Ausgezeichnet

„Karamasow“ erhält Friedrich-Luft-Preis der Morgenpost

Die von Regisseur Thorsten Lensing inszenierte Uraufführung „Karamasow“ erhält als „Beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2014“ den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost.

Foto: Arwed Messmer

André Jung läuft bellend über die Bühne. In Jeans und Pullover. Aufrecht, nicht auf allen Vieren. Obwohl er einen Hund spielt. Er schaut um sich, schnuppert. Sucht offenbar etwas Essbares. Der Hund sieht Iljuscha, stürmt freudig auf den Schulbub zu. Der nimmt einen Stock, zeigt ihm den Hund, wirft das Holz weg. Das Tier spurt, bringt das Stöckchen im Mund zurück. Und wartet auf die Belohnung.

Iljuscha, der 72-jährige Horst Mendroch spielt den Neunjährigen, kramt aus seinem Ranzen eine Brotdose hervor. Er wedelt mit dem Brötchen, beißt ein Stück ab. Steckt dann einen scharfen Gegenstand hinein und hält dem Hund niederträchtig den Köder hin. Der schnappt zu. Läuft winselnd davon, aber erst nachdem Kolja, Sebastian Blomberg spielt den 13-Jährigen, aus einer großen Flasche Kunstblut in den Mund des Tieres gespritzt hat, was für die ersten Lacher im Zuschauerraum der Sophiensäle sorgt.

So beginnt die vierstündige „Karamasow“-Inszenierung von Thorsten Lensing. Er hat gemeinsam mit dem Theaterkritiker Dirk Pilz eine Bühnenfassung des letzten großen Romans von Fjodor Dostojewski erstellt. Sie verzichten bewusst darauf, die Komplexität des über 1000-seitigen Werks auf die Bühne zu bringen. Der alte Karamasow tritt hier ebenso wenig auf wie dessen ältere Söhne.

Krimihandlung und Vatermord werden nur kurz gestreift, der jüngste Sohn Aljoscha, den „Tatort“-Kommissar Devid Striesow spielt, erzählt am Ende des Abends kurz davon. Lensing konzentriert sich auf die Kinder- und Tiergeschichten, die einen vergleichsweise kleinen Raum im Roman einnehmen. In der Inszenierung stehen Glaubensfragen, Schuld und Sühne im Vordergrund, auch die vermeintliche Unschuld von Heranwachsenden, die gleich in der Eingangsszene thematisiert wird.

Zwei Aufführungen im Juli

Insofern dürfe es höchst reizvoll sein, Frank Castorfs Version der Dramatisierung von „Die Brüder Karamasow“ mit der von Lensing zu vergleichen. Der Chef der Berliner Volksbühne setzt Ende Mai 2015 bei den Wiener Festwochen seine Auseinandersetzung mit dem Kosmos von Dostojewski fort, nachdem er bereits „Dämonen“, „Erniedrigte und Beleidigte“, „Schuld und Sühne“, „Der Spieler“ und „Der Idiot“ (ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis 2002 der Berliner Morgenpost) auf die Bühne gebracht hat.

Die Festwochen-Inszenierung, die castorfspezifisch ausufernder, komplexer und wohl noch etwas länger werden wird als die Lensing-Arbeit, dürfte im Herbst als Übernahme an der Berliner Volksbühne zu sehen sein. Vorher, zum Ausklang der laufenden Spielzeit, gibt es noch zwei Aufführungen von „Karamasow“ in den Sophiensälen. Im Anschluss an die Vorstellung am 4. Juli 2015 wird der mit 7500 Euro dotierte Friedrich-Luft-Preis an Regisseur Thorsten Lensing für die „Beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2014“ verliehen.

Die siebenköpfige Jury überzeugte „die großartige Leistung des Ensembles und die Inszenierung, die immer wieder zu überraschen weiß. Sie atmet den Geist von Tschechow und Beckett und macht den Raum frei für das Wichtigste im Theater: Die Schauspieler.“ Die Berliner Morgenpost verleiht den Preis seit 1992 im Gedenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft.

Kontrovers über die Entscheidung diskutiert

Vorangegangen war eine sehr lebhafte Debatte. Selten in der Geschichte des Friedrich-Luft-Preises wurde so kontrovers über eine Entscheidung diskutiert. Am Ende war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in der Leichtathletik würde man von einem Fotofinish reden. Nahezu gleichauf lag die „Warten auf Godot“-Inszenierung von Ivan Panteleev, die als Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit der Ruhrfestspielen Recklinghausen entstand. Regisseur Panteleev hat den Beckett-Klassiker von den gängigen Sinnsuchungen befreit, auch er vertraut wie Lensing auf seine Akteure.

Das Deutsche Theater war im vergangenen Jahr noch mit zwei weiteren Arbeiten für den Theaterpreis der Morgenpost nominiert: Mit Jette Steckels „Ein weites Land“ und „Der Besuch der alten Dame“ (Regie: Bastian Kraft). Insgesamt konkurrierten acht Aufführungen um die Auszeichnung. Das Grips war mit Mina Salehpours Inszenierung „Der Gast ist Gott“ vertreten. Mit dem Theater unterm Dach („Eier! Wir brauchen Eier!“) und der Vierten Welt („Ausnahmezustand oder sechs Versuche über Freundschaft“) waren auch zwei kleine Off-Bühnen im Rennen.

Die Schaubühne war mit Thomas Ostermeiers Inszenierung „Die kleinen Füchse“ vertreten. Ganz leer ging das Haus, das im vergangenen Jahr den Preis für „For the disconnected child“ bekam, nicht aus. Schließlich spielt mit Ursina Lardi eine Schauspielerin in „Karamasow“ mit, die ihre künstlerische Heimat an der Schaubühne hat.

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