Deutsche Theater

Nathan der Weise - Wenn Worte das Leben retten

Andreas Kriegenburg inszeniert Lessings "Nathan der Weise" am Deutschen Theater – ein vielversprechender Saisonauftakt.

Nathan der Weise am Deutschen Theater

Nathan der Weise am Deutschen Theater

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Vielversprechender Saisonauauftakt am Deutschen Theater: Andreas Kriegenburg inszeniert „Nathan der Weise“ als Märchen. Er spannt den Bogen von den Anfängen der Menschheit bis zur Gegenwart. Poesie, Witz und körperbetontes Spiel prägen die Arbeit, die am Sonntagabend mit langem Applaus und einigen Bravorufen gefeiert wurde.

Der Abend beginnt pantomimisch. Ein Mann und eine Frau, lehmverschmiert, stehen voreinander. Ertasten, erkunden, umarmen sich. Sind erschrocken, wenn sie Spuren hinterlassen. Alles wortlos. Doch die idyllische Zweisamkeit wird gestört, sie sind nicht allein auf der Welt. Die anderen haben was von mahnenden Familienangehörigen, die daran erinnern, dass das so nicht geht. Das Paradies, es ist vorbei. Gott ist das erste Wort, das nach zehn, zwölf Minuten gesprochen wird.

Ein großer, aus Brettern zusammengebauter Würfel taucht auf – das zentrale Element auf der von Harald Thor gestalteten Bühne, die Kostüme entwarf Andrea Schraad. Im Schnelldurchlauf lässt Kriegenburg die Zivilisationsgeschichte Revue passieren: Bauern werden zu Städtern, ein Mann quält sich mit Aktentasche unterm Arm ins Büro, es wird demonstriert und schließlich geshoppt.

Dann geht es los mit Lessing, mit der Geschichte. Die archaischen Figuren wandeln sich zu Typen. Nathan bekommt einen Hut aufgesetzt und Schläfenlocken angeklebt. Er ist geschäftlich sehr erfolgreich, zurückgekehrt von einer Reise, als er erfährt, dass seine Tochter bei einem Brand im Haus fast umgekommen wäre. Ein Tempelritter, ein Christ, hat das vermeintliche Judenmädchen aus den Flammen gerettet. Aber vieles ist nicht so, wie es scheint.

„Nathan der Weise“ spielt in Jerusalem im 12. Jahrhundert zur Zeit der Kreuzzüge. In der Stadt treffen Muslime, Christen und Juden aufeinander, selten friedlich. Gotthold Ephraim Lessing schrieb sein Stück vor dem Hintergrund der Aufklärung, ein Plädoyer für Toleranz. „Nathan der Weise“ erschien 1779, zwei Jahre später starb Lessing. Die Uraufführung 1783 in Berlin erlebte er nicht mehr.

„Der Jude wird verbrannt“

Am Deutschen Theater ist das Stück mehrfach inszeniert worden, in der Nazizeit durfte es nicht gespielt werden, weil die positiv gezeichnete Figur des Juden nicht in die Rassen-Ideologie passte. Deshalb war es naheliegend, dass anlässlich der Neueröffnung des Deutschen Theaters am 7. September 1945 das zwölf Jahre verfemte Stück gezeigt wurde. Die „Neue Zeit“ schrieb seinerzeit: „Lessing edle Humanität wirkt „so menschlich tief und schlicht, dass man betroffen ist und beglückt zugleich“. Ein Satz wie „der Jude wird verbrannt“, das fordert im Stück der Patriarch von Jerusalem, dürfte dem Publikum vier Monate nach Ende der Naziherrschaft wie ein Menetekel in den Ohren geklungen haben.

Lessings Stück passt eigentlich immer in die Zeit, aber jetzt ganz besonders, wo es in Deutschland einerseits eine Willkommenskultur, andererseits Brandanschläge auf Flüchtlingsheime gibt. Regisseur Kriegenburg ist nah bei der Vorlage, er verweigert sich dem hohen Ton, aber die Botschaft ist deutlich zu vernehmen. Es sind kleine Texteinschübe, die den Bogen in die Gegenwart und die braune Vergangenheit schlagen. So spricht Nathan davon, dass „des Juden und des Fremden Haus gern angezündet wird“. Und als er mit dem Tempelritter, einem Deutschen, redet, der keinen Lohn von einem Juden annehmen will, lässt er den Satz einfließen: „Ihr seid doch das Volk ohne Raum.“

Wunderbar verspieles, körperbetont agierendes Ensemble

Elias Arens, Nina Gummich, Bernd Moss, Julia Nachtmann, Jörg Pose und Natalie Seelig bilden das wunderbar verspielte, körperbetont agierende Ensemble. Eine Mischung aus Stummfilm- und Jahrmarktsmusik unterlegt den knapp dreistündigen Abend. Es gibt Slapsticknummern, Gags, die an Monty Python erinnern, der Patriarch wird zur deftigen Karikatur, die Ringparabel ernst erzählt.

Mit der Ringparabel verhält es sich ja ähnlich wie mit Gretchens Frage nach der Religion im „Faust“ oder dem „Sein oder Nichtsein“-Monolog im „Hamlet“. Man weiß was kommt und fragt sich, wie es kommt. Das erste Zusammentreffen zwischen Sultan Saladin (Bernd Moss) und Nathan ist für den Juden eine brenzlige, ja lebensbedrohliche Situation. Bei Kriegenburg sitzt Jörg Poses Nathan absturzgefährdet hoch oben am Rand des Würfels, der an die Kaaba in Mekka, das zentrale Heiligtum des Islam, erinnert. Er soll die tückische Frage beantworten, welche Religion die wahre ist - und entscheidet sich dafür, ein „Geschichtchen“ zu erzählen und damit sein Leben zu retten. Nebenbei beginnt eine Freundschaft, denn Nathan ist klug genug, dem klammen Sultan, der da unten steht wie das Klischee eines Herrenmenschen, auch noch nebenbei charmant Geld anzubieten.

Ein gelungener Saisonauftakt für das Deutsche Theater. Das richtige Stück zur richtigen Zeit, künstlerisch überzeugend präsentiert. Denn mal ehrlich: So ein „Nathan“ kann sich ganz schön in die Länge ziehen; aber darüber brauchen wir an dieser Stelle glücklicherweise nicht zu Reden.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Wieder am: 7., 11., 18.9.

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