Show in Berlin

"The Wyld" im Berliner Friedrichstadt-Palast geht zu Ende

780.000 Zuschauer haben eine der 478 Shows von „The Wyld“ im Friedrichstadt-Palast besucht. Intendant Berndt Schmidt über den Rekord.

„Jetzt sind wir in Berlin die Nummer eins“: Intendant Berndt Schmidt auf dem Dach des Friedrichstadt-Palastes

„Jetzt sind wir in Berlin die Nummer eins“: Intendant Berndt Schmidt auf dem Dach des Friedrichstadt-Palastes

Foto: Reto Klar

780.000 Zuschauer haben eine der 478 Vorführungen von „The Wyld“ gesehen. Am Sonnabend, den 16. Juli, geht die erfolgreichste Show des Friedrichstadt-Palastes zu Ende. Bereits am 6. Oktober soll die nächste Produktion „The One Grand Show“ Premiere haben. Ein Treffen mit dem Intendanten Berndt Schmidt.

Sie haben jetzt zum vierten Mal Ihren eigenen Rekord übertroffen. „The Wyld“ haben 780.000 Menschen gesehen und es hat 40,8 Millionen eingespielt. Sind Sie stolz?

Berndt Schmidt: Stolz ist ein großes Wort. Ich bin glücklich, dass wir neue Rekorde brechen konnten. Deswegen zwicke ich mich selbst manchmal ein bisschen.

Keine Show kommt ohne Krisen aus, wie war das bei „The Wyld“?

Im Sommer letzten Jahres war ich mit der Auslastung nicht zufrieden. Da ging sie unter 80 Prozent, teilweise sogar auf 66 Prozent. Aber die Leute, die da waren, haben Standing Ovations gemacht. Also konnte es nicht an der Show selbst liegen. Daher haben wir die Show neu positioniert, das Plakat verändert und unsere Inhalte anders kommuniziert. So haben wir die Show auf die Spur gekriegt.

Auch wenn Sie das geschafft haben, was könnten Sie in Zukunft besser machen?

Internationaler werden. Es hat sich in Deutschland langsam herumgesprochen, dass wir nicht altmodisch sind oder verstaubt, also nicht für ältere Busgäste aus dem Sauerland. Aber ich glaube, international haben wir noch nicht den Namen.

Wie wollen Sie das ändern?

Wir versuchen, bei der nächsten Produktion „The One Grand Show“ mit Namen wie Jean Paul Gaultier zu punkten. Der ist ein Weltstar der Mode. Den kennt jeder, sowohl jüngere Menschen, als auch ältere wie meine Eltern.

Was gehört denn außer den Kostümen zu modernem Revue-Theater?

Auch die Beleuchtung muss stimmen. Wer heute auf Konzerte geht, von Madonna oder Rammstein, der sieht wie sich Inszenierung und Lichttechnik verändert haben. Deswegen können wir nicht mit einem alten Theaterscheinwerfer auf die Bühne leuchten. Der Nebel, die Lichteffekte, die müssen sein. Dazu ein ganz moderner Sound.

Haben Sie das 2007 verändert, als sie kamen?

Ja, der Sound ist zehn Mal besser als der, bevor ich her kam. Da klang es gedämpft, ein bisschen wie Kaufhausmusik. Jetzt haben wir einensatten Sound und eine der leistungsstärksten Soundanlagen in Europa.

Was haben Sie außerdem verändert?

Die Kostüme und die Choreographie. Wir arbeiten mit den besten Choreographen zusammen. Es soll ja nicht so sein wie früher, als die Damen mit einem Federhut langsam die Showtreppe herunter kamen. Es soll hip-hopiger sein, Jazz-Dance ist dabei. Es geht um kraftvolle Bewegungen.

Sie schwärmen so vom Tanzen. Tanzen Sie selbst?

Ne, ich tanze überhaupt nicht gut und auch gar nicht gerne. Aber ich gucke es mir selbst unglaublich gern an. Ich bin jemand, der nur Dinge macht, die er sehr gut kann. Und wenn ich sehe, dass jemand besser tanzt als ich, dann verliere ich die Lust.

Seit 2002 sind Sie im Theaterbereich beschäftigt. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie gut hier her passen?

Ich habe bemerkt, dass es ein großes Talent von mir ist, den kaufmännische Bereich mit dem kulturellen zusammenzubringen. Ich kann das finanzielle Gerüst sehen, bin aber auch angefixt von der Kultur. Wenn jemand mit einer tollen Idee kommt, entflamme ich. Ich versuche dann zu schauen, wie wir das möglich machen und wo ich noch ein bisschen Geld her bekomme.

Sie nehmen ja auch immer viel Geld in die Hand. Bei der neuen Show sind es über 11 Millionen Euro. Wie viel kommt denn da vom Steuerzahler?

Wir kriegen Zuwendungen von 8,5 Millionen Euro. Wir haben aber auch einen hohen Eigenfinanzierungsanteil. Ein Großteil des Geldes, das wir ausgeben, müssen wir auch selbst verdienen.

40,8 Millionen Euro haben Sie doch aber eingenommen?

Die brauchen wir auch, um die nächste Show zu finanzieren. Wir haben gemerkt, dass es ein gutes Konzept ist, die Shows prächtiger zu machen und dazu müssen wir mehr Geld in die Hand zu nehmen.

Dadurch wird aber auch das Risiko größer.

Ja, natürlich. Wenn man so viel Geld ausgibt und es ein Flop wird, ist das ein Drama. Jetzt hatte ich vier Erfolge in Serie. Da hoffe ich, dass ich mit der fünften Show nicht gegen die Wand fahre.

Haben Sie davor Angst?

Ich denke oft: „Hoffentlich geht das gut“.

Was machen Sie, wenn Sie Zweifel bekommen?

Man kann ja nur an sich glauben. Solange ich das Gefühl habe, dass mir gefällt, was wir hier machen, und ich denke, dass es auch einer großen Masse gefallen kann, solange habe ich ein gutes Gefühl. Aber ich bin nie selbstsicher und denke: „Das wird schon“. Da kommt schon mal die nagende Frage hoch: Was ist denn, wenn es kein Erfolg wird?

So ein Gefühl kann lähmen oder sehr produktiv machen. Wie ist das bei Ihnen?

Für mich ist es gut, denn ich bin immer angespannt. Deswegen achte ich auf jedes Detail – ob in der Vermarktung oder auf der Bühne. Wenn ich sagen würde: Jetzt hatte ich vier erfolgreiche Shows und ich weiß jetzt, wie es geht, da würde ich unachtsam und selbstgefällig. Da bahnt sich die Katastrophe an.

Aber es gibt ja nicht nur Lob oder?

Ja, was wir machen, wird auch mal spöttisch belächelt. Da gibt es noch Menschen, die mit einem gewissen Dünkel auf uns blicken und fragen „Ist das überhaupt Kunst?“.

Was entgegen Sie denen?

Manchmal nichts. Manchmal frage ich, ob die überhaupt schon da waren. Denn die meisten, die so reden, waren noch nie da. Die, die zu mir sagen: „Ich liebe die Oper und zu Ihnen würde ich nie gehen.“ Denen entgegne ich: „Dann kommen Sie bitte auch nicht.“ Ich kämpfe nicht um jeden, der von Vornherein weiß, dass er uns nicht mag. Natürlich machen wir Unterhaltung, aber eine extrem gut gemachte. Mein Ziel ist es nicht, die Leute besser zu machen und wenn hier jemand raus geht, dann ist er kein besserer Mensch. Aber er ist besser gelaunt und da haben wir viel erreicht.

Wer kommt denn überhaupt zu Ihnen?

40 Prozent unserer Gäste sind Berliner. Das ist ein schöner, großer Anteil. Viele sagen ja, ihr habt ja nur Bustouristen hier. Bustouristen machen sogar nur zehn Prozent aus. 85 Prozent unserer Gäste sind Deutsche, 15 Prozent international.

Aus welchen Nationen kommen die Gäste?

Aus Holland kommen zum Beispiel, auch Dänemark mag uns sehr. Aus Spanien, Italien und Frankreich kommen weniger.

Hat sich an der Rolle, die Sie in der Berliner Theater- und Kulturszene erfüllten, etwas verändert?

Das Image, das wir da hatten, war verdient. Wir waren ja verstaubt. Das haben wir geändert. Wir sind jetzt mit weitem Abstand die Nummer eins in Berlin. Wir haben etwa 500.000 Gäste im Jahr, das ist so viel wie zwei Opernhäuser zusammen.

Jetzt gibt es einige Intendantenwechsel in Berlin. Wie lange geht Ihr Vertrag denn noch?

Bis 2019.

Können Sie sich eine Verlängerung vorstellen?

Ich bin ja völlig in den Händen der Berliner Kulturpolitik. Ich denke, wenn ich gute Arbeit mache, dann fragt man mich nochmal. Wenn nicht, habe ich es auch nicht verdient, dass sie fragen. Da bin ich entspannt. Aber ich finde, ich habe hier einen wirklich wunderbaren Arbeitsplatz.

Was haben Sie denn bis dahin vor?

Als ich kam, war es mein Ziel, zu zeigen, dass die Revue eine große und relevante Kunstform ist, wenn man sie modern bespielt. Das haben wir geschafft. Was mir fehlt, ist die internationale Wahrnehmung.

Wie eng sind Sie in den kreativen Prozess eingebunden?

Ich wähle das Kreativteam aus, das Gaultier kommt zum Beispiel. Inhaltlich überlasse ich das den Kreativen, denen lasse ich große Freiheiten. Aber natürlich schaue ich mir alles an. Wenn ich Magenschmerzen hätte, würde ich es sagen.

Und haben Sie die?

Nein, bis jetzt ist alles auf einem guten Weg.

Spüren Sie denn jetzt Druck, die alte Show nochmal zu übertrumpfen?

Ja klar, hier hängen 280 Arbeitsplätze dran. Wir geben elf Millionen aus. Und wenn die Show am 6. Oktober Premiere hat und floppt, dann haben wir erstmal kein Geld in der Kassen. Da merke ich natürlich, dass auch Zweifel kommen. „Mache ich alles richtig? Spüren die Zuschauer das so, wie ich das spüre?“, das frage ich mich schon. Ich sage mir nie: „Mann Alter, besser als du kann man nicht sein.“ Ich weiß, ich hatte vier Mal Erfolg und jetzt muss ich wirklich aufpassen, dass ich nicht Dinge für sicher nehme, die nicht sicher sind.

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