Filmkritik

"Tuan Yuan" - Eine Liebe überlebt den Kommunismus

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
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Berlinale startet mit "Tuan Yuan"

Der chinesische Film "Tuan Yuan" erzählt die Geschichte einer großes Liebe und zugleich die Tragödie der Teilung eines großes Landes. Regie führte Wan Quan' an, in den Hauptrollen spielenunter anderem Lisa Lu und Monica Mo.

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Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte nie sonderlich Glück mit seinen Eröffnungsfilmen. Mit "Tuan Yuan" ändert sich das in diesem Jahr leider auch nicht. Der chinesische Film zeigt ein Paar, das nach 50 Jahren wieder zueinander findet. Politische Untertöne muss man in Andeutungen suchen.

Als Dieter Kosslick vor sechs Jahren die Berlinale eröffnete, stand er ganz allein auf dem Roten Teppich. Der Festival-Chef war bei seinem Eröffnungsfilm „Unterwegs nach Cold Mountain“ eigentlich auf Nummer sicher gegangen. Doch am Ende kamen weder Nicole Kidman noch Jude Law, nicht einmal Renée Zellweger (die in diesem Jahr in der Jury sitzt). Diesen Moment der Einsamkeit, gab Kosslick zu, wolle er nie wieder erleben.

Er hatte in der Vergangenheit nie sonderlich Glück mit seinen Eröffnungsfilmen. Und bei manchen ahnt man, dass sie nur des einen oder anderen Stares wegen ausgewählt wurden. In diesem Jahr indes wirft Kosslick seine eigene Maxime über Bord.

Diesmal hat niemand abgesagt; er setzte von Anfang an auf „Tuan Yuan“: ein Film aus der Volksrepublik China, der mit keinem großen Namen prunken kann. Der nicht nur unbekannte chinesische, sondern auch noch alte Schauspieler aufbietet, die 82, 78 und 72 Jahre alt sind. Kein Glamour also für Paparazzi und Society-Magazine, die auf einem Festival auch gefüttert werden wollen.

Man darf diese Wahl getrost eine mutige nennen. Man darf sich aber schon fragen, ob da einer den ständigen Konkurrenzkampf mit den anderen A-Festivals in Cannes und Venedig gar nicht mehr führen will. Auch die, seien wir ehrlich, beweisen nicht immer ein glückliches Händchen beim Auftakt.

Aber fast immer behilft man sich mit großen Stars und Bestselleradaptionen, die ein Mindestinteresse garantieren. Auch Kosslick hätte solches zur Hand, mit Polanskis „Der Ghostwriter“ und Scorseses „Shutter Island“. Doch entweder konnte deren Crew erst am Wochenende, oder aber Kosslick ist es wirklich ernst und er will ein Zeichen setzen.

„Tuan Yuan“ jedenfalls ist kein „großes Kino“, keine kinematografische Überwältigung, sondern ein kleines, stilles Kammerspiel, mit langsamem Erzählfluss, unaufgeregter Kamera und verhaltenem Spiel. Und politischen Untertönen, die man, wie so oft, wenn sie aus China kommen, in feinen Andeutungen suchen muss.

Mehr als 50 Jahre nach der Gründung der Volksrepublik und der Abspaltung des Inselstaates Taiwan wird erstmals einer Gruppe ehemaliger Kuomintang-Soldaten aus Taiwan gestattet, nach Shanghai zu reisen. Man kennt das noch aus dem geteilten Deutschland: Familienzusammenführung nannte man das.

Auch Liu Yansheng (Ling Feng) trifft so seine große Liebe Qiao Yu’e (Lisa Lu) wieder, die er damals, auf der Flucht vor den Kommunisten, zurücklassen musste. Nun trifft er sie wieder, sie hat längst mit einem Unteroffizier der kommunistischen Truppen eine große Familie gegründet.

Es sind merkwürdig verhaltene, fast verschämte Bilder, wie sich das Paar wieder trifft. Wie es sich kaum anzusehen traut, reglos und verlegen nebeneinander sitzt und sich Gefühle kaum eingesteht. Und doch ist klar, dass sie zusammen sein wollen.

Seltsamerweise gibt sogar der Ehemann (Xu Caigen) schnell seinen Segen. Die Unmöglichkeit einer Wiedervereinigung liegt in der Bürokratie: Die Gatten können sich ironischerweise nicht scheiden lassen, weil sie keine Hochzeitsurkunde besitzen.

Immer wieder wird, wie nebenbei, die Volksrepublik im Aufbruch gezeigt. Das klärende Gespräch findet gar im Rohbau eines künftigen Hochhauses statt. Aufschwung und pompöser Wolkenkratzer hier, Armut und letzte alte Stadtteile da.

Doch weder diese soziopolitischen noch die ganz persönlichen Differenzen werden je wirklich ausgesprochen. Überwiegend wird gegessen und getrunken und gekocht, als sei dies der Eröffnungsfilm der Sparte „Kulinarisches Kino“.

Regisseur Wang Quan’an ist ein Berlinale-Dauergast. Von seinen fünf Filmen zeigte er vier in Berlin, „Tuyas Hochzeit“ gewann 2007 den Goldenen Bären. „Tuan Yuan“ sieht sich in vielem wie ein Gegenstück zu „Tuya“ an. Diesmal spielt das Dreiecksverhältnis um eine Frau zwischen Noch- und künftigem Mann nicht in der mongolischen Steppe, sondern im brodelnden Shanghai. Doch auch hier drohen Lebensräume und Lebensentwürfe verdrängt und vernichtet zu werden.

Innerhalb des Festivals wäre Wangs jüngstem Werk ein Achtungserfolg sicher gewesen, aber ist er ein Eröffnungsfilm, der Laune macht für die nächsten zehn Festivaltage? Diese Frage muss sich „Tuan Yuan“ schon gefallen lassen, und erst recht Kosslick, der darauf beharrt, er hätte ihn nicht ausgewählt, wenn er ihn nicht für einen idealen Auftakt ansähe.

Einen Preis darf der Film dennoch nicht erhalten. Sonst wird gleich noch eine Diskussion zu führen sein. In der Jury sitzt nämlich auch Wangs Muse, die Schauspielerin Yu Nan, die in all seinen früheren Filmen die Hauptrolle gespielt hat, auch als Tuya. Da würde dann gleich von einem unlauteren Wettbewerb getuschelt, wie in Cannes, wo Michael Haneke im vergangenen Jahr nach vielen vergeblichen Anläufen endlich die Goldene Palme entgegennehmen durfte: aus der Hand der Jurypräsidentin – und Haneke-Muse – Isabelle Huppert.