Slevogt, Corinth, Kokoschka, Renoir, von Stuck, Barlach: Maler und Bildhauer, die für unterschiedliche Stilrichtungen stehen. Doch sie alle und noch einige andere hatten ein gemeinsames Objekt ihrer künstlerischen Begierde: Tilla Durieux (1880-1971). Keine Frau ihrer Zeit wurde so oft porträtiert wie die österreichische Schauspielerin, die zu den bedeutendsten Darstellerinnen des deutschsprachigen Theaters zählt.

„Mit dem Gesicht wollen Sie zur Bühne gehen? Lernen Sie lieber kochen“, soll der Intendant des Theater von Olmütz, wo die 21-Jährige debütierte, zu ihr gesagt haben. Darauf die Schauspielerin: „Kochen kann ich schon.“ Auch wenn sie in Olmütz mit kleinsten Rollen vorlieb nehmen musste: Tilla Durieux setzte sich durch. Wie meistens in ihrem Leben. Einem Leben, das mehrmals in die Strudel großer historischer Ereignisse geriet.

Name musste geändert werden

Geboren und aufgewachsen ist die Durieux als Ottilie Godeffroy in Wien. Der Vater, hugenottischer Herkunft, war Chemieprofessor. Ihre Kindheit und Jugend bezeichnete sie später als Zeit voller Verbote und Tabus: „Mein Weg sollte der eines braven Bürgertöchterleins sein.“ Die musikbegeisterte Mutter trieb sie dazu an, eifrig Klavier zu üben. Dass der Tochter jedoch vorschwebte, Schauspielerin zu werden, löste große Kämpfe innerhalb der Familie aus. Um die Schauspielschule in Wien besuchen zu dürfen, musste sie ihren Namen ablegen. Ihr Künstlername geht auf den Namen du Rieux der Großmutter väterlicherseits zurück.

Tilla Durieux spielte in Olmütz, bevor man sie mit einem Fünfjahresvertrag in Breslau verpflichtete. Nach sechs Monaten erhielt sie ein Telegramm mit dem Angebot, bei Max Reinhardt vorzusprechen. Heimlich fuhr sie nach Berlin – und wurde sofort, ebenfalls für fünf Jahre, engagiert. Man glaubte sich dort in eine andere Welt versetzt, schilderte Tilla Durieux im hohen Alter das Glückgefühl, das sie damals überfiel. „Was ich immer schon gewollt hatte, ein anderes Leben, eine andere Form von Kunst, das ging bei den Proben bei Reinhardt in Erfüllung.“

Karriere am Deutschen Theater

Bereits 1903 macht sie sich als Salome unter Reinhardt einen Namen in Berlin. Bis 1911 war sie am Deutschen Theater engagiert, spielte Lady Milford in „Kabale und Liebe“, Kunigunde in „Das Käthchen von Heilbronn“, die Titelfigur in Hebbels „Judith“ oder die Jokaste in „König Ödipus“. Weitere Stationen in Berlin waren das Lessingtheater und das Königliche Schauspielhaus, wichtige Rollen lieferten ihr unter anderem die Dramen von Frank Wedekind. Als sie in der Berliner Oper die Potiphar in „Josephslegende“ von Richard Strauss verkörperte und direkt im Anschluss, aus Zeitgründen noch geschminkt und im Kostüm, ins Lessingtheater eilte, um dort in Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ die nächste Vorstellung zu spielen, machte viele Berliner diese Tour amüsiert mit. Diese Episode unterstreicht die Popularität, die Tilla Durieux schon damals genoss.

Dass die Schauspielerin so oft porträtiert wurde, hatte auch einen profanen Grund: Zahlreiche bildende Künstler gehörten zu ihrem Bekanntenkreis. Bis 1906 war sie mit dem Maler Eugen Spiro verheiratet. 1910 ehelichte sie den Verleger und Galeristen Paul Cassirer, mit dem sie ein recht mondänes Dasein teilte. Doch Tilla Durieux war alles andere als eine Diva. Schon ihre Rolleninterpretationen stachen durch die bewusst unpathetische, realistische Darstellungskunst hervor. Durch die Begegnung mit Rosa Luxemburg begann sie, sich für Politik zu interessieren. An probefreien Sonntagen ging die Schauspielerin in die Berliner Vororte, um, etwa in der Neuköllner Hasenheide, vor Arbeiterpublikum deutsche Klassiker vorzutragen. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach sie ihre künstlerische Laufbahn und arbeitete als Krankenschwester in Buch bei Berlin. Nach dem Krieg, im Mai 1919, half sie dem Schriftsteller Ernst Toller, einer der Anführer der gescheiterten Münchner Räterepublik, sich vor der Polizei zu verstecken. 1927 war sie bei der Finanzierung der Bühne Erwin Piscators und seiner revolutionären Revuen beteiligt. Längst zählte sie auch international zu den großen Theaterstars.

„Überall war Hitler“

Zu den Dramen auf der Bühne gesellte sich eine private Tragödie: die Trennung von Paul Cassirer, der sich 1926 noch vor Abschluss des Scheidungsvertrags das Leben nahm. Sein Tod stürzte Tilla Durieux in eine Lebenskrise: „Für mich war ein Licht erloschen.“ Doch 1930 ging sie eine dritte Ehe ein, diesmal mit Ludwig Katzenellenbogen, Generaldirektor der Brauerei Schultheiss-Patzenhofer. Vor den Nazis floh sie mit ihrem jüdischen Ehemann 1933 aus Deutschland. Anfangs spielte sie noch in Wien, dann in Prag, doch mehr und mehr wurden internationale Gastspiele unmöglich: „Überall war Hitler.“ Zagreb wurde zum neuen Wohnort, doch als deutsche Truppen während des Zweiten Weltkriegs auch auf dem Balkan angriffen, wurde das Ehepaar getrennt. Katzenellenbogen starb 1943 oder 1944 im KZ Sachsenhausen, Tilla Durieux unterstützte, oft unter Lebensgefahr, Titos Partisanen.

Comeback mit 72 Jahren

Die große weite Welt des Theaters erschien nach Kriegsende weit entfernt. Der einstige Bühnenstar verdingte sich als Näherin, dann als Regieassistentin in einem staatlichen Puppentheater in Zagreb. Doch 1952 verschaffte ihr eine Freundin ein Flugkarte nach Luzern, von dort ging es weiter nach Berlin, ans Schiller-Theater. Ein Comeback mit 72 Jahren! Sie spielte in Berlin und München, wirkte in Filmen, Hörspielen und Fernsehspielen mit, sie schrieb Bücher, lehrte an der Hochschule, wurde zur Berliner Staatsschauspielerin ernannt, kurz: Tilla Durieux war die große alte Dame des Theaters. „Ich bin einer der glücklichsten Menschen“ bekannte sie 90-jährig, da sie fast jeden Abend immer noch auf einer Bühne stand.

1971 starb die Künstlerin im Berliner Oskar-Helene-Krankenhaus. Ihr Grab befindet sich auf dem Städtischen Friedhof Charlottenburg, neben der Ruhestätte Paul Cassirers. Vermutlich ein Geschenk ihres zweiten Ehemanns ist ein Collier, das heute als Tilla-Durieux-Schmuck bekannt ist. Die Schauspielerin stiftete das aus Platin gefertigte Stück 1967 zum 65. Bühnen-Jubiläum. Alle zehn Jahre wird der Schmuck an eine herausragende deutsche oder österreichische Schauspielerin vergeben, zuletzt 2010 an Judith Hofmann. Tilla Durieux’ setzte Maßstäbe, die bis heute gelten.