Die populäre Musik steckt in einem Dilemma. Die zwölf Töne sind längst ausgereizt. Die eingängigen Akkordfolgen bis an die Schmerzgrenze durchdekliniert. Und die digitale Massenverbreitung von Rock und Pop macht das Handwerk auch nicht einfacher. Und doch wird mit der routinierten Redeseligkeit der Werbeindustrie die hohe Kunst zelebriert, alten Wein aus neuen Schläuchen auszuschenken, um dadurch immer wieder das ganz große, neue Ding herbeizureden. Und wo endet das Ganze? Beim zigsten Revival.
Und doch kocht und brodelt es fernab der High-Tech-Tonstudios auf den kleinen und großen Klubbühnen der Welt. Da spielen sich Bands die Seele aus dem Leib, da gehen Sänger und Sängerinnen an ihre Grenzen und manchmal klappt es sogar mit dem ganz großen, neuen Ding, auch wenn es letztlich hemmungslos Retro bleibt. Wie bei den Alabama Shakes, Schulfreunden aus Athens im US-Bundesstaat Alabama. Einer 2009 gegründeten und unermüdlich auftretenden Band um die voluminöse, vor Energie berstende Sängerin und Gitarristin Brittany Howard.
2012 konnte man sie erstmals in Berlin erleben. Im Magnet Club war das. Da hatten sie gerade ihr Debüt-Album „Boys & Girls“ veröffentlicht, das drei Mal für den Grammy nominiert war und rund eine halbe Million Mal verkauft wurde. Southern Rock, angereichert mit einer gehörigen Portion Blues und Soul und von der Unruhe des Punk getrieben. Der kleine Klub war ausverkauft, aufgeregte Hipster und alte Bluesrock-Fans friedlich vereint. Nun sind die Alabama Shakes zu ihrem einzigen Deutschlandkonzert zurückgekehrt nach Berlin, um am Sonntagabend im brechend vollen Astra Kulturhaus ihre neue, zweite Platte „Sound & Color“ in den Saal zu wuchten.
Brittany Howards Stimme lodert
Sie tun das, was unzählige andere Bands neben ihnen machen. Sie entdecken das Erbe des Rock, des Blues, des Soul und nehmen sich, was ihre Herzen zum Flimmern bringt. Was ihre Gefühle lodern lässt. Dass das gerade bei diesen Musikern so gut funktioniert, liegt vor allem an der Frau an vorderster Front, an der momentan erblondeten Sängerin und Songschreiberin Brittany Howard und ihrer an Janis Joplin oder Aretha Franklin ebenso wie an Otis Redding oder Robert Plant gemahnenden Stimme.
Mal gerät sie in Ekstase wie James Brown, dann wieder säuselt sie wie ein Curtis Mayfield. Denn die Alabama Shakes sind nicht beim einmal gefundenen Erfolgskonzept stehen geblieben. Die neuen Songs von „Sound & Color“, das in den USA gleich nach Erscheinen auf Platz 1 der Billboard-Charts landete, gehen einen mutigen Schritt weiter. Sie lassen die rockige Südstaaten-Raubeinigkeit hinter sich und nähern sich auf experimentierfreudige Weise dem Soul. Das klingt mal nach Booker T. und seinen legendären MG’s, mal nach Wilson Pickett in höchster Ekstase.
Die angestammte Band mit dem Gitarristen Heath Fogg, dem haarig zugewachsenen Bassisten Zac Cockrell und Schlagzeuger Steve Johnson wird live durch zwei Keyboarder, zwei Chorsängerinnen und einen Chorsänger erweitert. Der Sound ist in der Tat wuchtig, sehr laut und mitunter etwas unausgegoren. Aber die Spielfreude dieser Band macht alles wieder wett. Es sind die 60er- und 70er-Jahre, die sie mit ihrer Musik heraufbeschwören und sie wirken, als hätten sie jeden einzelnen Ton gerade selbst neu erfunden.
Dabei nimmt man es ihnen auch nicht übel, wenn sie in ihrer Experimentierlust auch mal übers Ziel hinausschießen. Ein Stück wie das neue „Gemini“, das mit seinen ausufernden Gitarrensoli und einer geradezu krautrockiger Wolkenschieber-Eleganz im Gesamtwerk der Band eher verstört, auch noch ans Ende dieser gut 70 Minuten zu setzen, das ist schon sehr eigenwillig. Aber genau das ist es, was die Alabama Shakes so außerordentlich macht. Sie halten sich nicht an einmal aufgestellte Regeln. Sie sind unberechenbar. Sie lassen sich nicht dreinreden in ihre Vorstellung. Sie wollen sich nicht verbiegen lassen. Man kann nur hoffen, dass das trotz allen Erfolges auch noch lange Zeit so bleibt.


