Berlinale

Das freche, wilde, wunderbare Leben von Astrid Lindgren

Alle sind wir mit Astrid Lindgren aufgewachsen. Aber wie wuchs sie selber auf? „Unga Astrid“ erzählt es uns.

Träumt sich gern in fremde Welten fort: Astrid (Alba August) mit ihrem Sohn Lasse

Träumt sich gern in fremde Welten fort: Astrid (Alba August) mit ihrem Sohn Lasse

Foto: Berlinale 2018

Die geflochtenen Zöpfe fliegen um ihre Ohren, die Arme um den Körper und die Beine wirbeln so schnell auf dem Parkett herum, dass einem vom Zusehen schwindelig wird. Aber ihr nicht. Sie tanzt so übermütig, so frei, als wäre sie allein auf der Welt. Ein bisschen so wie Pippi Langstrumpf, denkt man gleich, und das ist auch gar nicht falsch. Denn dieser lebensfrohe, energiegeladene Teenager, das ist Astrid Lindgren, die spätere schwedische Erfolgsautorin. Auch wenn man selbst mit ihren mutigen Kindern groß geworden ist, Michel und die Brüder Löwenherz, die Ronja und die Kinder aus Bullerbü – über die Jugendzeit der Schriftstellerin wusste man bisher nicht gerade viel. Das ändert sich jetzt durch das Berlinale-Special „Unga Astrid“. Da kann man Astrid Lindgren, die noch Ericsson heißt, beim Erwachsenwerden zusehen. Und dabei, wie ihre fröhliche Welt plötzlich zerbirst.

Dabei beginnt das alles ganz wunderbar. Es ist 1924, rote Holzhäuser tauchen auf der Leinwand auf, weiße Fensterläden, Schnee, Pferdekutschen, und das ganze skandinavische Flair, das man mit Ikea-Stücken so gern in die eigene Welt kopiert. Astrid (Alba August) bewegt sich mit schwingenden Schritten durch diesen kleinen Kosmos, zwischen dem Dorf Vimmerby und dem Bauernhof ihrer Eltern. In ihrem Kopf beginnt sich ihre Welt schon in die verrücktesten Geschichten zu biegen. Die erzählt sie gern, am liebsten ihren drei Geschwistern. Dann werden ihre Augen groß und die Stimme tief und sie erschafft mit Worten eine andere, viel schönere Welt. So wie später, wenn sie schreibt.

Das Glück wird von der frühen Schwangerschaft zerstört

Dass die 16-Jährige sich für Literatur und Journalismus interessiert, das hat sich schon herumgesprochen. Daher bietet ihr der Chefredakteur des heimischen Tageblatts, Reinhold Blomberg (Henrik Rafaelsen), einen Job als Sekretärin an. Dass dieser Moment ihre Kindheit beenden, dass ihr Schicksal eine ganz andere Wendung nehmen wird, das wird erst hinterher klar. Denn sie verliebt sich in diesen viel älteren Mann, dessen älteste Tochter ihre Freundin ist. Und das ist das Tolle an diesem Film: Sie gibt sich ihm nicht hin, sie verführt ihn. Klar, dass er da keine Chance hat. Der Zuschauer auch nicht. Von der ersten Sekunde an ist man diesem lebenshungrigen Mädchen mit den fliegenden Zöpfen verfallen. Als Astrid schließlich schwanger wird – das hatte man ja nun bereits geahnt, wie gesagt, es ist 1924 –, da ist das Drama groß.

Denn Blomberg ist zwar von seiner zweiten Frau getrennt, aber noch verheiratet, und Astrid ist noch minderjährig. Er könnte ins Gefängnis wandern, wenn er zu der Vaterschaft steht. Das erzählt er zumindest Astrid. Und die glaubt ihm, lässt ihre Familie und ihr Zuhause mit heißem Kopf und vielen Tränen zurück, um zur Stenografie-Schule nach Stockholm zu gehen und das Kind unbemerkt in Dänemark zu bekommen. Das allein ist schon harter Tobak. Doch wie diese junge Frau mit immer größerem Bauch allein durch die Kälte stapft, um eine Pflegemutter für das Baby zu suchen, die sich kümmert, bis sie den Vater heiraten und den Sohn nach Hause holen kann, das treibt Tränen in die Augen.

Wer bei diesem Film mitfühlt, braucht eine Packung Taschentücher

Nicht nur ein Mal. Wer bei diesem Film mitfühlt – das geht auch gar nicht anders, allein wegen Alba Augusts wunderbarer Lindgren-Darstellung – der braucht eine Packung Taschentücher. Das Kind wird Jahre bei der Pflegemutter in Dänemark verbringen und Lindgren von Besuch zu Besuch immer fremder werden. Erst Jahre später wird der Vater ihres Kindes sie heiraten können. Aber da will sie nicht mehr. Dass sie wegen ihm ihr Kind weggeben musste, kann sie ihm nicht verzeihen.

Den Pippis und den Ronjas, den ganzen mutigen, lebensfrohen Kindern, kann man hier beim Wachsen zusehen. Dass Lindgren ihrem ersten Kind zu Anfang keine Mutter sein konnte, das hat sie auch sich selbst nie verziehen. Vielleicht spielen die Eltern in ihren Geschichten daher keine große Rolle. Weil Lindgren hofft, dass man auch ohne sie glücklich sein kann. Und weil sie selbst das ja auch sein musste, so plötzlich fort von Zuhause.

Pernille Fischer Christensen, die schon viele Filme auf der Berlinale präsentiert hat, erzählt hier ein Frauenleben, das man sich viel häufiger auf der Leinwand wünscht: voll Energie und abseits der Konventionen, sensibel und selbstbewusst, nachdenklich und lebenshungrig zugleich. Dass das nie klischeebeladen oder kitschig wird, liegt auch an Alba August, die nun als eine der European Shooting Stars ausgezeichnet wurde. Die spielt und spuckt und brüllt und tanzt, dass man nie wegsehen kann. Wie bei Pippi und ihrem Lebensmotto: „Sei frech und wild und wunderbar.“

Wiederholungen: Donnerstag, 12.30 Zoo Palast 1, 15.30 Neues Off, 18.30 Friedrichstadt-Palast; 25.2., 10 Uhr Berlinale-Palast.

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