Streit

Götterdämmerung an der Volksbühne

Die Mitarbeiter wollen das Konzept des neuen Intendanten Chris Dercon verhindern. Der Senat weist jede Kritik daran zurück

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht vor einem Neuanfang: 2017 übernimmt Chris Dercon die Leitung von Frank Castorf

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht vor einem Neuanfang: 2017 übernimmt Chris Dercon die Leitung von Frank Castorf

Foto: Reto Klar

„Apokalypse“ heißt die Premiere der Volksbühne am heutigen Mittwoch. Der Stücktitel scheint passend zur Untergangsstimmung, die sich gerade im Theater offenbart. Dabei geht es um die neue Leitung des Hauses. 180 Mitarbeiter wehren sich in einem offenen Brief gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. „Uns schreckt nicht das Neue“, ist da zu lesen. Aber, „dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme. Er ist eine irreversible Zäsur“. Der Senat wies die Kritik am Dienstag umgehend zurück: „Der vorliegende Brief enthält viele Vermutungen aber wenig Fakten.“

Intendant Frank Castorf (64) wird nach 25 Jahren vom ehemaligen Museumsdirektor Dercon (57) abgelöst. Der Chefwechsel entfachte bereits im vergangenen Jahr einen Eklat in der Theaterszene. Grund des Protests: Dercon, Künstler und Kulturmanager, ehemaliger Leiter des Hauses der Kunst in München und anschließend Chef des Londoner Museums Tate Modern, machte sich bisher eben keinen Namen als Theatermacher. Seine Ankündigung, „Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen“ unter dem Dach der Volksbühne zu versammeln und die Aufstellung seines neuen Führungsteams befeuerten die Kontroverse.

Es wird keinen großen personellen Umbruch geben

Eine am 28. April abgehaltene Vollversammlung der zukünftigen Theaterleitung mit der Belegschaft ließe darauf schließen, heißt es im offenen Brief der Volksbühnenmitarbeiter, dass es keine neuen Formen und künstlerischen Herausforderungen geben werde. Stattdessen komme es zu Stellenabbau, bis hin zur Abwicklung ganzer Gewerke. Das will man nicht hinnehmen. Die Politik solle das neue Konzept der designierten Theaterleitung überprüfen, wird gefordert. Zu den Unterzeichnern gehören Mitarbeiter aus allen Gewerken, darunter die prominenten Köpfe des Hauses: Schauspieler Martin Wuttke und Alexander Scheer, Schauspielerinnen Sophie Rois und Birgit Minichmayr, die Regisseure René Pollesch, Jürgen Kuttner und Herbert Fritsch. Dercon meldete sich am Dienstag nur kurz zu Wort und versicherte, es werde „weder einen großen personellen Umbruch geben noch sind die verschiedenen Gewerke in Gefahr“.

Die Senatskanzlei verwies darauf, dass es in den letzten Monaten „zahlreiche Personalgespräche mit den derzeitigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ stattgefunden haben. Alle Abteilungen und Werkstätten des Hauses blieben erhalten, der aktuelle Stellenplan würde nicht gekürzt, sondern sogar aufgestockt werden. Die Anzahl der Nichtverlängerungen im Zuge des anstehenden Intendantenwechsels entspräche dem üblichen Umfang bei Personalwechseln. „Das Haus wird auch künftig mit einem eigenen Ensemble arbeiten“, heißt es, „als festes Künstler-Ensemble wird es ergänzt durch gastierende Künstler.“

Claus Peymann fordert die Auszahlung von Chris Dercon

Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller (SPD) und Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) sahen sich schon in der Vergangenheit gezwungen, ihre Entscheidung, Dercon aus London an die Berliner Theaterbühne zu holen, zu verteidigen. Zum Beispiel vor Claus Peymann, dem scheidenden Intendanten des Berliner Ensembles. Mit einem Protestbrief meldet der sich auch sofort. Er fordert von Michael Müller die Auszahlung Dercons. „Machen Sie etwas, das Politiker niemals tun“, ist da zu lesen, „nämlich: einen Fehler einsehen und korrigieren“. Denn „dann könnten Sie ,unsterblich‘ sein und würden nicht als Killer der Volksbühne in die Geschichte eingehen.“

„Für die Belegschaft fühlt sich das ein bisschen so an, als hätte man der deutschen Fußballnationalmannschaft jetzt einen Eishockeytrainer vorgesetzt“, sagt Carl Hegemann, Chefdramaturg der Volksbühne, am Dienstag zur Berliner Morgenpost. Die Mitarbeiter der Volksbühne fühlten sich instrumentalisiert und ungeeignet für das neue Konzept Dercons. Das könne man nicht schweigend hinnehmen. „Dafür gibt es die aufmüpfige und selbstbestimmte Art hier schon zu lange“, sagt Hegemann. Ziel des Protests sei nicht unbedingt die Absetzung des neuen Intendanten. Man wolle diesen darauf aufmerksam machen, dass man es an der Volksbühne eben mit selbstdenkenden Partnern zu tun habe.

Die konkreten Pläne werden im Frühjahr 2017 veröffentlicht

Und was tun die, wenn Renner und Müller auf ihren Protest nicht reagieren? Dann werde es im Haus wohl schwierig.

Von Dercons viel thematisiertem Konzept ist bisher nur wenig bekannt: dass er das Theater um eine neue Bühne in den Hallen des ehemaligen
Tempelhofer Flughafens erweitern wolle, dass er das Schauspielhaus
mit Tanz- und Musikangeboten anreichern wolle etwa. Dercon werde, heißt es, seine konkreten Pläne im Frühjahr 2017 veröffentlichen.