Sadomasosex, jüdische Selbstfindung oder türkische Wertediskussion: Das sind die großen Kontraste beim 27. Europäischen Filmpreis, der am Sonnabend in der lettischen Hauptstadt Riga verliehen wird. Die Favoriten sind Lars von Triers Skandalfilm „Nymphomaniac“, dessen erster Teil auf der Berlinale und der zweite in Cannes lief, die türkische Elegie „Winterschlaf“ von Nuri Bilge Ceylan, der die Goldene Palme in Cannes gewann, und „Ida“, das stille Kammerspiel des Polen Pawel Pawlikowskis.
Alle drei sind in der Hauptkategorie als Bester Film nominiert, „Winterschlaf“ konkurriert außerdem in den Kategorien Regie und Drehbuch, bei „Nymphomaniac“ sind auch die beiden Hauptdarsteller Charlotte Gainsbourg und Stellan Skarsgard im Rennen. Die meisten Nominierungen aber vereint „Ida“ auf sich: sechs insgesamt, Pawlikowski kann dabei sowohl als Regisseur wie auch als Drehbuchautor reüssieren und seine beiden Hauptdarstellerinnen treten direkt gegeneinander an.
Schwer unter einen Hut zu kriegen
Es überrascht allerdings, dass die großen Namen des europäischen Autorenkinos nur in Nebensparten auftreten. Für Mike Leighs gefeiertes Künstlerporträt „Mr. Leigh“ ist nur Timothy Spall als bester Darsteller nominiert (er wurde dafür in Cannes ausgezeichnet), sonst gibt es keine Nennungen. Auch das Sozialdrama der Brüder Dardenne, „Zwei Tage, eine Nacht“, hat nur zwei Nominierungen: für die Darstellerin Marion Cotillard und die Brüder, aber nur in der Kategorie Drehbuch. Dafür kann sich der russische Film „Leviathan“ gleich vier Mal Hoffnungen machen. In Deutschland lief er zwar auf der Berlinale, kam aber nie ins Kino.
Das zeigt einmal mehr, wie schwer sich Europa mit der Akzeptanz des Europäischen Films tut. Die 3000 stimmberechtigten Filmschaffende sind noch schwerer unter einen Hut zu bringen wie die Kollegen vom Oscar. Fast schlimm sieht es für den deutschen Film aus. Weder Wim Wenders’ grandiose Dokumentation „Das Salz der Erde“ noch Edgar Reitz’ Opus Magnum „Die andere Heimat“ wurden aufgenommen.
Immerhin: ein deutscher Moderator
Und „Das finstere Tal“, das beim Deutschen Filmpreis sieben Lolas absahnte, wurde nur in zwei Nebensektionen aufgestellt. Der Sieg bei Kostüm und Ausstattung ist ihm dafür schon sicher: Die Nebenpreise wurden bereits ausgelost. Auch der Stuttgarter Marc Bauder kann sich für seine Banker-Doku „Master of the Universe“ Hoffnungen machen. Und moderiert wird der Abend, ungewöhnlich genug für Riga, vom Berliner Thomas Herrmanns.




