Erst kommen die Roboter. Dann die Bauarbeiter. Die Neue Nationalgalerie schließt im Januar 2015 für eine mehrjährige Sanierung. Zuvor aber spielen Kraftwerk, die Väter der modernen Tanzmusik, Wegbereiter von Depeche Mode, von Love Parade und Techno, an acht Abenden eine Konzertreihe ihrer wichtigsten Songs und Alben. Dies gab der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, bei einer Pressekonferenz bekannt.
Mitglieder der als medienscheu berüchtigten Band erschienen bei der verblüffend kurzfristig angesetzten Konzert-Verkündung nicht. Kraftwerk befanden sich 1000 Kilometer weit entfernt in Paris, wo die Düsseldorfer am Abend das Auftaktkonzert ihrer dortigen Showserie geben sollten.
Das Gastspiel in Berlin ist seit langem überfällig. Im April 2012 stellte die Band ihr aktuelles Live-Konzept vor. An keinem geringeren Ort als dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Hatte man sich bis dahin über vier Dekaden als Lieferant genialer Elektro-Perlen wie „Das Model“, „Die Roboter“ und „Tour de France“ bewährt, wurden Kraftwerk in der einstigen Heimatstadt Andy Warhols nun selbst zum Kunstwerk. Mit einem Programm dass jeder, vom Kind bis zum Senior versteht.
Umschwirrt von Bildern, Symbolen, Schriftzügen
Das Publikum trägt zum Konzert 3D-Brillen und wird ab dem ersten Ton der gut zweistündigen Konzerte umschwirrt von Bildern, Symbolen und Schriftzügen, die dreidimensional in die Halle projiziert werden. Zuschauer zwischen Wien und Los Angeles, Singapur und Sao Paolo, erlebten seitdem den atemberaubenden Zukunftsmix aus moderner Digitaltechnik und mitunter fasst umwerfenden Soundwellen. Der deutsche Chef-Kurator im MoMA, Klaus Biesenbach, ließ allerdings bei der Premiere die Bässe etwas dämpfen. Er fürchtete, dass ihm die Bilder von der Wand fliegen würden.
Derlei Sorgen muss sich Udo Kittelmann nicht machen. In seiner 1968 von Ludwig Mies van der Rohe geschaffenen Neuen Nationalgalerie steht ab Januar 2015 die dringend nötige Generalsanierung an. Das kann drei bis fünf Jahre dauern. Als alternative Veranstaltungsorte für die Schauen der Neuen Nationalgalerie sind der Hamburger Bahnhof, die Alte Nationalgalerie, der Martin-Gropius-Bau und die Gemäldegalerie im Gespräch.
Als großen finalen Paukenschlag vor Umbaubeginn wünschte sich Kittelmann seit vergangenem Jahr die Lieblings-Combo seiner Jugendtage ins Haus. Lange hatte er sich als Kind an dem orientiert, was ihm aus einem wackelig am Fahrradlenker befestigten Transistorradio entgegen schallte. Aber erst das Live-Erlebnis eines Kraftwerk-Konzerts im Alter von 14 Jahren sollte seine Hörgewohnheiten dauerhaft prägen.
Sound-Attacke aus dem 21. Jahrhundert
So wagt man dort nun ausgerechnet zur Schließung des Baus zum ersten Mal eine Reihe Musikkonzerte. Zuvor muss aber noch einiges geschraubt werden. Für die zur Zeit noch bedeutungsschwer stehenden 144 kahlen Baumstämme des Künstlers David Chipperfield mag die einmalige Glas-Stahl-Halle durchaus passend sein. Für eine Sound-Attacke aus dem 21. Jahrhundert allerdings hallt und scheppert es im Hause derart, dass die wahren künstlerischen Leistungen dieser bevorstehenden Monate der alten Neuen Nationalgalerie wohl die Dämpfungs-Strategien der Bühnenbauer und Toningenieure sein werden.
Von Dienstag, dem 6. Januar 2015 an spielen Kraftwerk dann unter dem Titel „Der Katalog - 12345678“ jene acht Alben, an deren Beginn vor 40 Jahren die Schallplatte und Musik-Kassette „Autobahn“ stand. Es ist das erste Konzert der Band seit 2004. In 3D braust das Publikum am Eröffnungsabend zur naiven Synthie-Pop-Melodie im kleinen VW-Käfer durch deutsche Landschaften. In düstere Tiefen führt die Zuschauer am Donnerstag der „Trans Europa Express“ von 1977. Schienen führen scheinbar direkt ins Publikum, so dass man angesichts der nahenden Lok zur Seite springen möchte. Bis unter die Decke segelt dagegen das „Spacelab“ aus der Freitags-Show. Völlig schwerelos. Und am Sonnabend zeigt die Animation zu Elektro-Klassiker „Nummern“ – nun, Nummern, eben. Zum Abschluss jedes Albums zeigen und spielen Ralf Hütter und seine Roboter-artig an ihren ihren Computer-Terminals instrumentierenden Kollegen Material von anderen Veröffentlichungen.
Wer sich ohne besondere Vorlieben und Vorkenntnisse einen spannenden Abend mit Kraftwerk machen möchte, sollte den Montag wählen, an dem das Album „The Mix“ Stücke aus allen Phasen der Combo vereint.
Ab 15. November sind unter www.kraftwerk.tickets.de pro Show 1700 Karten im Verkauf. Preis: 71,50 Euro. Für Berlin erdachte man sogar eine Sonderregelung: Fans können am 14. November um 24 Uhr vor der Neuen Nationalgalerie Karten kaufen. Mit Geld statt Karte. Bei einem echten Menschen. Ganz ohne Computer. Ob Kraftwerk da wirklich das richtige Bild von den Berlinern haben?


