Wellenrauschen ergießt sich über ein verregenpelltes Publikum. Ein Mann mit Schiebermütze und Sonnenbrille tritt auf die Bühne. Applaus, Applaus. Er öffnet seinen Mund, gießt ein nasses „Yeah“ in die Wellen. Es ist lang. Es ist zäh. Glöckchen klimpern dazu. Dann, es stroboblitzt von der Bühne – Bass, E-Gitarre, Keyboard, Schlagzeug – Xavier Naidoo covert Edwin Starrs Anti-Kriegshymne „War“. Das Publikum des IFA-Sommergartens ist jetzt ein bisschen verunsichert. Bei dem Wort Sommergarten hatten es sich auf ein sonniges Auf-dem-Rasen-Sitzen gefreut, jetzt friert es im Nasskalten stehend, und dann – dann singt ihr Naidoo auch noch Englisch.

Er ist 43. Sein letzter eigener Hit liegt Jahre zurück. Als „Der Xer“ hatte er zuletzt versucht sich mit Dubstep neu zu erfinden. Zu seinem Glück hat diese Platten aber kaum einer gehört, und so ist Naidoo noch immer mit seinen alten Hits in aller Munde und Ohren. Bei „Sing meinen Song“ lässt er sie von Yvonne Catterfeld und Andreas Bourani neu interpretieren und chartet so wieder. Wie angenehm. „Bei mir ist gerade alles in Butter“, brüllt er von der Bühne. Ja, wirklich, er brüllt, eine Ansage zwischen zwei Liedern, sie ist Show, also sagt er sie nicht, er brüllt sie, markant und halbgesungen in das Mikrofon: „Es könnte nicht besser sein“. Und das Publikum es ist animiert, es applaudiert.

Bei Xavier Naidoo war zuletzt alles so in Butter, dass er ausrutschte. Er trat bei einer Veranstaltung der Reichsbürgerbewegung auf, tat dort kund, Deutschland, das sei kein souveränes Land, das sei von den Amerikanern besetzt. „Freiheit für Deutschland“ stand auf seinem T-Shirt. Danach sang er: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“. Sein Auftritt kam insgesamt noch schlechter an, als seine Dubstep-Platten. Er weiß das. Er weiß, die Familien, die Mittdreißiger und Senioren hier im Sommergarten, die wollen wohlfühlige „Kämpf-für-dein-Glück“-Hits, die sie aus dem Radio kennen, sie wollen sie hier live, ohne Werbeunterbrechung, ohne Staudurchsagen, und sie wollen sie mitsingen, endlich mal wieder, mit vielen anderen, so, dass sie ihren eigenen schiefen Gesang nicht hören. Sein Konzert, es muss also ohne Dubstep und auch ohne Politik auskommen. Fast. Denn Naidoos Open-Air Tour, sie heißt „Frei-Sein“.

1997 war das mal ein Hit. Sabrina Setlur introducing Xavier Naidoo. „Ich will frei sein, frei wie der Wind, wenn er weht.“ Das sehr alte Lied, an diesem Abend ist es sein dritter Song. Graue und weiße Quadrate fliegen dazu neben Naidoo über die Leinwände. Er singt mit der Rechten am Mikrofonständer, mit der Linken gestikuliert er. Arm hoch, Arm runter. Zwei Finger zur Seite. Einer nach oben. Ausdrucksstark. Nachdem er geendet hat, brüllt er dann wieder, auch auf seinem nächsten Album – ja, es gibt eins – werde wieder ein Song sein, der das Thema Freiheit behandelt. Er spielt ihn. „Ich bin frei wie ein Kind“ singt er, und „Ich bin frei, wie die Götter im Krieg“. Durch diese Zeilen quietscht eine E-Gitarre, wuchtig, wie eine große, schlecht geölte Feuertür. Die Tür geht auf: „Ich bin frei. Ich bin frei. Ich bin frei.“ Die Tür fällt zu. Hammermäßig, brüllt er dann. „Hammermäßig, dass ihr alle gekommen seid, und das obwohl heute doch die Welt untergehen sollte.“ „Weltuntergang“ das ist Naidoo-Deutsch für Regen. Jedenfalls, brüllt er, wenn er eine Karte für dieses Konzert gehabt hätte, dann wäre er zu Hause geblieben.

Ach, so ist das. Naidoo hätte sich selbst also lieber verpasst. Wegen Regen zu Hause zu bleiben, der Zuschauer schüttelt den Kopf, das passt so gar nicht in das Naidoosche Erbauungs-Motiv. Wo ist da der Kampfgeist? Für morgen? Für Freiheit? Eine bessere Zukunft? Liebe? Der Zuschauer steht allein mit seinen Fragen in den dicken Tropfen, die der Himmel schickt. Kurz. Dann ist es wieder trocken, alles steht still, lauscht Naidoos „Sie sieht mich nicht“-Darbietung zum Bass-Solo. Es gipfelt in Schlagzeug und Keyboard-Töne und ein paar Naidoo-Fragen: Wie viele Kinder sind hier? Denkt dran, auch wenn ihr schon Eltern seid, seid ihr doch auch noch Kinder. Und: „Wer glaubt, dass das Beste noch vor ihm liegt?“ Der solle bitte jetzt applaudieren. Es bleibt ungewöhnlich still im Sommergarten. Naidoo sagt, er will aber glauben, dass das Beste noch vor ihm liegt. Doch, doch, doch. Dann spielt er einen „kraftvollen“ Song zum Thema – so moderiert er ihn an. Brüllend.

Mit dem Sprechsänger Nico Suave gibt er „Danke“. Eine Hymne für ihre „zu früh verstorbene Väter“. Suave, trägt seine Kappe mit dem Schirm nach hinten, er sieht den Front-Schirmmützenträger an, sagt: Du bist einer der größten Sänger Deutschlands, aber trotzdem so auf dem Boden geblieben. Das ist toll. Das Publikum applaudiert, dann erzählt Suave nochmal, wie sie sich kennengelernt haben, nämlich bei Tim, also Tim Mälzer in dessen „Szenerestaurant“ in Hamburg. Und seitdem unterstützte Naidoo Suave, nehme ihn immer mit auf Tour, das sei toll, wirklich. Suave ist dankbar. Und Naidoo hinter seiner Sonnenbrille, sagt er, er müsse aufpassen, dass er nicht rot werde. Aber auch er ist ja voller Dank, an seine Band, und seine Crew. Es ist das letzte Konzert seiner Open-Air-Tour. Für die alle hat er jetzt noch ein Lied, es ist: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“.