Premiere

„Ich hatte Angst um unser freies Land“

Wird es wieder ein Skandal? In „Fear“ rechnete Falk Richter mit der AfD ab, in der neuen Inszenierung am Maxim Gorki Theater geht es um den Vatikan.

Kein Blick auf den Hafen – Falk Richter, vor einer Fotoarbeit von Sven Johne zu Lampedusa, im Foyer des Gorki-Theaters

Kein Blick auf den Hafen – Falk Richter, vor einer Fotoarbeit von Sven Johne zu Lampedusa, im Foyer des Gorki-Theaters

Foto: Sergej Glanze/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Man kennt ihn vor allem aus der Schaubühne. Diesmal ist Falk Richter (46) mit seinem Gastspiel im Maxim Gorki Theater zu sehen. Heute Abend ist Premiere. Es geht nicht wie in „Fear“ um den Rechtspopulismus. „Città del Vaticano“ nimmt es mit der katholischen Kirche auf. Wir trafen den Autor und Regisseur zum Gespräch im Gorki-Theater.

Berliner Morgenpost: Nach „Fear“ geht es in Ihrem neuen Stück „Città del Vaticano“ um die katholische Kirche und den christlichen Glauben. Gibt es jetzt einen zweiten Skandal?

Falk Richter: Der Vatikan ist für uns eine Chiffre für Europa und für das Christentum. Wir haben uns dafür interessiert, welche Werte in Europa denn nun eigentlich wirklich gelebt werden, und wie sehr die christlichen Werte heute unser Leben bestimmen. Der Abend ist keine wissenschaftliche Analyse des Katholizismus und kein Dokumentartheater über den Vatikan, es ist ein sehr persönlicher Abend.

Wie setzen Sie das denn um? Und was ist daran persönlich?

Es ist eine Arbeit, die sich viel mehr als meine früheren Arbeiten ganz konkret mit den persönlichen Geschichten der Performer auf der Bühne auseinandersetzt. Da stehen junge Schauspieler und Tänzer aus ganz Europa. Die leben alle den europäischen Traum eines grenzüberschreitenden Lebens. Vater und Mutter stammen meist aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Ihre Identität, ihr Heimatgefühl sind komplex. Es sind die Menschen, die Herr Gauland nicht als Nachbar haben will.

Ist das Stück ein Gegenentwurf?

Es ist ein Gegenentwurf zu den reaktionären Forderungen der Rechtsnationalen an die Familie. Das Stück zeigt, dass kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt ein Gewinn ist. Und dass der Wunsch nach einer Einheitsnation eine abstruse, rassistische Sehnsucht der neuen Rechten ist, die nichts mit unserem gelebten Leben zu tun hat.

Woher kommt es, dass wir plötzlich wieder so reden – deutsch, nicht deutsch, multikulti thematisieren?

Die Politstrategen von Pegida und AfD bringen dieses Gerede immer wieder laut und aggressiv in die Medien. Mit diesen volksverhetzenden, rassistischen Statements machen diese Leute Karriere. Sie nutzen ein diffuses Gefühl von Überforderung, Enttäuschung, Angst vor sozialem Abstieg sehr geschickt aus und hetzen verängstigte Menschen gegen alles Fremde auf: Geflüchtete, Muslime, Homosexuelle, Künstler, Deutsche mit Migrationshintergrund.

Darum ging es ja auch in Ihrem Stück „Fear“, für das Sie Morddrohungen bekamen. Hat Sie die Arbeit inspiriert, da weiter zu bohren?

Nach „Fear“ habe ich in Frankreich mein neues Stück „Je suis Fassbinder“ inszeniert. Da geht es um den Rechtsruck in ganz Europa, um EU-Verdrossenheit, Demokratiemüdigkeit und die Frage, wieso so viele Wähler wieder die Sehnsucht nach einem kleinen Diktator haben, der für sie alle Probleme aus der Welt schaffen soll.

Glauben Sie wirklich daran, dass Theater daran etwas ändern kann?

Theater kann derartige politische Tendenzen sichtbar machen, bündeln, konzentrieren, sodass man sich damit auseinandersetzen kann und muss. Theater kann auch zeigen, dass unser real gelebtes Leben nichts mit den Phrasen der neuen Rechtspopulisten zu tun hat. Theater kann die Möglichkeit geben, alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten und Menschenschicksale, Einzelpersonen kennenzulernen.

Aber richten Sie das an die richtigen Adressaten? Mein Empfinden ist, dass diese Diskurse nicht über das Theater hinaus in die Gesellschaft getragen werden.

Auch diejenigen, die behaupten, ein tolerantes, offenes Leben zu führen, sind sich manchmal nicht bewusst, dass es momentan darum geht, diesen Lebensentwurf zu verteidigen und dafür einzustehen. Oft leiden ja auch gerade die an einer Demokratiemüdigkeit, gehen nicht mehr wählen, ziehen sich aus politischen Diskussionen zurück. Wir dürfen die politische Bühne nicht allein den Rechtsnationalen überlassen, wir müssen da wieder mitmischen, und denen etwas entgegensetzen.

Wie politisch und aufklärerisch muss Theater denn in Ihren Augen sein?

Ich würde mein Theater nicht unter dem Oberbegriff „politisches Theater“ sehen, sondern als Versuch, eine persönliche Antwort zu geben – mit dem Leben, mit der Haltung, mit der eigenen Geschichte für etwas Politisches einzustehen.

Genau das ist Ihnen ja nach „Fear“ geschehen. Da mussten Sie sich stark für Ihr Stück verantworten. Die Schaubühne wurde beschmiert, es gab ein Gerichtsverfahren. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Ich hatte damit nicht gerechnet. Dieser Angriff auf die Kunstfreiheit war neu für mich, das kannte ich nur von Kollegen aus Russland oder Ungarn. Am Anfang hat mich das ziemlich verstört. Ich lebe gerne in Deutschland, und ich hatte Angst, dass dieses offene, freie Land jetzt in die Hände von diesen widerlichen radikalen Rechten fallen könnte. Direkt nach den Morddrohungen hatte ich auf einer Lesereise Personenschutz. Das war schon ein Albtraum. Was mir geholfen hat, ist, alles zu reflektieren.

Also verstehen, um die Angst zu bezwingen?

Verstehen, wie die neuen Rechten operieren, wer die Drahtzieher dieser Bewegung sind, wie die AfD sehr eng mit radikalen Christen der „Demo für alle“ zusammenarbeitet und wie sie gemeinsam gegen Flüchtlinge, Schwule, Muslime hetzen. Wie sie versuchen, unsere demokratische Grundordnung zu zerstören. Ich habe viel gelernt dadurch. Es macht nicht viel Spaß. Aber als Dramatiker ist es interessantes Material.

Entsteht daraus ein neues Stück?

Ja, sicher. Dieser ganze Prozess hat auch meinen Glauben an unseren Staat und unser Rechtssystem enorm gestärkt. Ich fand das Gerichtsverfahren sehr fair. Es wurde einfach mal sachlich geprüft, dass mein Stück mit unserem Grundgesetz vereinbar ist. Fast alle Vorwürfe gegen mein Stück waren unbegründet, die meisten Anschuldigungen waren schlichtweg von den Klägerinnen erfunden.

Die katholische Kirche wird über Ihr neues Stück sicher nicht begeistert sein. Rechnen Sie denn mit ähnlichen Reaktionen?

Nein, in diesem Stück sprechen junge Menschen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Religion, Kirche und Glauben.

Città del Vaticano: Premiere heute, 19.30 Uhr. Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2 Fear: Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Termine: 23. bis 25. Juni