Marianne Hoppe, Ruth Leuwerik, Angelica Domröse, Hanna Schygulla – sie alle waren einmal Effi Briest. Und sie alle, diese großen Schauspielerinnen, haben am Ende der traurigen Geschichte von verquerer Moral, dummem Mannesehrgequatsche und verlogenen gesellschaftlichen Regeln, so wie Theodor Fontane es in seinem berühmten Roman beschrieben hat, das Sterben der so genannten Ehebrecherin gezeigt.

Julia Jentsch ist ein anderes Finale vergönnt. In Hermine Huntgeburths neuerlicher Adaption des noch immer gern gelesenen Buches geht sie als Effi Briest stolz Unter den Linden entlang, vorbei am Reiterdenkmal von Friedrich Zwo und beginnt ein neues Leben. Damit tut sie’s jener Frau gleich, die Fontane in seinem Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenen Roman als Vorbild für Effi gedient hatte: Elisabeth von Plotho, die Großmutter des Physikers Manfred von Ardenne, die 1952 als beinahe Hundertjährige starb.

Das Ende, das sich Regisseurin Hermine Huntgeburth und ihr Drehbuchautor Volker Einrauch ausgedacht haben, passt ganz wunderbar zu diesem wunderbaren Film. Es wirkt modern und frisch und holt die Geschichte endgültig ins Heute, ohne sie zu beschädigen oder aufdringlich gegenwärtig zu wirken. Hier wird klar, das, was Effi vor etwa 130 Jahren passierte, nicht aus der Welt ist: Einem Menschenkind wird, „weil es sich so gehört“, ein Leben aufgezwungen, aus dem es ausbrechen muss, und tut es das, wird es geächtet. Fontane brauchte damals den schockierenden Schluss vom Tod der jungen Frau mit 29 Jahren, um die Leser aufzurütteln, über die verkrusteten Moralbegriffe ihrer Zeit wirklich nachzudenken. Er musste noch kräftig auftragen, wo heute kleine Andeutungen reichen.

Auf kleine Andeutungen verstehen sich die Regisseurin und ihre noch in minimalsten Rollen hinreißend agierenden Darsteller großartig. Keine Szene wirkt dick aufgetragen, keine Dialogzeile verstaubt, kein Moment kitschig. Julia Jentsch beweist wieder einmal ihre Klasse. Sie zeigt die Wandlung Effis von der angepassten Kindfrau zur selbstbewussten Rebellin absolut nachvollziehbar mit schöner Natürlichkeit. Lakonisch – das ist vielleicht das entscheidende Stichwort für das Spiel der so außerordentlich begabten Schauspielerin und ihrer Kollegen, ob Juliane Köhler als Effis Mutter, Sebastian Koch als Ehemann oder Barbara Auer als Haushälterin. Sie alle erzielen mit geringsten Mitteln größtmögliche Wirkung. Und sie alle tragen mit ihren sorgfältigen Charakterstudien dazu bei, dass die kleine Geschichte aus längst vergangenen Tagen zu großem Kino für die Gegenwart wird. Unbegreiflich, dass „Effi Briest“ nicht im Berlinale-Wettbewerb läuft!