Der Regisseur Wim Wenders (69) ist am Donnerstagabend mit dem Goldenen Ehrenbären der Berlinale geehrt worden. Das Festival sprach dem Schöpfer von „Der Himmel über Berlin“ und „Pina“ die Auszeichnung für sein Lebenswerk zu. In seiner Laudatio würdigte der brasilianische Regisseur Walter Salles („Central Station“) Wenders als einen der großen Filmemacher aller Zeiten. „Was Wim Wenders uns gelehrt hat war ein moralischer Kompass aber auch einen ästhetischen und inhaltlichen Kompass für das Filmemachen“, sagte Salles.

Als Wenders im letzten Herbst auf seine kommende Auszeichnung mit dem Goldenen Ehrenbären angesprochen wurde, war ihm noch nicht besonders feierlich zumute. In seiner unnachahmlichen Mischung aus schalkhaftem Witz, Understatement und künstlerischer Entrückung murmelte er nur: „Im 70. Lebensjahr muss man das auch ganz gelassen sehen.“ Der Bär würde wohl, wie alle seine Preise, im Archiv seiner Stiftung verschwinden. Eingeholt vom Faktischen scheint sich Wenders über die Ehrung seines „genreübergreifenden und vielseitigen Werks als Filmemacher, Fotograf und Autor“ doch noch so richtig zu freuen.

Nur einmal auf Bären-Jagd

Dabei hatte es für ihn gar nicht so glücklich begonnen. Als ein Journalist bei der ersten Pressekonferenz den Jury-Präsidenten Darren Aronofsky nach prägenden Berlinale-Filmen fragte, geriet er ins Stottern. Schließlich stellte er fest, dass er „alle Filme von Wim Wenders“ wirklich sehr lieben würde. Ob und welche dieser Filme auf der Berlinale gelaufen wären, daran konnten sich weder Aronofsky noch Dieter Kosslick aus dem Stand erinnern.

Kein Wunder, denn das einzige Mal, dass ein Wenders-Film auf Bärenjagd ging, war im Jahr 2000, kurz vor Kosslicks Zeit. „Million Dollar Hotel“ wurde damals von der Jury, in der auch Walter Salles saß, mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Auch Hollywood mochte sich bisher nur eingeschränkt zu Wenders bekennen. Gerade ist er mit „Das Salz der Erde“ zum dritten Mal für den Dokumentarfilm-Oscar im Rennen, seine Spielfilme schätzt man nur auf den Festivals in Venedig und, vor allem, in Cannes.

„Es wollte mir nicht gelingen“

Bei seinen Berlinale-Auftritten in den letzten Tagen standen junge Journalisten und Filmemacher aus Peru und Mexiko auf und betonten, wie sehr Wenders bei ihnen „zu Hause geliebt“ werden würde, dass er „einer von ihnen“ sei. Warum man da in Deutschland zögerlicher ist, warum sich so selten ein jüngerer deutscher Filmemacher zu Wenders als Inspiration bekennt, konnte man in den letzten Tagen reichlich spekulieren. Bei seinem Auftritt auf dem Talent Campus im HAU sprach Wenders zum Beispiel über seine frühen Versuche, die Genres seiner eigenen Helden zu imitieren, Hitchcock zum Beispiel, in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. „Es wollte mir nicht gelingen“, bekannte er.

Auch das branchenübliche nicht chronologische Drehen hätte ihm nicht gelegen. Erst „Alice in den Städten“, die Entdeckung der Roadmovies also, die ein chronologisches Arbeiten zumindest nahelegen, man könnte auch sagen, erst seine Hinwendung zur Poesie und Konkretisierung haben ihn „befreit“. Damit hätte Wenders auch gleichzeitig jene hinter sich gelassen, die im Kino entweder das Abstrakte suchen, oder Geheimnisse nur gelten lassen, wenn sie sich am Ende auch in aller Schlüssigkeit lösen lassen.

Dass nun aber auch auf Wenders-Skeptiker eine weitere Herausforderung wartet, deutete sich gestern am Ende der Pressekonferenz an, als nach der Zukunft und seinen verbliebenen Träumen gefragt wurde. „Vielleicht bin ich inzwischen alt und auch weise genug,“ hob Wenders an, „um doch noch eine Komödie hinzukriegen.“ Die Reaktion der anwesenden Journalisten kommentierte er trocken: „Nun lachen sie alle“ , und konnte sich selbst sein sanftes Lächeln nicht verkneifen. Für eine Komödie wäre das doch gar kein schlechter Anfang.