Berlin-Konzert

Bill Kaulitz und Tokio Hotel - die Kreisch-Orgie funktioniert noch

Tokio Hotel sind wieder da und auf Tour. Das Outfit von Bill Kaulitz mag sich ändern, aber das Publikum kreischte in Berlin genauso wie vor zehn Jahren - auch wenn die Hallen kleiner geworden sind.

Foto: dpa

Dass Tokio Hotel ihre aktuelle Tour „Feel it All“ genannt haben, trifft den Nagel auf den Kopf. Die Schlange vor dem Heimathafen Neukölln reiht sich meterlang über die Karl-Marx-Straße. Vier Sicherheitsmänner sind nötig, um die Meute am Eingang zurückzuhalten.

Was Tokio Hotel angeht, habe ich schon immer sehr mütterliche Gefühle gehegt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der kleine Bill Kaulitz vor Jahren bei dieser Talent Show mit Kai Pflaume teilnahm - und nicht gewann. Damals hat er ganz bitterlich geweint, das tat mir natürlich leid.

An Bill Kaulitz frühes Fernsehdebüt erinnere ich mich deswegen so genau, weil der damals 13-jährige Junge aussah, als sei er erst neun, dafür mit waschechtem Emo-Styling und vor allem durch ein Augenbrauenpiercing auffiel. Das war natürlich ein Skandal. So klein und schon ein Piercing? Geht gar nicht.

Kurz nach der Episode vergaß man den kleinen Jungen aus Magdeburg, bis eine Band Namens Tokio Hotel im Jahr 2005 den Song „Durch den Monsun“ veröffentlichte. Ein Über-Hit, der sich millionenfach verkaufte und auch der Jugendzeitschrift Bravo Rekordauflagen bescherte. Am Mikro: Der kleine Bill von damals. Im Verlauf der steilen Boygroup-Karriere sah Bill Kaulitz irgendwann aus wie eine fleischgewordene Mangafigur.

Eines Tages ließ das Kreischen der Mädchen nach, Zeit für die Kaulitz-Zwillinge mal nachzuholen, was sie während der erfolgreichen Jahre verpasst hatten. Bill und Tom zogen nach Los Angeles, widmeten sich dem Feiern und dem Trinken.

Mittlerweile sind die Jungs groß geworden, erwachsen genug für die Clubs. Nicht für alle Fans, die heute angereist sind, lässt sich das gleiche sagen. Die Mädchen in den ersten Reihen tragen goldene Kronen. Auf der Balustrade blasen sie fleißig Herzluftballons auf, die mit Leuchtstäben gefüllt werden. Ob Hasenohren, Tiaras, Mundschutz oder Schulmädchen-Uniform – heute darf jeder so kommen, wie er mag. Wichtigstes Accessoire: eine Kamera. Lange bevor die Band die Bühne betritt haben alle ihre Handys im Fotomodus.

Wechselnde Kostüme - gleichbleibender Sound

Als das Licht ausgeht beginnt die Kreisch-Orgie. Enden wird sie erst nach anderthalb Stunden, als auch den letzten klar wird, dass die Band nicht noch einmal auf die Bühne kommt. Der Bühnenbereich ist mit einem durchsichtigen Vorhang abgehängt. Zu wummerndem Bass werden per Laser Kreise, Rechtecke und Quader auf den Vorhang projiziert, wobei jedes neue Motiv eine noch lautere Kreisch-Welle auslöst.

Dann erscheint die Band. Was die Verkleidung betrifft, hat sich Bill ziemliche Mühe gegeben, der Manga-Look von einst ist längst passé. Zu Beginn trägt er Sonnenbrille, eine goldene Krone und einen beeindruckenden goldenen Königsumhang, dessen exaltierte Schulterpolster Flügel andeuten. Der Aufzug erinnert an eine Auf-den-Kopf-gestellte Version von David Bowies Kabuki-Hosenanzug.

Später wird er einen von Deichkind und Tron inspirierten Anzug nebst Neon-Grüner Abnäher tragen, zum Schluss präsentiert er einen roten Fellmantel zu Vintage-gemäß zerfetzten Jeans. Besonders erwähnenswert sind Bills Schuhe, Plateau-Buffalos, in den 90ern der letzte Schrei. Tom erinnert in seinem Poncho und mit dem kernigen Bart an einen Gringo, der zum Spring-Break nach Cancun will, Schlagzeuger Gustav trägt ein hinreißendes türkises Stirnband, Bassist Georg immerhin ein Halstuch zu Jeans und T-Shirt.

An den Kostümen hat man lange zu gucken, der Sound nutzt sich dagegen ziemlich schnell ab. Die wummernden Beats, die Synthies und Bills Gesang klingen eigentlich immer gleich, egal ob er „Kings Of Surburbia“, „Girl Got A Gun“ oder „Feel it All“ singt. Nur „Durch den Monsun“ durchbricht die Elektropop Schleife.

Wenn Bill etwas sagen will, kann man ihn nicht verstehen, weil alle Kreischen. „Hallo Berlin“ ist jedenfalls darunter und „Habt ihr Lust mit uns zu feiern?“ Wie gerne die Jungs feiern, sieht man am Merchandising-Stand. Auf das Tour-Shirt haben sie neben den Feel-it-all-Schriftzug Pillen drucken lassen. Daneben hängt ein Kissen, auf dem Bill Kaulitz seinen Hund, die englische Bulldoge Pumba, küsst. Im Grunde sind Tokio Hotel trotz Rebellen-Image und Rotz-Attitüde immer noch genauso putzig wie früher.