mich präsentieren soll. Ich bin zum Glück nicht nur Schauspielerin, sondern auch Tänzerin. Deswegen sehe ich den Gang über den roten Teppich immer als Tanz. Nur ohne Tanzen.“

Dabei hat Drogunova bisher meist Fernsehen gemacht, „Tatort“, „Letzte Spur Berlin“, „Hotel Adlon“, die Kinorollen sind an einer Hand abzählbar. „Vielmachglas“ mit Jella Haase oder zuletzt die Robert-Seethaler-Verfilmung „Der Trafikant“ – für die sie jetzt ausgezeichnet wird. Sie liebt den Moment, wenn die Kamera läuft. „Es geht beim Film um die ganz kleinen Details, die man im wahren Leben womöglich gar nicht bemerken würde“, sagt sie. „Das Eintauchen in eine ganz andere Welt, das Verwandeln in eine andere Person – ohne dabei aber die eigene Biographie außen vor zu lassen“.

Eine Biographie, die sie sehr geprägt hat. Emma war gerade mal zwei Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder aus Russland nach Berlin übersiedelten. Ihre Eltern hätten auf ein besseres Leben für ihre Kinder gehofft, in Moabit einen Neuanfang gewagt. „Klar geht es nicht spurlos an einem vorbei, wenn man ständig das Gefühl vermittelt bekommt, anders zu sein. Bin ich weniger deutsch? Bin ich mehr russisch? Anders als meine Freunde? Was bin ich eigentlich?“ Das seien Fragen, mit denen sie sich hätte beschäftigen müssen in ihrer Kindheit und Jugend. Bis sie beschlossen hat, sich einfach nicht entscheiden zu müssen. „An manchen Tagen bin ich heute noch mehr russisch und an manchen mehr deutsch. Ich kann alles sein.“

Als Fünfjährige zum russischen Kindertheater

Mit fünf Jahren hat Emmas Mutter sie zu einem russischen Kindertheater in Berlin geschickt, der Anfang war gemacht. „Obwohl ich immer Respekt vor der Bühne hatte“, wie Emma lachend zugibt. Mit zehn hat sie ihre Mutter überzeugen können, in eine Kinderagentur aufgenommen zu werden, sie hat erste Kurzfilme gedreht und bei Castings vorgesprochen. „Ich hatte überhaupt keine Vorstellungen, was auf mich zukommt. Ich bin da einfach hin und habe es irgendwie geschafft aufgenommen zu werden“. Dabei war der Anfang schleppend, Schule und Schauspielerei mussten irgendwie unter einen Hut. Mit 16 hat sie den Kurzfilm „Nicht den Boden berühren“ gedreht. Unter der Regie von Mia Spengler. „Mia ist mittlerweile eine Art große Schwester für mich. Eine Mentorin“, schwärmt Drogunova von der Frau, die ihr geholfen hat Fuß zu fassen und sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich will. Vom Schauspiel und vom Leben.

Nach dem Abitur hat sie kurz mit einer Ausbildung als Tänzerin geliebäugelt, sich mit Nebenjobs wie Kellnern über Wasser gehalten. Und sich dann ganz auf ihre Karriere vor der Kamera konzentriert. Oder fast ganz. Neben der Schauspielerei studiert sie heute Französisch und Russisch an der Humboldt- Universität, schafft es aber nicht ganz so häufig in die Vorlesungen. Das ist ihr ein bisschen unangenehm, „immer, wenn ich mal da bin, müssen die doch denken: ‚Ah, da ist wieder das gnädige Fräulein, das kommt und geht, wann sie will.‘“ Sie nimmt es mit Humor. Das Ende der Vorlesungszeit fällt mit dem Ende der Berlinale zusammen. Dann hat sie erst mal Zeit, alles sacken zu lassen.