Reporterinnen mit Lippenstiftlippen um zehn Uhr morgens, Gläser mit Wasabinüssen, die nicht angefasst, aber angeguckt werden, und auf der Bühne zehn junge Menschen – jeder aus einem anderen europäischen Land. Es ist die Präsentation der European Shootingstars 2015, direkt vor dem Berlinale Palast in dem blassgrauen Container, der Audi Lounge heißt. Seit 1998 werden während der Berlinale junge Schauspieler ausgerufen, die von Presse, Produzenten und Regisseuren gesondert angeguckt werden sollen, weil sie vielversprechend sind, weil sie was können. Schauspielern.

Im ersten Jahr waren Franka Potente, Jürgen Vogel und Rachel Weisz dabei, ein Jahr später Moritz Bleibtreu und Maria Schrader. 2000 waren es Daniel Craig und Nina Hoss. Und auch Heike Makatsch und Daniel Brühl starteten hier ihre internationalen Karrieren. Heute sind es zum Beispiel Joachim Fjelstrup aus Dänemark, Emmi Parviainen aus Finnland und Abbey Hoes aus den Niederlanden. Nicht für alle Sternschnuppen – auf Deutsch klingt das Label Shootingstar irgendwie ernüchternd – wird der Schubs in das Spotlight funktionieren, das ist klar, und dennoch, eine von ihnen ist bereits ein Star. International.

Maisie Williams aus Bristol, England. Sie hat das, was man präzise „es“ nennt. Sie fasziniert. Von allen zehn Auserwählten guckt man sie am meisten an. Sie ist 17, klein und kinderdünn. Wirken ihre Kollegen aufgeregt, schrauben sie mit der Faust an ihrem Daumen herum, überkreuzen sie die Füße immer wieder anders, und wissen nicht, wo sie hingucken sollen, steht sie einfach so da, fast bauchfrei, entspannt und guckt aus ihrem Gesicht mit den buschigen Augenbrauen geradeaus – in die Kameras. Seit sie zwölf ist, spielt sie in der HBO-Mittelalter-Fantasy-Serie „Game of Thrones“ mit. Sie ist Arya Stark, der Wildfang mit Schwert und Schattenwolf.

Pistol Boots statt feiner Kleider

Auf der Berlinale tragen ihre Shootingstar-Kolleginnen feine Kleider und schicke Heels, sie trägt Pistol Boots, ein bisschen abgelaufen sehen sie aus. 2015 wird sie an der Seite von Jason Sudeikis auf der Leinwand zu sehen sein. Hollywood. Wenn sie jetzt alles richtig macht, und nicht in die Lindsay-Lohan-Falle tappt, dann wird man ihren Namen auch in zehn Jahren noch hören. Nur häufiger. Besser noch, man wird ihn lesen auf Kinoplakaten. Fett gedruckt.

Abbey Hoes, 20, aus den Niederlanden steht ebenfalls, seit sie zwölf ist, vor der Kamera. Sie war „das Blinzelmädchen“, sagt sie, in einer Werbung musste sie erst „Lekker“ sagen, dann ein Auge zukneifen, das machte ihr so großen Spaß, dass sie immer mehr wollte. Mehr Spots. Mehr Kamera. Mehr Rollen.

Im vergangenen Jahr gewann sie das „Goldene Kalb“, den niederländischen Filmpreis, Hoes – ihren Nachnamen spricht man zum Glück nicht Englisch aus, sondern mit einem U-Laut, etwa: Hous – sagt, sie kann sich an die Preisverleihung nicht mehr erinnern. Zu aufregend sei das gewesen. Eine „out-of-body-experience“, eine außerkörperliche Erfahrung sei es gewesen. Auch auf der Berlinale, im Blitzlichtgewitter der Fotografen, wo sie nun auch international bekannt werden soll, ist sie von allen mit Abstand die Aufgeregteste.

Der Deutsche gibt sich ganz lässig

Ganz lässig hingegen wirkt der deutsche Kandidat. Jannis Niewöhner, 22, aus Lichtenberg in grauer Hose und blauem Sweatshirt. Bereits mit zehn hat er im „Tatort“ mitgespielt. Es folgten die Teenie-Fantasy-Filme „Rubinrot“ und „Saphirblau“. Demnächst kommt er mit „Ostwind 2“ wieder ins Kino. Er hat gut zu tun. Es ist gut möglich, dass man seinen Namen hierzulande demnächst also häufiger hören wird.