Im Wettbewerb

Bruno Drumont zeigt, wie ein Genie verdämmert

Bruno Drumont zeigt die Bildhauerin Camille Claudel in der Heilanstalt anno 1915. Juliette Binoche spielt die Rolle. Sie ist fabelhaft.

Foto: Berlinale

Eine Frau sitzt am Herd einer großen Küche und schaut einem Topf beim Kochen zu. Müde sieht sie aus. Im Topf ist Wasser, ein Ei und eine Kartoffel. Sie isst nur Ei und Kartoffel. Sie zu kochen ist ein Privileg.

Sie hat Angst vergiftet zu werden. Sie ist 51 Jahre alt. Vor zwanzig Jahren war sie auf dem besten Weg, die bedeutendste Bildhauerin aller Zeiten zu werden. Seit einem Jahr sitzt sie hier in der Anstalt zwischen schreienden Irren, die sie piesacken. Von Nonnen umstanden, von Ärzten verwahrt. 28 Jahre bis zu ihrem Tod wird das so bleiben.

Ihr Name ist Camille Claudel. Und sie fragt sich, warum sie hier drin sitzen muss zwischen all den Irren. Eine ähnliche Frage stellen wir uns auch, je länger Bruno Drumonts „Camille Claudel 1915“ dauert.

Gegen ihren Willen eingesperrt

Drumonts Film setzt ungefähr da ein, wo Bruno Nuyttens „Camille Claudel“ aufhörte, für die Isabel Adjani auf der Berlinale 1989 den Silbernen Bären bekam. Da saß die Bildhauerin, Schülerin und Geliebte Auguste Rodins während der letzten halben Stunde im Kellerloch, zerstörte ihre Werke, wütete und dämmerte dem Wahnsinn entgegen, wurde gegen ihren Willen von Mutter und Bruder, dem Dichter Paul Claudel in die Anstalt verbracht.

Drumont erklärt nichts. Die Informationslage ist dürftig. Man sieht Juliette Binoche, was ausgesprochen interessant ist und schön. Wie sie auflebt, in Starre verfällt, ausbricht, verzweifelt. Die Kamera starrt sie an, folgt ihren Blicken, zeigt das Licht, wie es durchs Fenstergitter fällt, zeigt karge Flure, karge Landschaft. Das Kloster verlässt Drumont nur im Notfall. Musik gibt es gar keine. Hin und wieder weht ein Wind oder ein Vogel singt.

„Es ist langweilig hier drin“, sagt einmal der Arzt, als Paul Claudel, der geckenhafte Erleuchtete, mit seinem albernen Auto zu Besuch ist. Das stimmt. Für die weggesperrte Bildhauerin in der Anstalt und für die Anwesenden in Drumonts Film. Nicht auszudenken, wenn er noch 28 Jahre dauern würde.