Berlinale

Starkes Signal für die Quote: Ildikó Enyedi gewinnt Gold

Eine Schlachthausromanze hat das Festival von Anfang an bezaubert. Zum fünften Mal geht der Hauptpreis der Berlinale an eine Frau.

Die ungarische Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi wird von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick für ihren Film „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Die ungarische Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi wird von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick für ihren Film „Körper und Seele“ („Teströl és lélekröl“) mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Zierlich wirkt sie, und fast schüchtern, als sie den Preis entgegennimmt. Schon am Sonnabendmittag war Ildikó Enyedi sichtlich überwältigt, als sie bei der Verleihung der Unabhängigen Jurys gleich drei Preise gewann. Aber dann wurde sie abends noch einmal ausgezeichnet, und zwar gleich mit dem Hauptpreis: „On Body and Soul“ gewann den Goldenen Bären. Ihre so absurde wie märchenhafte Liebesgeschichte ausgerechnet in einem Schlachthaus erzählt eher festival-unüblich auf sehr vergnügliche Weise von einem Mann und einer Frau, die ihre Bestimmung füreinander dadurch erkennen, dass sie denselben Traum träumen. Bis zur Premiere ihres Films auf der Berlinale, sagt die Filmemacherin sichtlich bewegt und leicht stotternd, habe sie nicht gewusst, ob diese Gratwanderung beim Publikum ankommen würde. Dabei sorgte Enyedi, die 1992 selbst einmal in einer Berlinale-Jury saß, gleich vom zweiten Festivaltag an für einen Favoriten.

Berlinale 2017: Alle Preise auf einen Blick

Es ist das fünfte Mal, dass der Hauptpreis der Berlinale an eine Frau geht. Das erste Mal, 1975 war das, ist er auch schon an eine Ungarin gegangen, an Márta Mészáros (für „Adoption“). Zwei Jahre später gewann die Russin Larissa Schepitko (für „Aufstieg“), in den Nullerjahren dann erst die Bosnierin Jasmila Žbanić (für „Esmas Geheimnis“, 2006) und dann die Peruanerin Claudia Llosa (für „Eine Perle Ewigkeit“, 2009).

Die Berlinale hat damit die Konkurrenz in Venedig überholt, wo vier Regisseurinnen den Goldenen Löwen gewannen (darunter die Deutsche Margarethe von Trotta 1981). Das Schlusslicht bildet nach wie vor Cannes, auf dem bislang erst eine einzige Goldene Palme an eine Frau ging, an Jane Campion, und das ist auch schon ein Vierteljahrhundert her.

Eine Berlinale, die den Frauen gehörte

Viel wird derzeit über die Quote diskutiert. Auch in der Filmbranche. Und auch auf der Berlinale war sie Thema zahlreicher Veranstaltungen. Dieter Kosslick, der einstige Frauenbeauftragte von Hamburg, geht da mit gutem Beispiel voran: Von den 399 Filmen im Programm der Berlinale stammten 125 von Frauen, von den 18 Wettbewerbsbeiträgen waren es immerhin vier. Und mit Agnieszka Holland wurde gleich noch eine zweite Filmemacherin ausgezeichnet. Mit einem Rächerfilm, „Potok“, bei dem eine ältere Frau skrupellose Wilderer behandelt wie die ihr Wild. Ironischerweise gleich noch ein Film, der wie „On Body and Soul“ mit kräftigen Tiermetaphern arbeitet. Wobei es ein bisschen merkwürdig anmutet, dass der Alfred-Bauer-Preis, eigentlich für Filme gedacht, die neue Perspektiven eröffnen, an eine 68-jährige Altmeisterin geht.

Aber die 67. Berlinale, sie war eben ein Festival der starken Frauen. Das zog sich wie ein Leitfaden durchs Programm. Und das hat die Internationale Jury unter dem Präsidenten Paul Verhoeven, selbst ein großer Frauenregisseur, entsprechend honoriert. Der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung der Berlinale, geht an „Félicité“, in dem eine junge Senegalesin als Frau autark und unabhängig bleiben will in einer von Männern dominierten Welt. Immerhin ein Drehbuchpreis ging an „Una mujer fantástica“, das Drama über eine Transgender-Frau in Chile, die für ihre Identität kämpfen muss. Ein Kurzfilmpreis ging an die Australierin Claire Randall, der Erstlingspreis an die Spanierin Carla Simón, und die Cutterin Dana Buneso wurde für eine herausragende Leistung prämiert. Agnieszka Holland verriet, dass sie ihren Film nicht allein gedreht habe und kam zusammen mit ihrer Tochter und Koregisseurin Kasia Adamik nach vorn. Und die Transgender-Schauspielerin Daniela Vega wurde ebenfalls nach vorn gebeten, als ihr Film einen Drehbuchpreis bekam. Selten standen bei einer Preisverleihung so viele Frauen auf der Bühne.

Die Berlinale der starken Frauen: Die bot entsprechend zahllose Kandidatinnen in der Sparte beste Schauspielerin. Agnieszka Mandat, die sich in Agniezska Hollands Film blutig an skrupellosen Wilderern rächt, zählte ebenso dazu wie Alexandra Borbély, die autistische Lebensmittelgutachterin in Enyedis Schlachthaus-Romanze. Auch Daniela Vega, die Transgender-Schauspielerin aus „Mujer fantástica“, durfte man dazuzählen, und gleich den halben Cast aus „The Party“. Warum es am Ende die Koreanerin Kim Minhee wurde, für „On the Beach at Night Alone“, ein Film, der in fast allen Kritiker-Spiegeln nur als annehmbar gewertet wurde, bleibt das Geheimnis der Jury. Aber dass Paul Verhoeven immer für Überraschungen gut ist, war von vornherein klar.

Schwieriger war es dagegen, einen Kandidaten für den besten Schauspieler zu finden. Dass Georg Friedrich für den deutschen Film „Helle Nächte“ gewann, sollte einen eigentlich freuen. Aber auch Thomas Arslans halbgare Vater-Sohn-Geschichte ist in der Kritik durchgefallen. Friedrich – der übrigens nägelkauend die bizarrste Dankesrede des Abends hielt und später seinen Kaugummi an seinen Bären klebte – war viel beeindruckender in „Wilde Maus“, dem zweiten Film mit ihm, der im Wettbewerb lief. Aber da spielte der Österreicher nur eine Nebenrolle.

Dass Aki Kaurismäki für seine melancholische Flüchtlingskomödie „Die andere Seite der Hoffnung“ „nur“ einen Regiepreis gewann (den er sich an den Platz bringen ließ) , wirkt fast wie ein Trostpreis. Kein Film im Wettbewerb war so politisch, so aktuell und doch von so eigener Handschrift. Und ganz leer gingen mal wieder die Amerikaner aus. Das hat schon Tradition auf der Berlinale, man muss sich nicht wundern, wenn die nicht mehr kommen wollen oder ihre Filme nur noch außer Konkurrenz zeigen. Aber es verwundert schon ein wenig bei einem Jury-Präsidenten wie Verhoeven, der lange in Hollywood gearbeitet hat.

Wo es maue Beiträge gibt, gibt es auch maue Preise

Es ist ein klares und wichtiges Zeichen, dass die Berlinale mit seinen Frauen-Preisen aussendet. Mit den anderen Bären freilich bleibt die Jury ganz im Trend der vergangenen Jahre, eher abwegige Entscheidungen zu treffen. „Für mich zählt die Qualität der Filme, nicht die Botschaft“, hatte Verhoeven zu Beginn der Berlinale verkündet. Dass ein Film wie das Star-Drama „The Dinner“, das an seiner eigenen Botschaft erstickt, übergangen wurde, ist da völlig okay. Dass aber Beiträge wie „Helle Nächte“, „Félicité“ oder „On The Beach at Night Alone“ reüssierten, die auch nicht gerade durch herausragende Qualität hervorstachen, irritiert da schon.

Dieses Votum passt aber in ein Jahr, das wohl nicht als ein starkes in die ­Annalen des Festivals eingehen wird. Wo es viele maue Beiträge gibt, muss man sich nicht wundern, wenn es am Ende auch den einen oder anderen mauen Preis gibt.