Kultregisseur

Hanna Schygulla macht sich ihren eigenen Reim auf Fassbinder

Intim und bewegend: In ihrem Fassbinder-Abend erzählt die Muse nicht einfach eigene Erinnerungen und Anekdoten. Hanna Schygulla singt frühe Gedichte des späteren Genies. Und übermalt ein Foto von ihm.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Da steht er, an eine Mauer gelehnt, jung, keck, ein wenig lasziv und provokant. Rainer Werner Fassbinder. Es ist ein Jugendfoto, das auf eine kleine Leinwand projiziert wird. Und Hanna Schygulla, sein Star, seine Muse, steht leibhaftig da und schaut ihn an. Kauert zu seinen Füßen. Die Alte und der Junge. Sie war 23, er 22, als sie sich trafen. Knapp 15 Jahre haben sie sich gekannt, bis zu seinem frühen Tod 1982. Das ist fast 33 Jahre her. Und nun blickt die 71-Jährige auf den 17-Jährigen.

Aber auf einem Tischchen liegen schon Farben bereit. Mit den Fingern taucht Hanna Schygulla in sie hinein und bemalt im Laufe des Abends das projizierte Bild. Erst in Rot den Bauchnabel und die Umrisse. Mit Gelb streicht sie dann über seine Arme, sein Herz, mit Grün über die Schultern. Es ist wie ein letztes, nochmaliges Berühren. Ganz buchstäblich macht sich die Diva noch mal ein eigenes Bild von „ihrem“ Rainer. Ein ergreifender, ganz intimer Moment, von dem nur 200 Zuschauer in der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele Zeuge werden.

Jenseits des Witwenkriegs

Am 31. Mai wäre Fassbinder, auch wenn man sich das bei einem Rebellen kaum vorstellen kann, 70 Jahre alt geworden. Deshalb gibt es derzeit in Berlin ein regelrechtes Fassbinder-Festival, mit einer Ausstellung im Gropius-Bau, einer Filmreihe im Arsenal, einem Schwerpunkt beim Theatertreffen. Und dem neuen Dokumentarfilm „Fassbinder“. Dort haben noch mal fast alle Wegbegleiter über ihn geplaudert, auch die Schygulla. Nur Ingrid Caven nicht. Immer noch gibt es den alten Witwenstreit. Zwischen der Caven, mit der Fassbinder kurz verheiratet war. Und Juliane Lorenz, der Präsidentin der Fassbinder-Foundation, die sein Werk erhalten hat, aber auch die Deutungshoheit über sein Werk, sein Leben in Anspruch nimmt. Und ebenfalls mit ihm verheiratet gewesen sein will, auch wenn sie den Trauschein im Überschwang verloren hat. Ein unwürdiger Zickenkrieg.

Die Schygulla hält sich da heraus. Die Schauspielerin und Sängerin, seit kurzem aus Paris zurückgekehrt ist und jetzt in Berlin wohnhaft, widmet Fassbinder einen ganz eigenen Abend: „17/70 – Eine Zeitreise“. Nicht mit ihren Erinnerungen. Sie nimmt sich zurück. Kaum ein Ich ist zu hören, kein Wir, nur ein Du. Sie zelebriert einen Fassbinder, den sie so auch nicht gekannt hat. Mit 17 hat er Gedichte und Prosatexte verfasst, per Hand gebunden und seiner Mutter geschenkt. „Es gibt Zärtlichkeiten, die umwerfend sind“, nannte er das Buch. Vor zehn Jahren sind die Texte unter dem Titel „Im Land des Apfelbaums“ erschienen, jetzt gibt es eine Neuauflage.

Mediation und Verheißung

Das Genie kündigte sich da schon an. Vieles aus dem späteren Werk wird bereits vorweggenommen. Auch die Schygulla hat überrascht erkannt, dass er sie irgendwie vorausgeahnt hat. Jetzt macht sie sich ihren eigenen Reim auf ihn. Mit ihrer tief gewordenen Stimme singt, interpretiert sie die frühen Gedichte, begleitet vom Pianisten Stephan Kanyar. Rauft sich das Haar zur Hexenmähne. Und spricht, nicht immer ganz textsicher, über den jungen Rainer. Kein bloßes Memorieren. Mehr eine Annäherung und Überhöhung, eine Meditation und Verheißung, ja ein Weihespiel.

Am Ende wird die Fotoprojektion ausgeschaltet. Zu sehen ist nur noch die Skizze der Diva. Ein sehr eigener, origineller und mit Sicherheit der persönlichste Beitrag zu den Fassbinder-Festtagen. „Dieses Jahr wärst du 70 geworden“, haucht Hanna Schygulla zuletzt. „Dieser Abend. Von mir. Für dich.“ An seinem Geburtstag, am 31. Mai, wiederholt sie das Programm noch einmal im Heimathafen Neukölln.

Foto: RealFiction / Real Fiction