Man könnte meinen, die Show wäre direkt vom Broadway angereist – doch sie kommt aus Ungarn. György Böhm hat den Disney-Klassiker am Budapester Operetten- und Musicaltheater inszeniert und dabei eine Produktion zustande gebracht, die den Vergleich mit dem Original nicht zu scheuen braucht. Ganz im Gegenteil: Die Ausstattung scheint noch prunkvoller zu sein, als die der Broadway-Show. Es wird hinreißend gesungen und solide getanzt. Die live-gespielte Musik schäumt temperamentvoll aus dem Orchestergraben. Zudem wird auf Deutsch gespielt. Man kann der Geschichte also folgen, ohne die Übersetzung mitlesen zu müssen.

Der Anfang wirkt noch verhalten: Da tritt Belle mit einem kleinen blonden Jungen vor den Vorhang. Sie liest ihm die Geschichte vom Prinzen vor, der eine Bettlerin abweist, weil er sie abstoßend findet. Als sich die Alte vor seinen Augen in eine schöne Zauberin verwandelt, ist es zu spät. Ihr Fluch macht aus ihm eine Bestie, die in einem verwunschenen Schloss leben muss. Nur wahre Liebe kann den Zauber lösen – aber das wissen erfahrene Märchenbuchleser und Disney-Filmgucker sowieso. Das Vorspiel wäre also verzichtbar – doch dann folgt ein Bilderreigen, der seinesgleichen sucht.

Gegenstände werden lebendig

Wir sehen Belle, wie sie durch die Straßen ihres Heimatdorfs zieht, vorbei an chagallartig verwinkelten Häusern, umringt von jungen Burschen, die ihr den Hof machen. Wir zucken zusammen, wenn Belles Vater im Wald von grauzottligen Wölfen angesprungen wird, und wir staunen, wenn der alte Mann auf seiner Flucht in das Zauberschloss gerät. Im blauvioletten Dämmerlicht werfen Skulpturen gespenstische Schatten.

Gegenstände werden lebendig. Ein goldschimmernder Kerzenleuchter stellt sich dem Eindringling in den Weg und streitet mit einer Standuhr. Und da taucht auch schon das Biest auf – ein großes pelziges Ungeheuer, dessen Augen unter behaarten Wülsten verschwinden. Es ist kein Kuschelmonster, sondern wirklich ein lauerndes Tier.

Die Glanznummer: Das Ballett des Tafelgeschirrs

Der Vater wird in einen Käfig gesperrt und kommt erst wieder frei, als sich seine schöne Tochter als Ersatzgefangene anbietet. Sie ist die Auserwählte, die den Zauber lösen kann, doch da sie nichts davon weiß, erscheint die Lage zunächst aussichtslos. Das Biest knurrt und faucht und fordert Respekt ein. Belle widersetzt sich. Da treten die verzauberten Gegenstände auf den Plan.

Der Kerzenleuchter gibt sich mit französischem Akzent als Playboy zu erkennen, die Standuhr ist immerzu in Angst, dass etwas schief gehen könnte, die Teekanne wärmt Belle mit ihrer Fürsorglichkeit. Und all diese Eigenschaften spiegeln sich in den Kostümen wieder, die Erzsébet Túri für die Produktion entworfen hat: Das Goldglitzern des Kerzenständers steht für seine Eitelkeit, die bauchige Form der Teekanne lässt ihre Mütterlichkeit erahnen. Es gibt verliebte Staubwedel, divenhafte Kommoden und Essteller, die übermütig durch den Saal tanzen. Das Ballett des Tafelgeschirrs ist eine Glanznummer. Trinkgläser drehen Pirouetten, Messer und Gabel tanzen Ringelreihn.

Großes Kino auf der Musicalbühne

Doch all das wäre natürlich nur Fassade, wenn die Hauptdarsteller die Geschichte nicht beglaubigen könnten. Kitti Jenes ist eine Belle, die von innen zu leuchten scheint. Und sie hat auch eine strahlend schöne Stimme. Im Duett mit dem Biest erkennt sie („Wer hätt’s gedacht“), ihre aufkeimenden Gefühle, Sándor Barkóczi, der zuvor als Biest nur knurrend und fauchend über die Bühne trottete, macht klar, dass er sie erwidert. Großes Kino auf der Musicalbühne!

Da stört es auch nicht, dass einige weniger wichtige Szenen spielerisch nicht ganz so gut gelingen. Besonders die Dorfbewohner, die Belle am Anfang umschwirren, wirken steif. Doch wenn im Zauberschloss erst einmal die Gegenstände tanzen, gibt es kein Halten mehr. Dem Budapester Operetten- und Musicaltheater ist eine wirklich broadwayreife Inszenierung gelungen.

Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte. Tel: 47997499. Termine: Di-Fr, 20 Uhr, Sa 15 und 20, So 14 und 19 Uhr. Bis 13. Dezember