Pop

„Ich will meine Unabhängigkeit bewahren“

Alice Phoebe Lou ist die populärste Straßenmusikerin Berlins. Sie hat eine Fangemeinde und wird von einem Stalker verfolgt

Alice Phoebe Lou singt im Mauerpark

Alice Phoebe Lou singt im Mauerpark

Foto: David Heerde

Ihre Freunde haben sie oft davor gewarnt, an der Warschauer Straße aufzutreten. Dabei weiß Alice Phoebe Lou selbst am besten, was für ein gefährlicher Ort der Knotenpunkt zwischen den Party-Zentren im Friedrichshain sein kann. „Oft wurde ich von Fremden gepackt. Mir wurde das Mikrophon aus der Hand gerissen. Leute versuchten, mir Geld aus dem Koffer zu klauen. Aber die guten Sachen die passieren sind es absolut wert“, sagt die 22-Jährige, deren geradezu einschüchterndes Selbstbewusstsein zuerst nur schwer mit ihrem zierlichen Äußeren in Einklang zu bringen ist. An diesem Tag hat die knapp 1,60 Meter große Südafrikanerin am Zugangsweg zum Mauerpark an der Eberswalder Straße vor gut 200 Menschen gespielt, hat Autogramme gegeben und in nur 25 Minuten 20 CDs zu je 15 Euro verkauft.

Alice Phoebe Lou ist die berühmteste Straßenmusikerin der Stadt, und wohl auch die einzige mit eigener Fangemeinde. Regelmäßig bilden sich riesige Menschentrauben, wenn die hippieske Sängerin nahe der Warschauer Brücke oder im Mauerpark ihre entrückten Lieder auf der Gitarre vorträgt. Auch die Plattenfirmen stehen längst Schlange. „Der normale Ablauf wäre jetzt: Vertrag, Album, ein Jahr jeden Abend dasselbe spielen“ ruft Alice Phoebe Lou. Die „starren und formelhaften“ Gesetze der Musikindustrie empfindet die impulsive junge Frau als schlechten Witz. Sie will beweisen, dass es auch ohne geht. „Ich kann nicht in einem Zustand leben, in dem jemand versucht, meine Kreativität in bestimmte Bahnen zu lenken. Ich muss in meinem eigenen Tempo reifen und wissen, wie all die Dinge laufen, damit ich meine Unabhängigkeit bewahren kann.“

Sie will jederzeit ihren Koffer packen können

Mittlerweile beschäftigt Lou zwar einen Manager und mit „Motor“ eine Firma, die sich darum kümmert, dass ihre Lieder auch bei Leuten abseits der Straße ankommen. Die Entscheidungshoheit über ihre Musik und deren Vermarktung liegt, ebenso wie das unternehmerische Risiko, aber nach wie vor bei ihr. „Mit einem Label könnte ich mein Album wohl nicht einfach aus dem Koffer heraus auf der Straße verkaufen“, sagt sie. Und noch wichtiger: Als vertraglich gebundener Künstler könnte sie nicht von heute auf morgen den Koffer packen und verschwinden.

Freiheit bedeutet ihr alles. Nach der Schule reiste Lou acht Monate durch Europa und hielt sich über Wasser, in dem sie in Fußgängerzonen von Paris bis Amsterdam Songs von Dylan, Hendrix oder Lennon spielte. Mit 18 blieb sie in Berlin hängen. Die Stadt veränderte den Kurs ihres Lebens. „Ich hatte damals noch die Vorstellung, dass ich, wenn ich zurück nach Kapstadt komme, Anthropologie studiere, eine Familie gründe und so weiter. Doch dann fand ich mich plötzlich in dieser Energie von Berlin wieder und dachte: Du musst überhaupt nichts von alledem!“

Jeder kann mit ihr sprechen oder einfach nur umarmen

Heute lebt sie in einer WG in Neukölln, unter ihren zwölf Mitbewohnern finden sich junge Lebenskünstler wie sie, Gaukler, Jongleure und Zirkushippies aus aller Welt, die in der Stadt ihr neues Mekka gefunden haben. „Berlin hat eine besondere Balance. Einerseits funktionieren die Dinge, die Bahn fährt, es ist einigermaßen sicher. Gleichzeitig ist nicht alles so überreguliert wie in Australien oder den USA. Man hat hier mehr Chancen, seinen Weg zu finden ohne diese imaginären Strukturen, die einem weismachen wollen, wo man mit 25 zu sein hat. In Berlin wirst du nicht schräg angeguckt, wenn dein Lebensinhalt mit 40 darin besteht, Collagen an die Zimmerdecke zu kleben. Hier heißt es eher: Toll! Zeig mal!“

Viele ihrer Folk-Songs mit Titeln wie „Society“ oder „Berlin Blues“ drehen sich um Selbstbefreiung und Selbstverwirklichung. „Unterbewusst schreibe ich Lieder für jeden, der mir zuhört. Und das sind gerade in Berlin die unterschiedlichsten Menschen.“ Es ist Teil ihres Erfolgsgeheimnisses, dass sie sich nach ihren Auftritten für jeden Zeit nimmt, der mit ihr sprechen oder sie einfach nur umarmen möchte. Lou weiß um ihre Ausstrahlung und darum, dass ihr Talent groß genug ist, um Menschen zum innehalten zu bewegen. Wer ihr neues Album „Orbit“ aus ihren Händen kauft, glaubt vielleicht, eine einmalige Chance genutzt, die Schönheit sozusagen von der Straße gelesen zu haben, ohne zu ahnen, dass ihre Musik auch auf Amazon und Spotify zu finden ist. So gesehen wirkt ihr Straßenmusikerdasein fast wie ein pragmatischer, klug durchkalkulierter Lebensentwurf. Die Geduld, mit der sie selbst wiederum ihren Fans zuhört, zeigt jedoch, dass sie es ernst meint, wenn sie von einer Berufung spricht.

Der Stalker hämmerte gegen das Fenster

Fremden Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sei die große Schönheit der Straßenmusik, so Lou, auch wenn in einer an Exzentrikern reichen Stadt wie Berlin schnell mal Grenzen überschritten werden. Seit etwa zweieinhalb Jahren wird die erklärte Feministin sogar von einem Stalker verfolgt, der ihr bis nach Südafrika hinterherreiste. „Das letzte Mal tauchte er bei der CD-Release-Party im Dussmann auf der Friedrichsstraße auf. Ich habe ihn gebeten zu gehen, aber er weigerte sich. Die Mitarbeiter haben ihn dann auf die Straße gesetzt und er hat von außen gegen das Fenster gehämmert.“ Zum ersten Mal klingt die Euphorie in ihrer Stimme gedämpft. „Er hat einen Blick, der mir die Seele aussaugt.“ Sie hat lange mit sich gerungen, zur Polizei zu gehen. „Ich habe einen Überschuss an Empathie, auch für Menschen, die man nicht als nett bezeichnen kann.“

Trotz solcher Erfahrungen, und trotz der Tatsache, dass sie mittlerweile auch in Konzerthallen oder Orten wie der Passionskirche in Kreuzberg auftritt (gerne mit Trapezkünstlern und anderen Showeinlagen – der Ticketkauf muss sich ja lohnen, sagt sie), will Lou der Straßenmusik noch lange treu bleiben. „Täglich kommen Menschen auf mich zu, um mir zu sagen, wie sehr meine Musik sie bewegt. Ein komplexes Wesen empfindet Schönheit wegen mir?! Ich kann in Rente gehen!“ Dann ertönt ihr überwältigendes Lachen. „So gehe ich das Leben an. Wenn du dich offen und verletzlich auf die Straße stellst, bist du empfänglich für das Gute und das Schlechte gleichermaßen. Wenn du dich aber wirklich öffnest, begreifst du, dass die guten und die schlechten Seiten zusammengehören und dass es gut ist, wie es ist.“ Einen pragmatischeren Hippie als Alice Phoebe Lou wird man kaum finden. Schon gar nicht auf der Straße.

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