Berlinale 2015

Filme sind für Charlotte Rampling wie Kinder

Charlotte Rampling ist auf der Berlinale im Wettbewerbsfilm „45 Years“ zu sehen. Darin wird ein Ehepaar auf eine harte Probe gestellt. Wir haben die Schauspielerin zum Interview getroffen.

Foto: David Heerde

Charlotte Rampling ist ein gern gesehener Gast auf der Berlinale. 2006 war sie gar Jurypräsidentin des Festivals. Diesmal ist sie im britischen Wettbewerbsfilm „45 Years“ zu sehen. Kurz vor seinem 45. Hochzeitstag wird ein eigentlich glückliches Ehepaar durch eine längst verstorbene Liebe auf die Probe gestellt, die nach über 50 Jahren in einer Gletscherspalte entdeckt wurde. Dabei zeigt einmal ihr Filmpartner Tom Courtenay mehr Haut als Charlotte Rampling. Wir haben den Star im Hotel „Scandic“ getroffen.

Berliner Morgenpost: Sie haben gerade vor zwei Tagen Ihren Geburtstag gefeiert und außerdem können Sie gerade noch Ihr 50-jähriges Leinwandjubiläum feiern.

Charlotte Rampling: Ach, das sind alles nur Zahlen. Irgendwas über 60, 50 oder „45 Years“.

Über so etwas machen Sie sich keine Gedanken. Jubiläen? Geburtstage?

Nein. Wirklich nicht. Das ist nur dafür da, Zeit in eine Schublade zu packen. Und das funktioniert so oder so nicht, meiner Ansicht nach.

Sind Sie gar nicht nostalgisch?

Nein. Ich unterdrücke es aber nicht. Ich vermeide es nicht bewusst. Das würde nicht funktionieren. Ich habe die Dinge meiner Vergangenheit nicht hinter mir gelassen, aber ich habe mich irgendwann vor vielen, vielen Jahren damit auseinandergesetzt. Jedenfalls kommen sie bei mir nicht aus irgendeiner Eisspalte hervor und suchen mich auf einmal heim, wie es in „45 Years“ passiert. Als junge Frau hatte ich schon manchmal das Gefühl, dass es Dinge gibt, die mir buchstäblich auf der Seele lagen. Heute aber trage ich meine Vergangenheit einfach nur mit. Sie ist ein Teil von mir. Nicht mehr, nicht weniger.

Können Sie nachvollziehen, wie sehr Kate im Film von der Nachricht aus der Bahn geworfen wird, dass ihr Mann vor weit über 45 Jahren mal eine andere Liebe hatte?

Ja. Weil es etwas in ihnen gibt, dass nicht gelöst wurde. Etwas schlummert dann tief vergraben in einem, und je länger es dort liegt, desto mächtiger wird es. Und wenn es dann doch auftaucht, ist das wie eine Naturgewalt. Genau das passiert im Film und zeigt die Brüche einer eigentlich glücklichen Beziehung. Es ist faszinierend, wie diese heile Welt auf einmal zerrissen wird. Es gibt meiner Ansicht nach auch keinen logischen Grund, warum sie eifersüchtig ist. Diese Frau ist seit 50 Jahren tot, das war vor ihrer Zeit. Aber sie wird erst durch seine Reaktion und dann auch durch ihre überrannt und verliert die Kontrolle über ihre Gefühle. Und das ist einer der schlimmsten vorstellbaren Zustände. Man weiß nicht mehr, wie einem geschieht.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich in das Leben einer Frau wie Kate hineinzufühlen?

Nicht schwer. Es ist ja nicht so, dass ich das normale Leben nicht kennen würde. Ich habe es zumindest teilweise und mag es auch. Ich habe mich ja auch eine Zeit lang vom Showbiz ferngehalten. Ich habe ein Haus außerhalb von Paris, auch mit kleinem Garten. Ganz ähnlich wie das im Film. Mit meinen Kindern, meinem Ehemann, meinen Tieren. Ein ganz einfaches, normales Leben, das man meiner Ansicht nach auch dringend braucht als Ausgleich zu den anderen Seiten eines Künstlerlebens. Insofern habe ich durchaus auch ein Kate-Leben dann und wann gehabt. Das ist übrigens der größte Luxus meines Jobs. Ich kann mich einfach mal eine Zeit lang zurückziehen, ohne dass ich deswegen Angst haben müsste, meinen Job zu verlieren.

Ist die Schauspielerei nur ein Job oder mehr für Sie?

Viel mehr. Ich habe mein Leben auf der Leinwand immer verknüpft mit meinem eigenen Leben verstanden. Ich wollte immer Filme machen, die sich mit Dingen auseinandersetzen, mit denen ich mich selbst auseinandersetze. Ich wollte nicht nur in Filmen mitspielen, sondern mich engagieren. Gesellschaftlich. Emotional. Menschlich. Das ist das, was ich an Filmen liebe. Sie können mich mit auf eine Reise nehmen. Und genau das wollte ich als Schauspielerin auch, indem ich mich mit einer Rolle oder einem Film selbst auf diese – manchmal harte – Reise mache. Dieser Film ist auch ein Beispiel dafür.

Sind Ihre Rollen auch ein Teil von Ihnen?

Ja. Die wichtigen auf jeden Fall. Sie bleiben. Ich ziehe ja kein Kostüm an und verkleide mich. Ich versuche mich in eine Rolle hineinzuversetzen. Sie zu sein. In gewisser Weise sieht man also immer mich auf der Leinwand. Und diese Verkörperungen sind bei mir geblieben. Als meine Kinder. Als meine Freunde. (lacht) Oder als meine Feinde. Das hört sich jetzt wirklich schizophren an. Sie wissen schon, was ich meine.

Seit einigen Jahren werden vermehrt Geschichten älterer Menschen erzählt. Liebe, Sex, Herausforderungen und Abenteuer um die 70 oder noch älter. Man könnte es fast als eigenes Genre bezeichnen.

Ja. Der Grund liegt auf der Hand. Weil es interessant ist. Wir leben alle länger. Wir sehen besser aus. Wir leben gesünder. Und es gibt immer mehr von uns Alten. Deswegen sind Menschen meines Alters eben auch interessant fürs Kino, während sie früher … na ja, woanders waren.

(lacht)

Sie sind einfach gestorben.

Ihre Leistung in „45 Years“ wird schon als Favorit für den Silbernen Bären für die beste Schauspielerin gehandelt.

Das mag sein. Aber keine Sorge. Wir gewinnen nicht.

Warum nicht?

Ich weiß es einfach.