Ein Wechselbad der Gefühle. Gerade noch hat man „Helle Nächte“ gesehen, ein Vater-Sohn-Drama auf kleinstem Raum im Auto, da steht schon „The Party“ an, ein Sieben-Personen-Drama auf engstem Raum, im Wohnzimmer. Die Leserjury der Berliner Morgenpost hat das große Los gezogen: Sie darf elf Tage lang auf die Berlinale, um am Ende über den Publikumsfavoriten im Wettbewerb abzustimmen.

Das heißt aber auch: zwei bis drei Filme am Tag. Mit nur wenig Luft dazwischen. In einer dieser knappen Pausen treffen wir uns auf einen schnellen Kaffee, den man uns freundlicherweise in der Golden Bear Lounge im „Hyatt Hotel“ genehmigt. Hier sollen die zwölf Geschworenen einmal verraten, wie man so ein Festival erlebt.

Wie eine gemeinsame Kreuzfahrt

Der erste Eindruck: lauter glückliche Gesichter. Da ist keiner, der das Pensum als Anstrengung empfindet. Nach den drei Filmen Pflicht werden gern noch ein, zwei Filme Kür in einer anderen Sektion drangehängt. Der Schauspieler Fabian Rischow (26) bringt es auf den Punkt: „Ich habe mehr Filme am Tag als Stunden an Schlaf.“ Auf fünf bis, jawohl, sechs Filme kämen nur vier bis fünf Stunden Schlaf. „Tja“, stöhnt die pensionierte Studienrätin Dorothea Kreter (68), „mit 26 hätte ich das auch geschafft“.

Für den Sozialpädagogen Elmar Kuhn (35) ist die Berlinale „ein bisschen wie eine Weltreise“, in der man laufend in verschiedene Gefühlswelten katapultiert wird. Dorothea Kreter hakt gleich nach: Genau, die Leserjury-Zeit sei „wie eine gemeinsame Kreuzfahrt“.

Eine gute Zeit zum Abnehmen

Bei so viel Kino und so wenig Zeit ist es schwierig, mal aufzutanken. Die Ärztin Eva Bondy, die mit 70 quasi den Altersvorsitz hält, muss zwischendurch an die frische Luft. Dass es so kalt sei draußen, helfe, „das macht total wach“. Ebenso Kaffee trinken und auch mal mit Fremden in der Schlange ins Gespräch kommen. Zwischendurch müsse sie aber auch mal für sich sein und sortieren, was da alles an Eindrücken auf sie einprasselt. Dass sie kaum zum Essen kommt, dem gewinnt sie auch Gutes ab: „Es ist eine gute Zeit zum Abnehmen, ich esse deutlich weniger.“

Die Studentin Fanni Stolz (26) sorgt da vor. Sie schmiert sich morgens Stullen für den Tag. Oder macht schon am Vorabend einen Nudelsalat. „Dann kann ich morgens zehn Minuten länger schlafen.“ Ein bisschen Obst und ein Schokoriegel helfen gegen den Zuckermangel. Und sowas wie Studentenfutter haben fast alle in der Tasche.

Das nächste Mal mit Thrombosestrümpfen

Eva Bondy, die es nach vier Filmen gut sein lässt, wird zu Hause belohnt. Ihr Mann findet zwar nicht unbedingt gut, dass sie dauernd unterwegs ist, er kocht aber für sie. Staatsanwalt Uwe Picard (61) regelt das mit seiner Frau anders. Beide sind passionierte Berlinale-Gänger. Er kann seiner Frau immer schon empfehlen, was sich lohnt. Und dann versuchen beide, noch mal an Tickets für diese Filme zu kommen. „Wir nehmen auch mal in Kauf, dass wir nicht nebeneinander sitzen.“ Aber auf die Art würden sie das Festival doch gemeinsam erleben. Ähnliches erlebt Fanni Stolz mit ihrer Mutter, die auch Berlinale-begeistert ist und dafür extra aus Regensburg anreist.

Auch Uwe Picard kriegt nicht viel Schlaf. Er würde aber mit niemandem tauschen, für kein Geld der Welt. Als Staatsanwalt habe er auch schon mal 38 Stunden am Stück durchgearbeitet („Dafür gibt es Zeugen!“). „Ich merke nur, dass vom vielen Sitzen die Beine schwer werden.“ Das sei wie bei Fernflügen. Das nächste Mal muss man vielleicht an Thrombosestrümpfe denken.

Wenn du das Ende behältst, ist der Film gut

Die Kunsthistorikerin Joelle Spinner (41) stellt die Berlinale vor ein spezielles Problem: Nicht nur, dass sie als Mutter nachts noch Wäsche waschen muss. Als orthodoxe Jüdin muss sie den Sabbat einhalten. Sie konnte deshalb am Wochenende vier Filme nicht sehen. Sie hat versucht, das mit Wiederholungsvorführungen nachzuholen. Die anderen Juroren standen mit Rat und Tat zur Seite, welcher Film sich lohnt und welchen man sich sparen könne. Wenn der Leserpreis am Sonnabend um 12 Uhr im „Hyatt Hotel“ verliehen wird, darf sie eigentlich wieder weder Taxi noch Fahrrad benutzen. Sie überlegt aber, den weiten Weg vom Prenzlauer Berg an den Potsdamer Platz zu Fuß zurückzulegen.

Was schön ist an der Jury, das meinen eigentlich alle, sei der Austausch. Da hier sieben Jahrzehnte vertreten sind, kämen sehr unterschiedliche Auffassungen zusammen. Die alle als sehr bereichernd empfinden. Nur dass eben bei so vielen Filmen irgendwann alles verschwimmt. Elmar Kuhnt hat da aber einen prima Gradmesser gefunden: Wenn man noch wisse, wie die letzte Szene aussehe, dann sei es ein guter Film. Alle sind sich einig: An so viele letzte Szenen können sie sich nicht erinnern. Aber schon heißt es wieder aufbrechen. Der nächste Film steht an.