Ed Sheeran ist 23 Jahre alt, kommt aus England, und in den USA gilt er als großer Star. In New York hat er dreimal hintereinander den Madison Square Garden ausverkauft (und in diese Halle passen immerhin 18.000 Menschen). Sheeran war auch schon ein paar mal in Berlin. Anfang des Jahres spielte er in der O2 World, als Vorband seiner guten Freundin Taylor Swift. Im Sommer gab es bisschen Promo auf dem Schulhof eines Berliner Gymnasiums.

Am Freitagabend tritt er immerhin schon in der Max-Schmeling Halle auf, weil die zunächst gebuchte Columbiahalle nicht mehr ausreichte. Sheeran weiß also, dass es hier größer geht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es hier in Deutschland doch einmal so weit bringen würde“, ruft er seinem Publikum zu. Sie hängen an seinen Lippen, jubeln, klatschen und machen fleißig Handyfotos. An den Balustraden rund um die Halle stehen sie schon in drei Reihen, dabei sehen hier nur die, die ganz vorne stehen.

Was ist dran an Ed, dem Jungen, der in Jeans und einem fast spießig langweiligen karierten Hemd auf die Bühne kommt? Einem, der anstelle einer schnittigen Elektro- eine große Akustikgitarre umgeschnallt hat. Der nur deshalb nicht als unscheinbar bezeichnet werden kann, weil er leuchtend rote Haare hat. Sheeran ist einerseits so erfolgreich, weil er gute Popsongs schreiben kann, andererseits mag es daran liegen, dass er im Gegensatz zu anderen Top Acts auf wildes Brimborium verzichtet. Er braucht weder inszeniertes Styling mit Nieten, Neon, Leder oder Lametta (bis auf Tattoos, die mag er).

Und er braucht keine Band, keine Background-Sänger und erst recht keine Tänzer in knappen Kostümen. Der junge Mann hat kein Problem damit, sich mit seiner Akustikgitarre in eine ausverkaufte Halle zu stellen und drauflos zu singen. Sheeran weiß nämlich, dass er a cappella genauso gut klingt wie auf einem durchproduzierten Album. Er macht eh gern alles selber. Gut, dass es das Loop-Pedal gibt: Einfach schnell ein paar Spuren aufnehmen, abspielen und schon hat man seinen Begleitsound.

Wie in einem englischen Fußballstadion

Das aktuelle Album „X“ hat er mit Pharrell Williams und Rick Rubin produziert. Dass es sich gut verkaufen würde, ist bei dieser Kombination keine ernsthafte Frage mehr. Die Single „Sing“ ist ein Stück, dem man seinen Pharrell auf 100 Meter anhört. Der Refrain ist catchy, keine Frage. Aber es ist eher eines der schwächeren Stücke, eine gefällige Nummer für die Großraumdisko. Den Mädchen, Frauen und erstaunlich vielen Jungen und Männern hier ist das egal. Sie finden jedes Stück gut, ausnahmslos. Und wer vermutet, die Jungs wären nur wegen der Freundinnen gekommen und die Männer müssen ihre Töchter begleiten, irrt. Auch bei ihnen sitzen die Texte! Eigentlich könnte Sheeran das Mikro auch auf lautlos stellen. „Ihr seid heute Abend meine Begleitband“, feuert er sein Publikum an und man fühlt sich ein kleines bisschen wie in einem englischen Fußballstadion.

„One“, eine zerbrochene Beziehung. Auch wenn es die Mädchen in der Schmeling-Halle kaum glauben mögen, es scheint tatsächlich eine Frau gegeben zu haben, die den Sänger abgeschossen hat. Und das Stück über diese Begebenheit singt Sheeran so schön uncool mit Kopfstimme. Er gibt zu, dass er sich nichts mehr wünscht, als immer noch mit der Frau zusammen sein zu können: „ Just promise me you’ll always be my friend, cause you are the only one.“ Weiter im Text erzählt Sheeran wie er besoffen nach Hause stolpert, um da stundenlang alte Liebeslieder anzuhören. Wer das nicht nachvollziehen kann, dem wurde noch nie das Herz gebrochen.

Herrlich unschuldig

Bei „Thinking Out Loud“ brechen dann wirklich alle Dämme. Herrlich unschuldig und ganz und gar blauäugig verspricht Sheeran uns seine Liebe und die Ewigkeit. Schluck. Die Handytaschenlampen werden angeknipst. Jetzt wäre der richtige Moment für die Herren, Rosenblätter zu streuen und vor ihren Freundinnen auf die Knie zu gehen. Andererseits hängen die Damen jetzt an Sheerans Lippen. Also erst fertig jubeln, ab auf die heimische Couch und dann die Rosenblätter. Ed Sheeran ist sozusagen eine One-Man-Boygroup. Wie passend, dass er kurz noch ein Stück von den Backstreet Boys einschiebt.

Ed Sheeran ist natürlich viel berechnender als der nette Typ, den er heute auf der Bühne präsentiert. Er ist leicht zu unterschätzen, doch seinen Erfolg hat er präzise vorbereitet. Und Sheeran liebäugelt mit der O2 World, beim nächsten Besuch.