Literatur

Schuld ist nur Papa - Jo Nesbøs neuer Thriller „Der Sohn“

Thriller sind am erfolgreichsten, wenn sie aus Skandinavien kommen. Der erfolgreichste Nordländer aber ist Jo Nesbø. Sein neuer Roman handelt von einem Quasi-Heiligen, der sich zum Rächer wandelt.

Foto: Angel Diaz / dpa

Vielleicht liegt es ja einfach nur am Norden. In Skandinavien ist nun mal weniger Licht als im restlichen Europa, und im Winter ist es entsprechend kälter. Nur so kann man erklären, warum gerade die Skandinavien-Krimis, all die Bücher von Stieg Larsson, Jussi Adler-Olsen und Henning Mankell, so düster, so eisig sind. Und auch, wenn überhaupt, einen entsprechend kühlen Humor haben.

Bei Jo Nesbø ist vielleicht aber auch der Papa schuld. Als der Norweger ein Teenager war, hat er nämlich seinen Vater gefragt, was eigentlich passieren würde, wenn man stirbt. Der Papa soll kurz gezögert haben, der Sohn schien ihm doch noch sehr jung für so ein schweres Thema, hat dann aber doch geantwortet: „Alles wird schwarz.“ Kein Wunder also, dass der Ton in Nesbøs Bücher so finster, dass seine Figuren so zynisch sind, dass seine Krimis vielleicht noch einen Pinselstrich schwärzer sind als die der anderen Nordländer.

Schande, Schmerz, Sucht

Auch im neuen Buch von Jo Nesbø ist der Papa schuld. Darauf verweist schon der Titel: „Der Sohn“. Der Vater von Sonny Lofthus war Polizist in Oslo. Ein angesehener Polizist, ein Vater, auf den man stolz sein durfte. Und das war der Spross denn auch. Aber dann hat der Papa, 15 Jahre ist das her, Selbstmord begangen, hat einen Abschiedsbrief hinterlassen und darin zugegeben, dass er korrupt war. So viel Schande, so viel Schmerz. Sonny Lofthus ist dadurch komplett aus der Bahn geraten. Sollte er eben noch im Ringer-Team der Nationalmannschaft aufgenommen werden, wird er heroinsüchtig. Landet im Knast. Und nimmt dort jeden Mord auf sich, den man ihm anhängt. Weil er dafür die ersehnte Droge bekommt.

Die Werte haben sich ziemlich verschoben in diesem Hochsicherheitstrakt. Die Bösen sitzen in der Direktion und decken angesehene Bürger, die Morde begehen können auf Kosten des armen Sonny. Der aber wird so was zu einem Heiligen, einem Messias für die Mithäftlinge. Einem, zu dem die Knastbrüder wie zu einem Beichtstuhl kommen. Und der sie einfach mit seinem Strahlelächeln erlöst. Hier erst setzt das Buch ein, die Vorgeschichte erfährt man erst nach und nach.

Erfunden an einem Karfreitag

Denn eines Tages erfährt der Sohn, ausgerechnet von dem Gefängnispater, der auch kein Unschuldslamm ist, dass alles ganz anders war mit seinem Vater. Dass der zu dem Selbstmord und dem fatalen Brief gezwungen wurde. Um wenigstens seine Familie, also auch ihn, den Sohn, zu retten. Ab da ist Schluss mit lustig und Aussitzen und Sühnen für den Papa und alle Sünder dieser Welt. Mit einem Mal schwört der Junkie den Drogen ab, flieht, das allein ist eine Meisterleistung, aus dem bestgesicherten Trakt des bestgesicherten Gefängnisses von Norwegen. Rasiert sich den Schädel kahl, versteckt sich, wo ihn keiner vermuten würde, in einem Hospiz für Drogenabhängige. Und rächt sich an den Menschen, die seinen Vater auf dem Gewissen haben.

Ganz schön katholisch, mag man denken. Und wirklich hat Jo Nesbø, als er jüngst mit seinem Buch auf Deutschlandtour war, zugegeben, dass ihm die Idee zu seinem Buch an einem Karfreitag kam. Warum, fragte er sich, nimmt einer die Schuld für andere auf sich? Der biblische Grundton ist nicht nur im Buchtitel angelegt. Sondern auch in dem Polizisten Simon Kefas, der in der Mordserie, die sich da auftut, ermittelt und ein Kollege von Sonnys Vaters war. Simon Kefas, das ist die gräzisierte Form für Simon Petrus, einer der zwölf Apostel – und der erste Papst. Selbst Petrus hat Christus vor dessen Kreuzigung drei Mal verraten, damit wird schon ziemlich früh eine Fährte gelegt. Denn auch Kefas ist nicht gerade das, was wir einen Vorzeigepolizisten nennen würden. Er war mal spielsüchtig, hat ziemlich viel Geld und noch mehr Reputation verloren.

Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann

Er ist damit ein Bruder im Geiste von Harry Hole. Jener Figur, mit der Jo Nesbø bekannt geworden ist: dem so genialen wie zynischen Polizisten und Quartalssäufer, den der Krimiautor in bislang zehn Büchern auftreten ließ und damit weltweit 20 Millionen Exemplare verkaufen konnte. „Der Sohn“ ist Hole-los und das, was man schön Neudeutsch ein „Stand Alone Novel“ nennt: ein Roman, der nicht, wie so oft derzeit, als Serie angelegt ist, sondern ganz für sich allein steht.

„Der Sohn“ ist recht geradlinig erzählt. Hier einer, der einen Rachefeldzug verfolgt. Da einer, der sich gegen die jüngeren, sich überlegen fühlenden Kollegen durchsetzen muss. Und dann auch noch gegen eine Frau, die ihm an die Seite gestellt wird. So wie sich um den geheimnisvollen Junkie im Hospiz auch bald eine der dort angestellten Damen kümmert. „Der Sohn“ ist kein Buch, das sich durch eine besonders raffinierte Sprache, einen eigenen Duktus auszeichnet. „Der Sohn“ ist ganz Plot. Aber der hat es in sich. Weshalb man das Buch auch ungern aus der Hand legt und sich nachts dabei erwischt, wie man nur noch ein Kapitel liest und dann noch eins und dann graut der Morgen.

Auch im Kino ein Zugpferd

Irgendwie ist er einem unheimlich, dieser Jo Nesbø . Weil der so erfolgreich ist. Nicht nur als Schriftsteller. Der Norweger hat es auch als Fußballer in die erste norwegische Liga gebracht. Bis die Kreuzbänder rissen. Bei anderen wäre das das Karriere-Aus, Nesbø dagegen wurde ein erfolgreicher Aktien-Experte. Und dann auch noch ein Popstar, der mit seiner Band Di Derre ziemlich einschlug in seiner Heimat. Der Mann scheint viele Leben zu haben. Aber dann zog sich für ein halbes Jahr nach Australien zurück, erfand sich noch einmal neu und begann zu schreiben. Und erfand diesen verbeulten Antihelden Harry Hole, der ihn noch berühmter machte, als er es je gewesen ist.

Jetzt, mit 52 Jahren, ist Jo Nesbø auf dem Zenit. Die Verfilmung seines Bestsellers „Headhunter“ hat auch im Kino für Furore gesorgt, „Schneemann“ wird ebenfalls gerade adaptiert. Und Nesbø schreibt nicht nur einen Krimi nach dem anderen, sondern auch noch Kinderbücher von einem Doktor Proktor. Das erste, „Dr. Proktor und das Pupspulver“ ist auch schon verfilmt worden und startet Mitte Januar, das zweite , „Dr. Proktors Zeitbadewanne“ wird gerade in Erfurt gedreht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann auch „Der Sohn“ adaptiert wird.

Jo Nesbø: Der Sohn. Ullstein Verlag, 528 Seiten, 22,99 Euro