Ray Cokes Stimme klingt wie die eines guten Freundes. Selbst wenn man ihn lange nicht gesehen hat. Denn bei einem guten Freund wirkt alles vertraut – und aus Jahren, in denen man sich nicht gesehen hat, werden gefühlt ein paar Wochen. Ray Cokes ist seit 1996 eigentlich weg vom Bildschirm. Zumindest vom deutschen. Bis dahin war er über zehn Jahre lang wohl der bekannteste Moderator des Musiksenders MTV Europe.
Für alle, die Musikvideos nur noch auf Youtube schauen, erfolgreiches Musikfernsehen – das gab es wirklich. Es war nicht nur erfolgreich, sondern auch avantgarde, sogar die Werbung, die zwischen den Clips lief, war besser und jugendlicher als auf allen anderen Sendern. Man konnte MTV stundenlang schauen, es war die Welt der jungen Menschen. Als es das Internet noch nicht gab, einziges internationales Schaufenster für Musik, Lifestyle, Zeitgeist und Kunst. Und an Ray Cokes Geschichte erzählt sich ganz viel von dieser Zeit und vom Wandel in der Musikbranche.
Ray Cokes moderierte fünf Jahre lang das auf ihn zugeschnittene „Most Wanted“. Seine Gags, seine Gäste, seine Musik. Bis, ja, bis seine Zeit bei MTV mit einer Moderationskatastrophe zu Ende ging. Er verlor die Fassung.
Die Zuschauer randalierten
MTV machte eine Show, die in Hamburg auf der Reeperbahn aufgezeichnet wurde. Der Sender kündigte vorab die Toten Hosen an. Machte aber nicht klar, dass es sich nicht um einen Live-Auftritt, sondern nur um eine Zuschaltung zu einem anderen Konzert der Band handelte. Die Zuschauer randalierten, bewarfen und beschimpften die Moderatoren. Wurden handgreiflich und irgendwann rastete Cokes aus, erklärte, warum Engländer besser Fußball spielen und noch einiges mehr. Die Show war irgendwann zu Ende, der Sender-Chef ermahnte Cokes und wollte ihm eine Pause verordnen. Doch der wollte nicht mehr. Nach zehn Jahren war Schluss.
Und nun, 18 Jahre nach diesem Vorfall, hat er ein Buch geschrieben. Eines über sein Leben, aber auch eines über den Aufstieg und Fall des Musikfernsehens. Es heißt „My most wanted life“. Die Idee kam ihm vor vier Jahren, ausgerechnet in Berlin. Er fand keine Jobs und war sich sicher: „Ich bin jetzt eigentlich fertig mit meiner Karriere.“ Was macht man da? „Ich dachte: Ich passe nicht in die aktuelle TV-Unterhaltung, obwohl ich selbst als Juror in einer Talentshow in Belgien sitze. Also, schreibe ich über meine Zeit bei MTV. Außerdem wollte ich auch etwas hinterlassen.“
An dem Buch hat er eineinhalb Jahre geschrieben. „Ich dachte erst, ich brauche nur sechs Monate. Ich habe Deadline um Deadline verpasst. Dann drohte mir der Verlag, dass wenn ich jetzt nicht liefere, sei das Projekt gestorben.“ Er schrieb. Und wie es dann eben so passiert, hat Cokes genau dann wieder Aufträge und Jobs bekommen, als er plötzlich keine Zeit mehr hatte. Eben unter anderem auch als Juror in einer Casting-Show – „Belgiums got Talent“. Jetzt macht er das und bewertet junge Menschen. Mit Musikfernsehen aber haben solche Formate nichts zu tun, „das ist alles nur Karaoke“. Daher folge der Casting-Show auch keine Karriere. Echte Musik, echte Stars, das war seine Zeit: „Das Musikgeschäft hat sich seither sehr verändert, Musiker haben heute keine langen Karrieren mehr vor sich, sie verdienen nicht Millionen. Die großen Stars gibt es nicht, nur noch ein paar für die jüngere Generation.“
„Musikalisch waren die 90er eine großartige Zeit“
Mit einigen von damals hat er immer noch Kontakt. Zu Robert Smith, Indie-Ikone und Sänger der Band „The Cure“, zu Damon Albarn, Leader der Band „Blur“ oder der isländischen Künstlerin Björk. „Musikalisch waren die 90er eine großartige Zeit“, sagt er und freut sich immer noch darüber, dabei gewesen zu sein. Er sei immer Musikliebhaber gewesen. In seiner Show moderierte er immer lässig und auf gleicher Höhe mit den Stars, das war sein Markenzeichen. Richtig Fan war er von Radiohead. „Als Thom Yorke mit seiner Band in die Show kam, war ich so aufgeregt.“
Bevor er 1987 von MTV angeworben wurde und nach London zog, lebte er in Belgien. Cokes, in Ton und Stil ein typischer Brite, hat viel Zeit im Ausland verbracht. Als Kind richtete sich der Wohnort seiner Familie nach der Stationierung des Vaters, der bei der Royal Navy war. Seinen Eltern hat er das Buch gewidmet, aber lesen sollten sie es nicht. „Meine Eltern kennen mein erwachsenes Leben gar nicht, daher habe ich ihnen gesagt, schaut besser nicht rein. Meine Mutter fragte daraufhin: ‚Ray, nimmst du Drogen?’“
In seinem Buch tauchen tatsächlich an einigen Stellen Alkohol, Kokain und Haschisch auf. Aber über Leute, die daraus schließen, er wäre abhängig oder er hätte unter Drogeneinfluss moderiert, kann er sich so richtig aufregen. „Die Leute verstehen nicht, dass man Drogen auch zum Spaß nehmen kann.“ Im Gespräch beteuert Cokes, wirklich nie eine Show unter Drogen gemacht zu haben. Nur einmal habe er an einem Joint gezogen. „Es war schrecklich. Mein Mund war trocken, ich fühlte mich paranoid. Ich habe es nie wieder gemacht.“ Denn seine Performance sei abhängig von Intuition und Spontanität. Ich verlasse mich dabei auf meine Improvisation meinen Verstand und Witz. Dazu muss man kristallklar sein.“
Auch am ersten Tag bei MTV machte er gleich diesen Fehler. Bei der Eröffnungsshow des Senders in Amsterdam sollte er spontan die Moderation übernehmen und Elton John ansagen. Damals war er nicht „kristallklar“, zu viel Wein und Selbstüberschätzung, und er verpatzte die Nummer. Elton John sprach danach nicht mehr mit ihm. Die ganzen zehn weiteren Jahre bei MTV nicht.
Besondere Beziehung zu Berlin
Cokes Buch wird im deutschen Verlag Schwarzkopf-Schwarzkopf verlegt. Dass das Buch auf Deutsch veröffentlicht wird, sei ihm wichtig gewesen. Cokes hat eine besondere Beziehung zu Deutschland, vor allem zu Berlin. Er lebte zwei Jahre im Prenzlauer Berg von 2008 bis 2010. „Ich zog nach Berlin, weil jeder sagte, da musst du hin. ‚This is it, this is the new place.’ Ich war sehr beeindruckt von dieser modernen Stadt, mit tausend Kränen, die neue Gebäude bauten. Aber nach zwei Jahren reichte es mir. Ich war einsam, sprach kein Deutsch, außerdem waren die Leute unfreundlich.“ Heute hätte sich das geändert, aber damals sei es schlimm gewesen. Außerdem habe es damals noch nicht das Soho-House gegeben.
Als die Mauer fiel, schickte MTV ein Team nach Berlin. Für diese Sendung schämt sich Cokes bis heute. „Sie forderten uns auf, mit einem Hammer auf die Mauer einzuschlagen. Und ich dachte die ganze Zeit: Nein, ich darf das nicht, weil ich nicht die Mauer eingerissen habe, das waren andere.“ Und dann drückte jemand vom Sender auch noch zwei Grenzsoldaten zwei MTV-Regenschirme in die Hand und machte Fotos. Diese Bilder verwendete der Sender dann zur Eigenwerbung. „Es fühlt sich immer noch merkwürdig an, MTV hat den Mauerfall als kommerzielle Aktion genutzt.“
Natürlich habe ihn aber die Stimmung in der Stadt begeistert. „Alle waren so euphorisch. So frei.“
Heute lebt Cokes wieder in Belgien, in Antwerpen, mit seiner Freundin Lilly, die auch sein Buch redigiert und begleitet hat. Ob er irgendetwas in seinem wilden Leben bereut? Vielleicht, dass er seinen Sohn, der mit der Mutter in Belgien lebte, nicht genug während der MTV-Jahre gesehen habe. Der Sohn ist heute 34 und Cokes 56 Jahre alt. Sie würden sich sehr gut verstehen und stehen sich sehr nahe. Mehr würde er dazu nicht sagen wollen. Aber zur Zukunft: Denn Cokes plant zum 20. Geburtstag von „Most Wanted“ im nächsten Frühjahr eine Wiedervereinigung. Mit allen Leuten aus dem Team von damals. „Wir wollen die Sendungen crowdfunden und ein paar Shows in Hamburg machen.“ Warum Hamburg, der Ort seiner größten Niederlage, und nicht London? Cokes antwortet: „In Deutschland kennt man uns besser, außerdem sind die englischen Zuschauer sehr zynisch und die Deutschen heißen einen willkommen. Und ich brauche eine gutes, warmes Publikum.“ Vielleicht kommen die Toten Hosen ja dieses Mal wirklich.


