Die eine betet in der Kirche, der andere draußen auf der Wiese. Sie beackert ihren Bauernhof auf der Kanal-Insel Guernsey, er pflegt Bäume irgendwo in Frankreich. Die weiße Christin Elisabeth Sommers (Brenda Blethyn) und der schwarze Muslim Ousmane (Sotigui Kouyate) haben eigentlich nichts gemeinsam – bis das Schicksal in Form der Londoner Anschläge vom 7. Juli 2005 die beiden Fremden zusammenführt.
Denn dies ist der Tag, seitdem sich Elisabeths Tochter Jane und Ousmanes Sohn Ali, beide in London lebend, nicht mehr bei ihren Eltern gemeldet haben. Also fahren Mrs. Sommers und Mr. Ousmane getrennt nach London, nach ihren verschwundenen Kindern zu forschen – und kehren knapp 90 Filmminuten später als so etwas wie Freunde in ihr jeweiliges Leben zurück, bereichert um die Erkenntnis, dass der Afrikaner mit den langen Zöpfen und die dunkelblonde Britin mit den streng zurückgekämmten Haaren mehr gemeinsam haben als sie dachten.
"London River“, der neue Film des „Indigènes“-Regisseurs Rachid Bouchareb, beschwört die Stärke der Menschlichkeit und die Halbwertszeit von Vorurteilen vor dem Hintergrund des Terrors. Er ist eine stille Verneigung vor dem Multi-Kulti-Standort London. Eine Welt, in der sich die Kinder unserer beiden Helden – wie sich herausstellen wird – gefunden haben und aus zunächst undurchschaubaren Gründen nun verschwunden sind.
Bouchareb filmt, wie sich seine beiden Figuren in dieser Leerstelle zurechtfinden. Wie eine Stadt ein fremder Ort und ein fremder Mensch ein guter Freund werden kann. Brenda Blethyn ist darin einfach großartig, wie sich ihr anfängliches Misstrauen in Zuwendung auflöst, wie sie von der beißenden Mutter-Löwin, die mit aller Macht ihr Kind finden will, zur toleranten Mitbürgerin wächst.
Barack Obama hätte seine wahre Freude daran, und das ist das Problem des Films. Nicht nur, dass Sotigui Kouyaté ohne jede Veränderung den stillen, verständnisvollen Afrikaner geben darf, der für jede verzwickte Lebenslage ein Sprichwort hat. Sondern, wie der Film mit einer gewissen Naivität und Holzschnittartigkeit für Toleranz im Zeichen der Trauer plädiert. Wie einfach sich hier Differenzen auflösen lassen! Und wie schön man doch zusammenleben kann, wenn man sich nur im Anderen erkennt! Es fällt daher schwer, „London River“ nicht zu mögen. Aber es geht, wenn man keine Filme mag, die so schlicht wie gut gemeint sind.




