Berlinale-Filmkritik

Doppel-Crash mit Fahrerflucht im Wettbewerb

Zwei Mutter-Sohn-Geschichten bei der Berlinale: „Layla Fourie“ enttäuscht und „Child’s Pose“ ist ein erster echter Anwärter für den Bären.

Foto: Berlinale

Gleich zwei Mal kracht es am fünften Tag der Berlinale. Gleich zwei Mal wird ein Mensch überfahren. Beide Filme laufen im Wettbewerb, beide sind letztlich Mutter-Sohn-Geschichten. Und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Fangen wir mit dem starken Film an. Der kommt von dem Deutschrumänen Calin Peter Netzer, heißt „Child‘s Pose“ und wirft ein ätzend analytisches Bild auf die derzeitige Oberschicht Rumäniens. k

Die Mutter dieses Films, grandios verkörpert von Lumintja Gheorgiu, tritt nie ohne Pelz und Klunker auf, sie verkehrt nur in den besten Kreisen. Bis sie erfährt, dass ihr Sohn ein Kind tot gefahren hat. Ganz selbstverständlich geht sie auf die Polizeistation, stört die Ermittlungen, ruft einflussreiche Leute an. Alles, um ihrem Sohn zu helfen (der natürlich, Undank ist der Welten Lohn, diese Liebe nicht zu schätzen weiß.) Filz, Bestechung, Vitamin B: So läuft das. Und so sieht das auch die Familie des Opfers, die aus ärmsten Verhältnissen stammt.

Sehr unsympathisch ist uns dieses dominante Muttermonster. Und es dauert, bis man in diesem Film den inneren Widerwillen überwindet. Doch am Ende sitzt diese Frau am Tisch der trauernden Familie. Da gibt es nur noch Mütter von Söhnen, da wird die ganze Tragik des Verlusts deutlich. Und endlich bricht auch etwas in dieser hartherzigen Egozentrikerin auf. „Child‘s Pose“ ist ein erster echter Anwärter für einen Hauptpreis.

„Layla Fourie“ ist überkonstruiert

Pech für „Layla Fourie“, den die in Berlin lebende Südafrikanerin Pia Marais in ihrem Heimatland gedreht hat. Denn weil die Parallelen einen Vergleich geradezu herausfordern, fällt er umso stärker ab. Hier überfährt die Mutter (Rayna Campbell) eines kleinen Sohnes einen Mann, hilft ihm auch, nach einigem Zögern. Als er dennoch in ihrem Auto verblutet, geht sie sogar zur Polizei, besinnt sich dann aber eines anderen, aus Angst um den Sohn – und entledigt sich der Leiche auf einer Müllkippe. Die Frau war auf dem Weg zu ihrem neuen Arbeitsplatz, der – ausgerechnet – die Bedienung eines Lügendetektors beinhaltet. In einem Spielcasino.

Dem werden selbst Anwärter auf einen Chauffeursjob unterzogen. Gleich der erste Bewerber (August Diehl) erweist sich dann ausgerechnet als Sohn des Toten. Layla, die sich beim Bewerbungsgespräch noch als ehrliche Haut bezeichnet hat, „weil eine Lüge immer die nächste nach sich zieht“, verstrickt sich bald in einem Geflecht aus Lügen. So schön Marais das Drama inszeniert hat und so gut es auch gespielt ist: Allzu deutlich lugt hinter allem die Idee, der gewollte Zufall, die Überkonstruiertheit des Drehbuchs hervor.

Sicher, in Südafrika hat, nach der Aufarbeitung der Apartheid durch die Wahrheits- und Versöhnungskommission, der Lügendetektor eine hohe Symbolkraft. Aber sie derart platt und papieren einzusetzen, stößt einem unangenehm auf. Unterm Strich bleibt da bei dem Rumänen sehr viel mehr Ehrlichkeit.