Udo ist nur ein Jahr jünger, als das vom Nationalsozialismus befreite Deutschland. Das vom Nationalsozialismus befreite Deutschland war lange ein Streber. Und zwar sowohl im Osten als auch im Westen. Udo Lindenberg war das nie. Im Gegenteil. Das erklärt seinen Erfolg und macht ihn so wichtig für unser Land.

Während man sich auf der einen Seite der Mauer bis tief in die 70er-Jahre bemühte, amerikanischer als die Amerikaner zu sein oder aber sie abgrundtief zu hassen, und auf der anderen Seite kommunistischer als die Russen zu sein schien und deshalb gar nicht zuließ, diese zu hassen, war Udo Lindenberg alles andere als der typische, deutsche Nachkriegsextremist.

Udo Lindenberg rockt das Berliner Olympiastadion

Fans, zum Teil wie Udo Lindenberg gekleidet, warten gespannt auf das groß angekündigte Konzert im Rahmen seiner „Panikparty“-Tour im Berliner Olympiastadion.
Fans, zum Teil wie Udo Lindenberg gekleidet, warten gespannt auf das groß angekündigte Konzert im Rahmen seiner „Panikparty“-Tour im Berliner Olympiastadion.© dpa | Matthias Balk
Warten unter erschwerten Bedingungen: Der Himmel meinte es teilweise nicht besonders gut mit den Fans, die sich trotz Regen ihre gute Laune nicht nehmen ließen.
Warten unter erschwerten Bedingungen: Der Himmel meinte es teilweise nicht besonders gut mit den Fans, die sich trotz Regen ihre gute Laune nicht nehmen ließen.© dpa | Matthias Balk
Spektakulärer Auftritt zu Beginn des Konzertes. Udo Lindenberg schwebt ins Stadion und singt dabei „Odyssee“.
Spektakulärer Auftritt zu Beginn des Konzertes. Udo Lindenberg schwebt ins Stadion und singt dabei „Odyssee“.© dpa | Matthias Balk
Er begeisterte mit seinen Songs das Publikum und erzählte zwischendurch kleine Geschichten - die gern auf „Yeah“ endeten.
Er begeisterte mit seinen Songs das Publikum und erzählte zwischendurch kleine Geschichten - die gern auf „Yeah“ endeten.© dpa | Matthias Balk
Udo Lindenberg rockt mit einer Tänzerin die Bühne. Auch ein neues Lied sang Lindenberg: „Komm wir werden Freunde“ soll Flüchtlingen die Hand reichen und sie willkommen heißen.
Udo Lindenberg rockt mit einer Tänzerin die Bühne. Auch ein neues Lied sang Lindenberg: „Komm wir werden Freunde“ soll Flüchtlingen die Hand reichen und sie willkommen heißen.© dpa | Matthias Balk
Alte und neue Weggefährten, darunter Otto, Helge Schneider, Adel Tawil und Jan Delay, gaben sich die Ehre und waren Teil der bunten Bühenshow mit fliegenden Ufos und dem Schiff „Rock-Liner“.
Alte und neue Weggefährten, darunter Otto, Helge Schneider, Adel Tawil und Jan Delay, gaben sich die Ehre und waren Teil der bunten Bühenshow mit fliegenden Ufos und dem Schiff „Rock-Liner“.© dpa | Matthias Balk
Nach zahlreichen Zugaben verabschiedet sich Udo Lindenberg am späten Abend mit den Worten „Berlin es war geil bei dir zu sein. Aber unsere Herzen bleiben hier, nur unsere Füße müssen weiter. Ich liebe euch Berlin“.
Nach zahlreichen Zugaben verabschiedet sich Udo Lindenberg am späten Abend mit den Worten „Berlin es war geil bei dir zu sein. Aber unsere Herzen bleiben hier, nur unsere Füße müssen weiter. Ich liebe euch Berlin“.© dpa | Matthias Balk

In Udos Welt gibt es keine Parolen, sondern ein „Hallöchen“

Udos Welt, das waren und sind keine engstirnigen Spießer, keine ernsthaften Mülltrenner und schon gar nicht strenge Bürokraten oder fanatisierte RAF-Terroristen, sondern fröhlich mit dem Leben ringende Knallchargen wie Elli Pirelli, Bodo Ballermann, Rudi Ratlos und Co. Hier wird nicht geschrien oder gemaßregelt, sondern genuschelt. In Udos Welt gelten keine Parolen und Befehle, sondern ein „Hallöchen“, dem dann gerne ein „Piccolöchen“ folgen darf.

Lindenbergs Form, jemanden Respekt zu zollen, besteht darin, ihn nicht wirklich ernst zu nehmen. Damit reduziert er Komplexität, auch bei ganz großen Pro­blemen. Wenn er sich zum Beispiel mit Politik auseinandersetzt, lässt er sich, wie in seinem Film „Panische Zeiten“ (1980), gleich mal eben zum Kanzler wählen. Eine große Rede an das Volk reicht, und er kann dem von ihm als „Spezial-Chinesisch“ gegeißelten Politikersprech in der „Bonner Schlafanstalt“ ein Ende bereiten und ein illustreres Kabinett zusammenstellen. Zwei Catcher als Minister für alternative Energie inklusive. Vereinfachung und Respektlosigkeit sind Lindenbergs Rezept zur Heilung der Welt.

Staatschef Honecker schenkt er seine Lederjacke

Das funktionierte erstaunlicherweise auch im anderen Teil Deutschlands, beim Generalsekretär Erich Honecker, der im Hit „Sonderzug nach Pankow“ (1983) einfach zu „Honey“, dem „Oberindianer des Arbeiter- und Bauernstaats“ wurde. Lindenbergs freche Umarmungen („Honey, ich glaub’, Du bist doch eigentlich auch ganz locker/ Ich weiß, tief in dir drin, bist Du eigentlich auch ’n Rocker/ Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an/ Und schließt Dich ein auf ’m Klo und hörst West-Radio“) kann sich selbst der eher humorlose DDR-Staatschef nicht entziehen. Udo Lindenberg bekommt noch im selben Jahr die Erlaubnis, im Palast der Republik aufzutreten.

Macht schüchtert Udo Lindenberg nicht ein. „Gitarren statt Knarren“ ruft er beim ersten Treffen Honecker vergnügt entgegen, bevor er ihm seine Lederjacke schenkt. Fast ist man geneigt, Benjamin von Stuckrad-Barre die Episode zu glauben, die er seinem neuen Buch „Panikherz“ vorangestellt hat: Udo zündet sich da am Flughafen während der Passkontrolle in Los Angeles einen Zigarrenstumpen an und lässt sich vom Grenzbeamten nicht beirren („Oh, excuse me, yeahyeahyeah, sagt Udo friedlich – und lässt die Zigarre brennen, hält sie aber jetzt auf Gürtelhöhe, das ist sein Kompromissangebot“). Jeder andere käme dafür in den Knast, Udo kommt aber dennoch ins Land. Leben und Gesellschaft sind für das ewige Kind Udo Lindenberg nur ein absurdes Spiel. Das macht ihn furchtlos.

In der BRD war er ein wenig wie ein Außerirdischer

Preußische Tugenden sind Udo Lindenberg hingegen fremd. Eigentlich dürfte es hier einen wie ihn gar nicht geben. In der BRD der 70er- und 80er-Jahre war er ein wenig wie ein Außerirdischer. Er fiel und fällt in vieler Hinsicht aus dem deutschen Raster. Weder ist er so diszipliniert wie Westernhagen, noch so korrekt wie Grönemeyer und bei Weitem nicht so fleißig wie Maffay. Dennoch ist er einer der Big Four geworden, welche die deutschsprachige Musik seit fast vierzig Jahren prägen. Im Rock verhalf er Deutsch Anfang der 70er zum Durchbruch. Grönemeyer saß damals noch in Bochum auf dem Bonanzarad, Maffay trällerte Schlager und sein Wohngemeinschaftskumpel Westernhagen startete in Hamburg auf der Bühne des Clubs „Onkel Pö“ in seinem Windschatten durch.

Lindenberg arbeitet weder bei seinen Texten noch bei seinem Image kon­struktivistisch. Er inszeniert sich nicht, er ist wirklich so. Mit Udo zu sprechen klingt nicht großartig anders, als seinen Songs zu lauschen. Sein Leben deckt sich in aller Radikalität mit seinem Werk. Dazu gehört auch immer wieder der Absturz. Er zelebriert ihn. Seine Bilder malt er mit dem Inhalt der Minibar und nennt sie Likörelle. Aus Angst, Lindenberg würde seinen eigenen Lifestyle nicht überleben, verleiht die deutsche Musikindustrie ihm schon vor 25 Jahren den Echo für Lebenswerk. Der Weltchef seines damaligen Labels PolyGram weigert sich, nicht eingespielte Vorschüsse an Udo abzuschreiben. Für neue Songs von Udo interessieren sich vor 20 Jahren nur noch wenige. Der Musikmanager setzt bereits auf sein Ableben: „Der hat eh nicht mehr lange, dann verkaufen sich aber die alten Aufnahmen wie geschnitten Brot.“ Zum Glück berappelt sich Udo aber nach jedem Absturz immer wieder.

Lindenberg nahm den „Sonderzug nach Pankow“

Als ich ihn kennenlernte, war er gerade am Boden. Ich war 24, Udo Lindenberg 43 und aus meiner Sicht ein uralter Mann. Den ersten Herzinfarkt hatte er gerade hinter sich. Seine Karriere zum zweiten Mal auch. Der „Ball Pompös“ war irgendwann auch für ihn zu Ende gewesen, Udo von der Neuen Deutschen Welle weggespült worden. Danach nahm er überraschend mit dem „Sonderzug nach Pankow“ wieder Fahrt auf, um die Sache schließlich mit „Hinterm Horizont“ endgültig klarzumachen. Aber die Erwartungshaltung an ihn war nun Neuer Deutscher Schlager, die konnte und wollte er nicht erfüllen.

Dann lieber auf „Selbstzerstörungsmodus“ schalten. Alkohol, viel Alkohol soll dabei helfen. Die real existierenden Elli Pirellis und Bodo Ballermanns dieser Welt tun ein Übriges dazu: Sie hängen um Udo Lindenberg als sogenannte „Geheimräte“ herum. Ihn bei der Aufnahme des Albums „Bunte Republik Deutschland“ zu betreuen, heißt zu versuchen, sie abends aus dem Hamburger Tonstudio zu vertreiben. Ein Haufen netter, aber desorientierter Freaks hängt dort regelmäßig rum, trinkt seinen Champagner, animiert ihn mitzutrinken und bringt teilweise sogar die eigenen Kinder mit, um furchtbar anachronistische Gitarrensoli über Udos geniale Texte zu spielen.

Denn selbst wenn Udo mal kaum mehr einen geraden Satz artikulieren kann, mit Sprache und Inhalten geht er immer virtuos um. Gerne auch bewusst destruktiv. Die Schnulze, die seine Plattenfirma damals unbedingt auf dem Album haben möchte, „versaut“ er ihr mit „Natalie aus Leningrad“. St. Petersburg war damals so weit weg wie heute Pjöngjang – kein Ort der Projektion für ein Liebeslied und deshalb als Single untauglich. Stattdessen rappt er lässig im Song „Reeperbahn“ mit „Tempelhof“, „Alberts Eck“ und „EDK“ Clubs runter, in die manche nicht reinkommen, die halb so alt sind wie er.

Jan Delay war für Lindenberg wie eine Frischzellen-Therapie

Udo Lindenberg kennt sie, denn er ist maßlos und neugierig. Er war dort schon, wenn morgens das Licht anging, die Stühle hochgestellt wurden und die Menschen mit den Schrubbern kamen. Denn Udo Lindenberg kann nicht aufhören und will verstehen. Alles. Das Neue macht ihm keine Angst. Auch wenn der Blick ob des zuvor Genossenen nicht mehr ganz klar ist, guckt er nach vorn. Und was er sieht, gefällt ihm: Für ihn war früher nicht alles besser, sondern bestenfalls anders.

Das merken auch junge Leute wie Jan Delay, der mit seiner Hip-Hop-Band Absolute Beginner als auch solo eine Größe geworden ist. Er gibt 2006 den damals nahezu in der Versenkung verschwundenen Udo viel Platz bei seinem Song „Im Arsch“ auf dem Album „Mercedes Dance“. Später lädt er Lindenberg für seine MTV-Unplugged-Aufnahmen ein und bietet mit ihm zusammen eine großartige Version von „Reeperbahn“ dar. Mit Udo verbindet ihn nicht nur die Liebe zu Hamburg und Hüten, sondern, dass er auch ein Fall für einen Logopäden wäre. Aber egal ob nasal oder vernuschelt – gerade das macht beide unverwechselbar. Ähnlich auch wie bei Udo und Jan mit Sprache umgegangen wird. Beide spielen mit ihr lässig wie mit Bauklötzchen. Keine Panik auf der Titanic, denn es ist ja alles klar, auf der Andrea Doria …

Deutschland ist ein wenig Udo geworden

Der Rapper aus Hamburg Eppendorf war für den fast ins Rentenalter gekommenen Udo Lindenberg wie eine Frischzellentherapie. Mit „Stark wie Zwei“ steht er Anfangs dieses Jahrzehnts zum ersten Mal in seinem Leben auf Platz eins der Charts. Er ist dabei immer noch ganz der Alte, macht wenig Kompromisse für den Zeitgeist. Nicht er hat sich verändert, sondern unser Land ist ihm über die lange Zeit immer ähnlicher geworden. Deutschland definiert sich als Berliner Republik nicht mehr primär über Perfektion und Höchstleistung. Scheitern und Straucheln, so wie Lindenberg es vorgemacht hat, sind mittlerweile genauso erlaubt wie seine respektlose Lebensfreude. Deutschland ist ein wenig Udo geworden. Und Udo wird am Dienstag 70. Wir haben allen Grund, „Danke“ und „Herzlichen Glückwunsch“ zu sagen.