Berlinale

Tausende sehen in Berlin restaurierten "Metropolis"

Düstere Klänge und bittere Kälte: Rund 2000 Menschen haben am Freitagabend trotz Minustemperaturen und leichtem Schneefall am Brandenburger Tor in Berlin den legendären Stummfilm- Klassiker "Metropolis" angesehen. Es war das erste Highlight der Berlinale.

Das Video konnte nicht gefunden werden.
Sa, 13.02.2010, 00.38 Uhr

Filmfans sehen "Metropolis" bei Eiseskälte

Video: Morgenpost TV
Beschreibung anzeigen

Aurora, Hannah, Yann und Johannes sitzen fast in der ersten Reihe. Die vier Berliner Schüler haben sich dick angezogen, Tee eingepackt und sich auf eine Decke direkt vor das Brandenburger Tor gesetzt. Von dem Monument ist allerdings nur die Quadriga zu erkennen. Darunter läuft "Metropolis", ein Stummfilm. Nicht irgendeiner, das wissen die vier. "Es ist der wichtigste Spielfilm der 20er-Jahre", sagt der 15-jährige Yann begeistert. "Dieses Stück Filmgeschichte hier am Pariser Platz kostenlos zu sehen, ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen wollten."

Mit ihnen waren rund 2000 andere Berliner und Touristen gekommen, um sich den Film in Gemeinschaft anzuschauen. Es lief die Übertragung aus dem nur wenige 100 Meter entfernten Friedrichstadtpalast. Dort soll sich übrigens kurz nach Vorstellungsbeginn der stark vermummte Leonardo DiCaprio im Dunklen auf seinen Platz geschmuggelt haben. Eine weitere Aufführung mit Live-Orchester gab es in der Alten Oper Frankfurt. Doch auch daheim vor dem Fernseher konnte man den Moment der Gleichzeitigkeit genießen. Auch dort wurde der nun offenbar endgültig restaurierte und um rund 30 Minuten längere Stummfilmklassiker "Metropolis" mit Orchesterbegleitung live übertragen.

Der Film führte ein Doppelleben

Von der eigentlichen Uraufführung am 10. Januar 1927 bis zu seiner ersten Verstümmelung am 5. August 1927 sollen nur rund 15.000 Zuschauer das Werk in dem Zustand, wie es sich Regisseur Fritz Lang vorgestellt hat, gesehen haben. Das dürfte am Freitag an einem einzigen Abend spielend überboten worden sein. Seit der drastischen Kürzung 1927 aber führte der Film sozusagen ein Doppelleben. In Europa und Nordamerika ging die Originalfassung verloren, galt Jahrzehnte als verschollen und wurde anhand von Drehbuch, Musikpartitur, Zensurkarten und Werkfotos mühsam rekonstruiert. In Südamerika hingegen wurde eine Originalkopie von einem Privatsammler gekauft und bis in die Sechzigerjahre in Filmclubs gezeigt. Die Filmdosen wurden dann eingelagert und erst im Juni 2008 im Museo del Cine von Buenos Aires entdeckt.

Schon einmal, vor neun Jahren, wurde die vermeintlich endgültige "Metropolis"-Fassung uraufgeführt, ebenfalls auf der Berlinale. Eine nach dem Standard aller bekannten Filmarchive brillant restaurierte Fassung, deren klarer Vorteil die bestechende Bildqualität war. Sämtliche fehlende Passagen wurden indes durch Szenenfotos und ergänzende Zwischentitel ersetzt, was den Bilderfluss ins Stocken brachte und erst deutlich machte, wie stark "Metropolis" doch ein Torso war.

Nun also noch eine Uraufführung. Deren klarer Vorteil ist, dass der Film jetzt um fast ein Viertel länger ist und bis auf wenige Einstellungen eine vollständige Fassung vorlegt. Deren Nachteil aber darin besteht, dass die "neuen" Szenen nicht von der originalen, hochbrenzligen Nitratkopie gezogen werden konnten (die wohl längst vernichtet ist), sondern von einer 16-mm-Sicherheitskopie, die noch dazu durch zahllose Vorführungen erhebliche Mängel und Schrammen aufweist. Die Bildqualität dieses Materials ist also bei weitem schlechter. Aber das ermöglicht auch dem Laien, einfach zu erkennen, was da an Neuem hinzugekommen ist.

Angst, der Mythos könnte dahin sein

Eine Angst indes blieb bei "Metropolis": Dass der Mythos dieses Klassikers nunmehr zu Ende sein könnte. Die Aura von "Metropolis" lebte ja nicht zuletzt von all den Kürzungen und Verstümmelungen, die man ihm angetan hatte, und von den Vermutungen, was für ein titanisches Werk das ursprünglich einmal gewesen sein musste. Der Fall "Metropolis" bestätigte auch das alte, beliebte Klischee aller Cineasten von den unverstandenen Regie-Genies, die sich nicht durchsetzen konnten, und den ignoranten Weltverleihern, die ihre Meisterwerke versimpelten und verschandelten.

Nun aber, da der Film fast um ein Viertel länger ist und obendrein die stolze Laufzeit von 147 Minuten aufweist, konnte man bangen, "Metropolis" könnte sich tatsächlich in zu viele Nebenhandlungen, zu unübersichtliche Parallelmontagen verlieren. Die Torso-Rekonstruktion mit ihren lähmenden Inserts ließ Ähnliches zumindest befürchten. Es darf aber Entwarnung auf ganzer Linie gegeben werden. Die "neuen" Szenen fügen sich nicht nur bestens ein in die Dramaturgie der 2001-Version und bestätigen damit, wie ordentlich diese rekonstruiert worden ist. Sie bieten sogar einen noch reichhaltigeren, spannenderen Film. Das Klischee vom genialen Künstler und dem profanen Verstümmler, es stimmt einmal mehr.

Finale noch dramatischer und spannungsgeladener

Für ganz wenige Sekunden bleibt das Bild hier schwarz: die letzten Einstellungen, die nicht gefunden werden konnten. Und eine Szene muss wohl endgültig als verloren gelten und wird in Zwischentiteln erklärt. Bei vielen anderen Szenen aber kommen zahlreiche Bildfolgen hinzu. Vor allem aber erhalten drei Nebenfiguren zahlreiche zusätzliche Szenen, die den vermeintlich verwirrenden Plot jetzt im Gegenteil sehr viel verständlicher machen. Selbst die berühmte Katastrophe im Finale wird durch zusätzliche Sequenzen noch dramatischer und spannungsgeladener.

83 Jahre danach ist der Film nun erstmals wieder fast vollständig in jener ursprünglichen Fassung zu sehen, wie sie kaum ein halbes Jahr lang existierte. Eine Sensation. Ein filmarchäologisches Wunder. Wir alle müssten nun noch einmal in unsere Keller steigen und genau prüfen, was sich da so in Groß- und Urgroßvaters Kram so alles verbirgt. Vielleicht lässt sich so eine wundersame Entdeckung ja noch einmal wiederholen. Wir müssen bis dahin auf jeden Fall Kulturstaatsminister Bernd Neumann beipflichten, der bei der Eröffnung der "Metropolis"-Parallelausstellung im Filmmuseum Berlin süffisant verkündete, angesichts des chinesischen Eröffnungsfilmes halte er "Metropolis" für den eigentlichen Auftakt.

Metropolis wird am 1. März (20 Uhr) noch mal im Zoo-Palast aufgeführt; ungefähr dort, am Ufa-Palast am Zoo, hatte er 1927 Premiere.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.