Film

Robert Schwentke ist unser Mann in Hollywood

Der Regisseur dreht in Amerika mit Stars wie Jodie Foster, hat aber Heimweh nach Deutschland. Und will nach Berlin ziehen. Jetzt hat er hier seinen neuen Film „Die Bestimmung – Insurgent“ vorgestellt.

Foto: Reto Klar

Deutsche in Hollywood? Da denkt man natürlich an Roland Emmerich und Wolfgang Petersen, vielleicht noch an den Filmkomponisten Hans Zimmer. Florian Henckel von Donnersmarck ist ja auch da hingezogen, muss sich dort aber erst noch bewähren.

Den Namen Robert Schwentke kennt dagegen kaum einer. Dabei dreht der gebürtige Stuttgarter dort mit den ganz Großen: mit Jodie Foster „Flightplan“, mit Eric Bana und Rachel McAdams „Die Frau des Zeitreisenden“. Und unvergesslich, wie er Bruce Willis, Helen Mirren und John Malkovich in „R.E.D.“ zu Senioren-Killern vereinte, gegen die die Jungen alt aussahen.

Jetzt hat er auch bei „Insurgent“ Regie geführt, dem zweiten Teil der Fantasyreihe „Die Bestimmung“, der seit Donnerstag im Kino ist.

Ein Fleck in der Erfolgsbilanz

Die Berlin-Premiere vergangene Woche war einer der wenigen Gelegenheiten, Schwentke auch mal in seiner Heimat zu begegnen. Denn der 45-Jährige steht nicht gern in der Öffentlichkeit, Premieren, Teppich, Interviews – diesen Teil des Berufs klammert er am liebsten aus. Er macht die Pressearbeit auch nur in Deutschland. Ist dann aber doch überraschend entspannt und flachst im „Hyatt“-Hotel am Potsdamer Platz sogar mit dem Fotografen, als der ihn vor eine güldene Wand stellt.

Er kann auch wirklich ganz entspannt sein. Er hat zwar mit seinem letzten Film „R.I.P.D.“ mit Jeff Bridges und Ryan Reynolds einen, man muss es sagen, fulminanten Flop hingelegt, bei einem Budget von 130 Millionen Dollar, hat dann aber mit „Insurgent“ gleich wieder einen Blockbuster im 100-Millionen-Bereich bekommen, mit dem Jungstar Shailene Woodley. „R.I.P.D.“ ist bislang der einzige Fleck in der Erfolgsfilmografie des Deutschen, und das wurmt ihn auch. Aber da ist er ganz pragmatisch: Da sei viel falsch gelaufen, mit dem Studio – nennen wir es ruhig beim Namen, auch wenn Schwentke es nicht tut, es war die Universal – gab es „eine Uneinigkeit, was für ein Film das hätte werden sollen“. Er hat ihn zu Ende gedreht, so diszipliniert, so deutsch ist er schon. Aber, das gibt er offen zu, es sei am Ende nicht mehr das gewesen, was er im Kopf hatte. „Man trifft dann vielleicht nicht mehr die Entscheidungen, für die man brennt, sondern die, mit denen alle leben können.“ Den fertigen Film hat er sich dann nicht mehr angesehen.

Die Produktionsfirma von „Insurgent“ ist trotzdem auf ihn verfallen. Sie hat zuvor schon „R.E.D.“ mit ihm produziert, da war ein großes Grundvertrauen. Schwentke hätte auch gern schon den ersten Teil der „Bestimmung“-Reihe nach den Büchern von Veronica Roth, „Divergent“, verfilmt, aber da habe er – wegen „R.I.P.D.“ nicht zur Verfügung gestanden. Umso mehr habe er sich gefreut, dass man ihn auch gleich für den dritten Teil gefragt hat, der in neun Wochen gedreht wird. Es ist nicht so, dass Schwentkes Kinder schon so alt sind, dass sie die Jugendbücher gelesen hätten. Das hat er selber getan, und mit Begeisterung. Er liebt solche Geschichten.

Sein Werdegang klingt wie ausgedacht

Er versteht auch gar nicht die Frage, warum derzeit dystopische Filme à la „Tribute von Panem“ oder „Maze Runner“ so in Mode sind. Das seien Genrefilme, die eben in Wellen kommen: „Ich bin groß geworden mit dystopischen Filmen. Mit Endzeitvisionen wie ‚Mad Max‘ oder ‚Escape from New York‘.“ Insofern fühle er sich jetzt „wieder jung“, wenn er selber solche Filme drehen darf. Und Genre: Das ist ein Schlüsselwort in Robert Schwentkes Karriere.

Seine Berufung klingt selbst wie ein Drehbuch: Im Alter von acht Jahren ist er im Keller auf die Super-8-Kamera seines Großvaters gestoßen und hat damit herumexperimentiert. Seine Jugend verbrachte er in der Videothek und im kommunalen Kino. Nach dem Abitur hat der Schwabe dann zunächst Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Tübingen studiert, aber nach vier Semestern abgebrochen, um auf Film umzuschwenken. Roland Emmerich, der andere große Filmstuttgarter (er stammt aus Obertürkheim, Schwentke aus Hedelfingen) sei da ein Vorbild gewesen, gibt der 13 Jahre Jüngere zu.

Wenn schon Film studieren, dann auch da, wo er was lernen konnte: am Columbia College in Los Angeles, später auch am dortigen American Film Institute. Es sei aber, betont er noch heute, nie sein Ziel gewesen, dort Filme zu drehen. Er wollte zurückkommen, um hier Filme zu machen, von denen er dachte, so etwas fehlt in Deutschland. Sein Filmdebüt „Tattoo“ mit August Diehl 2002 war denn auch der Versuch, Genrekost wie einen Mysterythriller im hiesigen Kino zu verankern. Das traurige Schicksal des Film unterstrich dann leider eher die These, dass sowas in Deutschland nicht funktioniert.

Und dann klopft Hollywood an

Viele unterstellen Schwentke danach, „Tattoo“ sei seine Bewerbungsvorlage für Hollywood gewesen. „Das unterstellt mir eine Intelligenz, die ich so gar nicht hatte.“ Dann hätte er als Nächstes sicher nicht eine rabenschwarze Komödie wie „Eierdiebe“ gedreht, in der er seine eigene Hodenkrebserfahrung verarbeitet hatte. Die Unterstellung stimmt nur insofern, als der Thriller auf ausländischen Filmfestivals weit besser ankam als zu Hause. So wurde auch das Disney-Studio auf ihn aufmerksam und verpflichtete ihn für „Flightplan“. Und plötzlich hatte er Jodie Foster vor der Kamera.

Der Rest ist Geschichte. Heute ist Robert „Schwänki“, wie man ihn dort ausspricht, eine feste Größe in der Traumfabrik – wohl gerade weil man ihn als Deutschen wahrnimmt. Man schätzt an ihm dieselben Eigenschaften wie an Emmerich. Wie Schwentke das mal selber scherzhaft vermerkte: „Ich bin billig. Ich bin nicht wahnsinnig. Und ich spreche gut Englisch.“ Vor allem das Erstere ist in Hollywood ein schlagendes Argument. Gibt es in Los Angeles eigentlich eine deutsche Enklave, eine Schwabenconnection gar? Nein, meint er, das sei früher vielleicht einmal stärker gewesen. Aber er lebe dort „extrem privat“ mit seiner Familie und seinen Freunden.

Berlin als Zweitdomizil

Für das deutsche Kino ist er dennoch nicht ganz verloren. Seit Längerem plant er wieder einen Stoff in Deutschland, „Der Hauptmann“, ein Drama aus den letzten Kriegstagen. Daran arbeitet er schon seit Jahren, er sei da vielleicht auch ein Spätzünder: „Ich war lange nicht so weit, gewisse Themen zu erzählen, gewisse Stoffe zu knacken.“ Auch das Historische musste er erst in den Griff kriegen. Jetzt wäre er so weit. Aber da ist kann dann erst mal das Angebot für die „Bestimmung“-Filme in die Quere. Eins dieser Angebote, die man nicht abschlagen kann. Zumal zum ersten Mal auch seine Kinder, sechs und neun Jahre alt, Interesse an einem seiner Filme zeigten.

Schwentke würde aber auch nicht nur für den Dreh des „Hauptmanns“ gern in seine Heimat zurückkehren. Immer wieder überlegt er, ob er nicht zurückziehen soll. „Ich habe viel Heimweh da, das muss ich auch mal sagen“, gesteht er. „Wenn ich lange nicht hier war, tut mir das in der Seele weh.“ Seine Söhne, die übrigens beide sehr deutsche Namen haben, sind zweisprachig aufgewachsen. Und denen, sagt der Papa, sei ihre deutsche Seite auch sehr wichtig. Schwentke hat deshalb große Hoffnung, mit den Kindern mal nach Berlin zu ziehen. „Ich liebe die Stadt. Und ich würde sie gern zumindest als Zweitdomizil kultivieren.“

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