Berliner Schätze

Wie die Filmfestspiele erfunden wurden

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Susanne Leinemann

Foto: kde / picture alliance / dpa

Ein amerikanischer Filmoffizier gilt als der Initiator für das Festival, das im Jahr 1951 zum ersten Mal in Berlin stattfand. Es gibt allerdings mehrere Versionen, wie die Filmfestspiele entstanden.

Wer hat‘s erfunden? Diese Frage aus der Werbung für Schweizer Kräuterbonbons setzt sich im Ohr fest. Weil es eine gute Frage ist. Wir sehen etwas ganz Tolles und wollen wissen: Wer hatte eigentlich die Idee? Wem gebührt der Ruhm? in der kommenden Woche beginnt die 64. Berlinale. 1951 fand sie zum ersten Mal statt – damals noch im Titania-Palast in Steglitz, weil die Ku‘damm-Kinos alle noch zerbombt waren. Ein Nachkriegsfestival in einer Stadt, die den Weltkrieg gerade hinter sich hatte und schon wieder mitten in einem neuen steckte, dem Kalten Krieg. Doch zurück zur Berlinale und der Frage: Wer hat sie denn nun erfunden?

„Herr Oscar Martay war der alleinige Initiator der Internationalen Berliner Festspiele“, schreibt im August 1987 der Fernsehjournalist Heinz Riek in einem Brief, der an den ehemaligen US-Filmoffizier Martay gerichtet ist. Und fügt hinzu, er bestätige diese Aussage auch gerne „eidesstattlich“. Woher weiß er das so genau? Riek war 1951 – im Jahr der ersten Filmfestspiele – Chefreporter des Nordwestdeutschen Rundfunks und für Berlin zuständig. Er war also nahe dran.

Nun gibt es aber auch eine andere Version, und die stammt von Dr. Alfred Bauer. Bauer war ein Vierteljahrhundert lang Leiter der Filmfestspiele – von 1951 bis 1976. Sein Gesicht ist vielen noch vertraut, er machte den Umbruch von 1968 mit und band die jungen deutschen Autorenfilmer ans Festival. Bauer also erinnert sich so: „Als ich mit meiner verrückten Festspiel-Idee bei Martay vorsichtig anklopfte – ich war wie damals üblich zu Fuß in seine Dienststelle in der Kleiststraße gelaufen – da sagte er: „Hören Sie, das ist ja genau meine Idee.“ Das klingt schon anders. Wer hat‘s erfunden? Alle beide!

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„Heute weiß niemand mehr genau, wer der wirkliche Initiator der IFB gewesen ist“, schreibt 1980 das Film-Echo. „Fest steht jedoch, dass ohne Oscar Martays Beharrlichkeit diese niemals zustande gekommen wäre.“ Doch so richtig gewürdigt wurde das, nun ja, nur halb. Ein Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, ein paar Einladungen des Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue, aber sonst? Zu Events der Berlinale wurde Martay später selten geladen, obwohl der Amerikaner weiterhin in West-Berlin wohnte und mit seiner Frau Kurzfilme produzierte. Noch nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat er. Wie kann das sein? Womöglich, weil er nur ein Jahr lang, im Gründungsjahr, direkt mit der Berlinale zu tun hatte und sich danach verabschiedete. Nicht nur deshalb.

Oscar Martay war einer, den niemand auf der Rechnung hatte. 1948 – im Jahr der Blockade – tauchte er in Berlin auf. Es heißt, er sei US-Filmoffizier gewesen. Aber auf den Fotos von 1950 trägt er nie Uniform, er ist ein gutaussehender Mann im eleganten Anzug. Lässig und jung. Ende zwanzig ist er damals, als er Chef der U.S. Motion Picture Branch Berlin wird. „Die zur Herstellung von Filmen in Ateliers des amerikanischen Sektors benötigten Arbeitsgenehmigungen (Working Permits) werden sofort durch die Film Section Berlin-Zehlendorf, Clayallee 170 (Mr. Martay) erteilt“, heißt es in der Zeitung. Fest steht, er hängt mit der Militärregierung zusammen. Wer im amerikanischen Sektor Berlins drehen will, kommt an ihm nicht vorbei.

Seine Film-Referenzen? Im Mittleren Westen sei er für die Kinowerbung in 700 Kinos zuständig gewesen. Aha. Kinowerbung im Mittleren Westen. Klingt interessant. Dann wurde er als Soldat eingezogen, ging zur US-Luftwaffe, war später Ausbilder für chemische Kriegführung. „Eine ganz schreckliche Sache“, wie er Jahrzehnte danach im Interview sagt. Warum nun ausgerechnet er als „Filmoffizier“ in Berlin landet? Man weiß es nicht genau. Aber für Berlin war es ein Glücksfall.

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Denn Martay war sich bewusst, wo er war: In Berlin, der großen alten Kinostadt! Er kannte die Ufa-Tradition, von der nicht mehr viel übrig war. Und anders als seine militärischen Vorgesetzten, hatte er eine Ahnung, dass der Mensch mehr braucht als nur Essen, Heizmaterial und warme Kleidung. Zumindest der Berliner. Der braucht auch Unterhaltung, um wieder froh zu werden. Ihm kommt die Idee zu einem internationalen Filmfestival – damit die Stadt die „Aufmerksamkeit der ganzen Welt“ bekommt, wie er später sagt. Denn er spürt, wie Berlin verödet. „Ich wollte nur, dass die Leute aus der Stadt nicht weggehen. Die Schauspieler zogen alle weg. Die Filmproduzenten zogen weg.“ Die in den 20er-Jahren so lebendige Metropole ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst.

„Kaufen Sie erst mal jedem Kind ein Glas Milch – das ist viel wichtiger“, habe ein ranghoher US-Militär damals zu ihm gesagt. Aber Martay lässt sich nicht beirren. Denn er weiß, welche Wirkung gute Unterhaltung haben kann – auch politisch.

Es ist Oscar Martay, der auf die Idee der Grenzkinos kommt. Der ewige Ost-West-Schlagabtausch der Stadt macht ihn müde. Während die Politiker sich gegenseitig anbellen, verhärten sich die Zonengrenzen. Warum nicht die Ost-Berliner verlocken – mit guten Kinofilmen, die sie „drüben“ nicht zu sehen kriegen?

25 Pfennig kostet der Eintritt

Er trifft sich mit Verleihern und handelt einen Deal aus: Vormittags und nachmittags stellen sie die Filme kostenlos seinen Grenzkinos zur Verfügung, die dann Vorführungen „nur für Besucher aus der Ostzone und Ostberlin“ anbieten. Eintritt: 25 Pfennig West oder 1,50 Ost – gegen Vorlage der Ostkennkarte. Den Kinobesitzern wird für diese Vorstellungen die Vergnügungssteuer von 25 Prozent erlassen.

Elf Grenzkinos gibt es anfangs, locker fußläufig von Ost-Berlin erreichbar. Die Idee kommt an. Nicht nur aus Ost-Berlin, auch aus Leipzig, Dresden und Rostock reisen Menschen an, um mal einen guten US-Film zu sehen. Sogar während der DDR-Weltjugendfestspiele. Ende 1951 zählt man schon fast zwei Millionen Grenzkinobesucher. Die SED-Oberen schäumen vor Wut.

Der Clou? „Ich achtete strikt darauf, daß es Filme mit Unterhaltungswert waren. Das sollte keine politische Aktion werden – trotzdem war es eine politische Aktion“, lüftete Martay später sein Geheimnis. Er weiß um die Kraft des Kinos. Und so entwickelt er die Idee zu den Berliner Filmfestspielen. Im Oktober 1950 trifft man sich zur ersten Sitzung im Amerika-Haus. Martay trommelt eine kleine Truppe von Filmenthusiasten zusammen – alles Deutsche. Sie bilden das Festspiel-Komitee. Schon bei der ersten Sitzung werden wichtige Entscheidungen getroffen. „Man könnte jedem Besucher beim Billettkauf einen Bewertungszettel geben, der später in einen besonderen Zettelkasten am Ausgang des Theaters geworfen wird“, schlägt Martay laut Protokoll vor. Der Publikumspreis der Berlinale ist geboren! Und: „Als Preis könnte man vielleicht einen silbernen Berliner Bären mit der Unterschrift ,Film-Festspiele Berlin 1951’ zur Verteilung bringen.“ Dieser Satz stammt auch von ihm. Die Zulassung von „Ostländern“ wird mit sieben Stimmen einhellig abgelehnt. Klar, es ist Kalter Krieg.

Und Dr. Alfred Bauer? Der ist bei dieser ersten Sitzung noch nicht dabei, er stößt erst im November dazu. Wie man auf ihn kommt? Man kennt sich in der Szene. Und außerdem hat Bauer ja im Juli 1950 dem Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter eine Denkschrift zur Filmstadt Berlin vorgelegt. Sein Vorschlag: ein Filmfestival für die Stadt.

Manchmal ist die Wahrheit kompliziert.

Dank an das Archiv der Deutschen Kinemathek, das die Scrapbooks von Oscar Martay verwahrt